Seltsamkeiten unsrer Tage

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Lokomotive an der Oder, 24. März 1863

Es ereignet sich wol zu jeder Zeit einmal etwas, was innere Widersprüche in sich trägt; die Zeit aber, wo dergleichen Ereignisse sich häufen, kann doch wol für keine gesunde Zeit gelten. Als unlängst von Halle aus Herr v. Bismarck als der neue Blücher gefeiert wurde, der den größeren Kampf siegreich durchfechten sollte, da meinten die dortigen Feudalen doch ganz gewiß nicht einen Kampf mit den paar hundert Abgeordneten, sondern den mit der Majorität der Nation. So gehässige Aeußerungen aber müssen das Volk stutzig machen. Was soll der neue Blücher? Soll er sein eigenes Volk, wenigstens seine eigenen Landsleute mit Blut und Eisen zu seiner Ansicht bekehren oder vielmehr dazu zwingen? — Aber der Gedanke der Feudalen in Halle ist nicht vereinzelt geblieben; in den letzten Tagen hat Herr v. Bismarck einen Ehrendegen von Koblenz zugesendet bekommen mit der eingravirten Inschrift: „Viel Feind‘, viel Ehr’“, und „zur Erinnerung an den 16. Februar 1863,“ d. h. zur Erinnerung an die Kammerverhandlungen über Preußens Verhältnis zum polnischen Aufstand, wo die Kammer und mit der Kammer zugleich alle bedeutende Kabinette Europa’s die vom Ministerpräsidenten vertheidigte Convention vom 8. Februar, welche thätige Mitwirkung zur Unterdrückung der Polen versprach, tadelte und als gefährlich mißbilligte. — Wofür oder wozu erhält nun der neue Blücher diesen Degen? wer sind die „Viel Feind’?“

Nun zu etwas anderem. — Am 17. März wurde auch in Münster ein Veteranenfest gefeiert und das ist erfreulich, denn die wackeren Alten haben wol noch einige Freudentage verdient, ehe sie zur ewigen Ruhe eingehen. Man vertheilte dort die Festlieder, deren Mittelpunkt, wie es nicht anders sein kann, das „Heil Dir im Siegerkranz“ bildete. Aber in allen Exemplaren fehlt der Vers: „Nicht Roß, nicht Reisige Sichern die steile Höhe, Wo Fürsten stehn; Liebe des Vaterlands, Liebe des freien Manns, Sichern den Fürstenthron Wie Fels im Meer.“ Warum war von den betreffenden Festordnern dieser Vers gestrichen worden. Man hat diß Lied die Preußische Nationalhymne genannt und hat dasselbe schon viele tausendmal bei feierlichen und festlichen Anlässen gesungen; warum soll wol jetzt, 1863, ein gewiß nicht schlechter, nicht schwungloser Vers gestrichen werden? Was seitAbfassung des Liedes für wahr und schön galt, sollte das mit einem Male unwahr und unpassend erscheinen. Aufgefallen aber ist diese unliebsame Aenderung und Neuerung und zwar westphälischen Veteranen, die den alten, unverstümmelten Text auswendig wußten.

Das Fest am 17. d. M. hat auch andere Seltsamkeiten und Widersprüche an den Tag treten lassen; in Berlin, dem lebens- und festlustigen Berlin, haben (wenn die Zeitungen recht berichten) die Gewerke und Zünfte mit alleiniger Ausnahme der Bürstenbinder alle Betheiligung am Festzuge verweigert; und doch hatte dieser Ehrentag der Ritter des eisernen Kreuzes allen Anspruch darauf, ein wahres Volksfest der Hauptstadt Preußens zu werden. Noch schlimmer stand es an diesem Tage in Elbing, wo, wie schon erwähnt, der Oberbürgermeister Vorkehrungen treffen mußte, daß nicht gerade an diesem Tage ähnliche Scenen herbeigeführt wurden, wie sie ein Jahr vorher Mühlhausen mit Schrecken in seinen Mauern sah, wo ein von Reaktionären aufgestachelter Pöbel die sogenannten Demokraten räuberisch und mordbrennerisch überfiel. — Ist denn das eine würdige Feier Preußischer Jubeltage?

