Ist die polnische Frage nun todt?

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Lokomotive an der Oder, 26. März 1863

Langiewicz, der Dictator Polens, ist mit seinem weiblichen Adjutanten, oder, wenn das besser klingt, mit seinem Rittmeister (magister equitum) vom schönen Geschlecht in Tarnow in österreichisch Gallizien internirt, d. h. verhindert, diesen Aufenthaltsort zu verlassen. Er hat gewiß sein möglichstes gethan, um durch Tapferkeit, Einsicht und Entschlossenheit die polnischen Waffen so lange siegreich zu erhalten, als diß mit ungeschulten Leuten disciplinirten Truppen gegenüber überhaupt geschehen konnte, besonders da er eine erdrückende Uebermacht gegen sich hatte; aber er hat doch den Russen das Feld überlassen müssen. Die einzelnen zerstreuten Banden, ohne irgend einen nennenswerthen Führer, ohne erheblichen Zuzug aus den Städten, ohne Unterstützung von der ländlichen Bevölkerung, ja von dieser zum Theil gehaßt und verfolgt, werden und können Polen nicht frei machen und in wenigen Wochen wäre das Trauerspiel dieser hoffnungslosen Erhebung eines tapferen, todesmuthigen Volksstammes zu Ende gewesen, — wenn eben dieser Aufstand nur ein innerer Kampf zwischen Russen und russischen Polen geblieben wäre.

Seit aber am 8. Februar Preußen einen gegen die aufständischen Polen gerichteten Vertrag, mag er nun lauten wie er wolle, mit Rußland abgeschlossen hat, betrachteten auch andere Staaten jenen Ausstand nicht als eine innere Frage Rußlands, sondern als eine Frage, zu deren Lösung alle bedeutenden Mächte Europa’s ermächtigt und berufen sind. Auch läßt es sich nicht leugnen, daß die wiederholten Aufstandsversuche der Polen gegen die Russen große Aehnlichkeit haben mit den Erhebungen der Griechen gegen die Türken in den zwanziger Jahren. Den ersten wahrhaft liberalen Schritt zu Gunsten der Polen that nun die englische Regierung, welche die acht Unterzeichner der Wiener Verträge aufforderte, dahin zu wirken, daß Rußland veranlaßt wurde, die den Polen 1815 verheißene freie Verfassung jetzt zur Beruhigung des Landes zu gewähren. Dabei wurde englischerseits anerkannt, daß Preußen seinen Verpflichtungen Polen gegenüber vollständig nachgekommen sei; von Oesterreich wurde gänzlich geschwiegen. Könnte Preußen diesem gewiß reiflich erwogenen Vorschlage offen beistimmen, der auch gewiß den großherzigen Gesinnungen des Kaisers Alexander II. nicht widerstrebt, so würde es sich im Einklange mit den Westmächten und Schweden befinden und jede Gefahr vor einer drohenden Verwickelung wäre beseitigt.

Anders steht es mit Frankreich; dort ist die zur Schau getragene Begeisterung für Polen nach allgemeiner Ansicht eigentlich nichts, als ein verstecktes Gelüst, bei dieser Gelegenheit das linke Rheinufer zu erobern. Preußen steht Rußland bei und wir Polen; das ist die Stimmung in Paris und Frankreich, welcher der Prinz Napoleon im Senate einen lauten und gehässigen Ausdruck verlieh. Polen beistehen heißt aber soviel als Preußen angreifen und kein Preuße sollte vergessen, daß Frankreich ganz gewiß und mit Freuden jede Gelegenheit wahrnehmen wird, um mit Preußen anzubinden, vorausgesetzt, daß es nicht ganz Europa wider sich haben sollte. Freilich wird der jetzige französische Kaiser nicht wie ein Räuber im Rheinlande einfallen, oder wie Ludwig XIV. Deutschlands Grenzen durch Mord und Brand verwüsten; aber, wenn es ihm gelingt, durch den Fürsten Metternich Oesterreich auf seine Seite zu ziehen oder im Falle eines Krieges zu strengster Neutralität zu verpflichten, dann wird er einen Schritt weiter gehen, als England. Er wird sich durch die Stimme seines Volkes zwingen lassen, für die Herstellung eines selbstständigen Polens das Schwert zu ziehen. Wenn nun Preußen in eine solche Forderung schwerlich willigen kann, dann wird Frankreich erst seine Truppen aus Amerika zurückziehen; es wird dann Italien die Sorge, sich zu vervollständigen, selbst überlassen und seine mexicanischen und römischen Truppen gewiß unter lautem Beifall des Volkes am Rheine verwenden.

