Zur Maßregelung der Tagespresse

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Die Presse (Wien), 2. Juli 1863

Berlin, 29. Juni. [Orig.-Corr.] (Zur Maßregelung der Tagespresse. Die Wühlerei der feudalen Clique.) Der Minister v. Eulenburg soll einem Journalisten gegenüber geäußert haben, daß die Opposition des Schweigens herausfordernder als jene der loyalen Polemik sei, und daß die Regierung gegen letztere keinen Einwand erheben würde. So Graf Eulenburg. In einer gewissen Uebereinstimmung steht damit, was in einflußreichen feudalen Kreisen gesagt wird. Demzufolge würden weitere Verschärfungen der Repressiv-Maßregeln gegen die Tagesblatter eintreten, welche das Verbot mehrerer Journale herbeiführen müssen. Außerdem sollen einige auswärtige Journale verboten werden, und es circulirt bereits eine Liste derjenigen Blätter, welche nicht durch fügsame Correspondenten bedient, und durch diese Maßregel getroffen werden sollen. Ueber diese inneren Vorgänge ist selbstverständlich das große Lesepublicum nicht unterrichtet, und die scharfen Urtheile über das Aufgeben jeglichen Widerstandes der Presse gegen die reactionäre Regierung mehren sich mit jedem Tage. Man weist auf die Haltung der französischen Oppositions-Presse und auf die österreichischen Journale zur Zeit des Verwarnungssystems hin, und verlangt, daß mindestens eine ähnliche Haltung um der Würde der Presse willen angenommen werde.

Die Handlanger der Feudalherrschaft benutzen wacker das Terrain, das ihnen jetzt unbestritten überlassen ist, und organisiren dasjenige, was das Organ des Herrn v. Bismarck als „Verfassungsstaat“ bezeichnet, nämlich „nur eine Verbesserung der früheren absolutistischen Staatsmaschine.“ Die reactionären Vereine werfen überall ihre Netze aus; man sammelt Gelder zur Gründung neuer Regierungs-Journale; Flugschriften werden zu Tausenden gratis vertheilt; gemiethete Redner durchziehen das Land und wühlen für den patriotischen und Volksverein und gegen parlamentarische Anarchie und fortschrittlichen Despotismus; man colportirt von Haus zu Haus Zustimmungsadressen an Herrn v. Bismarck, und wenn den Trägern derselben irgendwo etwas Unangenehmes passirt, so gehen sie, als ob nichts geschehen wäre, ins nächste Haus. Diesem Treiben gegenüber, sagt man in Berlin, daß die Politik jetzt Sommerferien halte, aber daß im Herbst die Liberalen zur Ernte schreiten werden.

Laut einer der G. C. aus Berlin von guter Hand zukommenden Mittheilung, glaubt man daselbst in der Regierung nahestehenden Kreisen nicht an die Rückkehr des Grafen v. d. Golz auf seinen Pariser Posten. Die Sache soll jedoch weniger mit politischen als mit persönlichen Motiven zusammenhängen. Der Botschafter fühlt sich nämlich verletzt durch die Rolle, welche Prinz Reuß, sein erster Botschaftsrath, am Hofe der Tuilerien spielt; in der That ist dies die Rolle weniger eines Diplomaten, als eines intimen Hausfreundes *). Es gibt dies dem Prinzen in Paris eine ganz exceptionelle Stellung, durch welche sich der Chef der preußischen Botschaft in den Schatten gerückt sieht. Wie dem auch sei, so macht jedenfalls Graf v. d. Golz seinen Bekannten gegenüber gar kein Hehl daraus, daß ihm seine Pariser Stellung nicht länger zusagt.

*) Es will uns scheinen, daß die G. C. hiemit auch genau die Rolle des österreichischen Botschafters definirt, Fürst Metternich ist auch mehr Hausfreund als Diplomat in den Tuilerien.

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