Und fassen wir jetzt größere und allgemeinere Verhältnisse ins Auge, so muß es höchst seltsam erscheinen, daß dasselbe Oesterreich, dessen gänzlichen Zerfall man 1860 erwartete, jetzt so zu sagen die tonangebende Macht Europas geworden ist. Da bemüht sich England um Oesterreichs Zustimmung und Frankreich sucht gleichfalls die Unterstützung Oesterreichs zu gemeinsamen Schritten für Polen nach. Rußland, das wahrscheinlich von Oesterreichs Seite gleiche Bereitwilligkeit wie von Preußen vorausgesetzt hatte, erklärt sich mit der Haltung des Wiener Kabinettes ganz einverstanden — weil es Furcht hat, Oesterreich könne eine feindselige Stellung einnehmen. In seinem Innern aber ist Oesterreich heuer das erste Mal seit unvordenklichen Zeiten auf dem besten Wege, aus den ewigen „Defizit’s“ heraus und in eine haltbare Finanzlage hinein zu kommen. Der Kaiser hat es nämlich gewagt, ohnerachtet der Verhältnisse Italiens und Ungarns die Armee auf eine noch geringere Zahl zu beschränken, als im Auslande bekannt geworden ist. Diese außerordentliche Verminderung der Ausgaben und die durch die Gebührentaxe herbeigeführte Mehreinnahme könnten endlich auch im Finanzwesen hoffnungsvollere Zeiten herbeiführen.

Nun aber ist Oesterreichs — wenigstens der österreichischen Regierung — Stellung Preußen gegenüber seit langen Jahren nie so schroff gewesen, als wie sie es jetzt ist; die Oesterreicher aber sind daran nicht schuld, sondern unser Herr Minister-Präsident, der die Convention mit Russland in Schutz nimmt, hat Oesterreich ganz offen den guten Rath gegeben, seinen Schwerpunkt nicht in Deutschland, sondern anderswo etwa in Ungarn zu suchen oder dahin zu verlegen. Wenn die österreichische Regierung gezwungen wäre, diesem Rathe des Herrn von Bismarck unbedingt Folge leisten zu müssen, so würde Herr von Bismarck von Seiten aller Preußen und aller wahren deutschen Vaterlandsfreunde mehr Verehrung und Bewunderung verdienen, als der schönste Kalender-Heilige; wenn aber ein solcher Vorschlag weiter nichts bewirkt, als daß er die uns zunächst stehende größere Großmacht verletzt und erbittert: wenn thatsächlich die bedeutendsten deutschen Vaterländer mehr zu Oesterreich als zu Preußen sich fest hinneigen, und wenn es andrerseits Preußen sehr nahe gelegt wird, seinen Schwerpunkt, wo nicht nach Warschau oder St. Petersburg, so doch ausschließlich von Frankfurt weg und nach Berlin zu verlegen, so kann man nur über den Wagemuth staunen, der Oesterreich von da ausscheiden heißt, wo es (leider!) selbst fester und behaglicher sitzt, als der, der es gehen heißt. — Ja, es ist wol seltsam; als Preußen zu Ende der zwanziger und zu Anfange der dreißiger Jahre jede patriotisch-liberale Regung mit Härte verfolgte, da hatte es Rußland und Oesterreich und die meisten deutschen Regierungen für sich; als 1858 das Ministerium Hohenzollern mit Auerswald und Schwerin wahrhaft liberalen, verfassungsmäßigen Ideen eine Gasse durch Deutschland bahnen sollte, da jauchzte ihm der begeisterungsfähige Theil des deutschen Volkes aus allen Gauen zu und England begrüßte diesen Aufschwung mit Freuden, wenn auch alle nicht liberalen Regierungen bestürzt oder scheel dazu sahen: jetzt, wo Preußen eine mächtige Verstärkung des stehenden Friedensheeres durchführt, wo der Kampf zwischen Regierung und Abgeordnetenhaus seinen ununterbrochenen Fortgang nimmt und wo die gegen Polen geschlossene Convention nach allen Seiten hin verletzt, jetzt sieht Preußen weder die Regierungen noch die Völker auf seiner Seite und muß sich für die seltsame Vereinsamung seiner Stellung trösten mit dem Beifall der Majorität — des Herrenhauses.

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