Wenn nun auch jetzt wirklich schon Maßregeln getroffen worden, die französischen Truppen im großen Uebungslager in Chalons Anfang April zusammenzuziehen, so haben wir dennoch nicht sogleich zu Anfange des Frühjahrs einen französischen Krieg zu besorgen; o nein! Napoleon pflegt nichts zu übereilen und wenn er jetzt offen für die polnische Nation in den Kampf eintritt, um sie „von der Barbarei der Russen“ wie 1859 die Italiener „von der Barbarei der Oesterreicher“ zu befreien, so wird er nicht eher Hand anlegen, bis er des Erfolges — und eines anständigen Macherlohnes gewiß zu sein glaubt. Dann freilich dürfen wir nicht vergessen, daß Rußland und Oesterreich schon ihre Lection für 1815 bekommen haben, daß England zu Lande nicht angreifbar und zu Wasser doch gar zu stark ist und daß somit „die Reihe an den Preußen ist.“ Nur dann wird die Reihe nicht an Preußen kommen, wenn England und Oesterreich, so wie Rußland und das übrige Deutschland fest zu Preußen stehen. Das aber ist eben jetzt der Fall nicht, denn fast überall sahen die Regierungen und die Völker den polnischen Aufstand mit freundlicheren Augen an, als unsre Regierung es that. Freilich ist es noch jetzt nach Niederwerfung des Aufstandes nicht zu spät, eine günstigere Stimmung für Preußen bei den europäischen Kabinetten hervorzurufen, wenn dieses seinen ganzen Einfluß in St. Petersburg benutzt, um für das unglückliche Land eine umfassende Amnestie und eine günstige Neugestaltung der polnischen Verhältnisse herbeizuführen. — Wenn dagegen unsre Regierung fortdauernd einer günstigeren Stellung der Polen zu Rußland sich abgeneigt zeigt, so wird sie den Polen vielleicht mehr nützen und sich mehr schaden, als ihr lieb ist, denn dann wird schon Frankreich als der Retter und Rächer unterdrückter Nationen in seiner Paraderolle auftreten und wenn es Preußen als seinen vereinzelten Gegner findet, dann wird bei gleicher Bravour und gleicher Kriegstüchtigkeit doch zuletzt wol die Uebermacht entscheiden. Wie aber soll sich das Volk für einen Krieg begeistern können, bei dem es sich darum handelt, Polen unter einer solchen russischen Soldatenherrschaft zu erhalten, von der wir grauenvolle Proben genug gehört haben.

Wenn dagegen Preußen mit den andern Großmächten zu Gunsten einer liberalen Regierung für Congreßpolen eintritt, so hat wahrscheinlich Polen durch Niederwerfung des so unzeitgemäßen Aufstandes mehr gewonnen als verloren und wenn dann die so lästigen Zollschranken zwischen Preußen und Congreßpolen fallen, so wird auch Preußen, besonders aber Schlesien in einer weit vortheilhafteren Lage sein,als es bisher zu Rußland stand. Aber freilich um die liberalen Wünsche des» Landes durchzuführen, müssen wir eine liberale Regierung haben und die freundlichen Worte, welche Se. Majestät der König an Seinem Geburtstag zu der glückwünschenden Deputation des Abgeordnetenhauses gesprochen hat, geben auch der Hoffnung darauf wieder neuen Raum.

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