Schweizbegeisterung in Deutschland

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Karl Braun 1864 (aus: „Die Freizügigkeits-Gesetzgebung der Schweiz“, Neuausgabe bei Libera Media):

Wir müssen bei dieser Gelegenheit neben­­­bei einen Irrthum berichtigen, der in vielen deutschen Köpfen grassirt und sich namentlich bei Gelegenheit des letzten Schweizer Bundesschiessens in Chaux de Fonds [1] kund gab in etwas allzu naiven und enthusiastischen Reden unserer deutschen Landsleute, die übersprudelten von Bewunderung der Schweizer Zustände, als wenn dort seit 1848 das goldene Zeitalter angebrochen und in wirthschaftlicher, wie in poli­tischer Beziehung alle Berge geebnet seien. Die Wahr­heit ist die, dass in der Schweiz noch recht lebhaft der Kampf hin- und herwogt zwischen den separa­tisti­schen und reaktionären Tendenzen des zentrifugalen Kantönli-Geistes und dem Drang nach ächt mensch­­­li­cher und politischer Freiheit und Einheit.

Anmerkung

[1]  Das Schweizer Bundesschießen fand am 10. Juli 1863 in La Chaux de Fonds im Kanton Neuenburg statt. Eingeladen waren dazu auch deutsche Schützen, nachdem sich 1100 Schützen aus der Schweiz am Deutschen Bundesschießen 1862 in Frankfurt am Main beteiligt hatten. Vgl. hierzu: Wilhelm Jungermann: Der deutsche Schützen­zug nach La Chaux de Fonds, in: Die Garten­laube, Heft 32, 1863 (Volltext verfügbar bei Wikisource).

Zum Hintergrund

Karl Braun diskutiert, wie der Titel des Buches sagt, die „Freizügigkeits-Gesetzgebung der Schweiz“. Bis 1848 war die Schweiz ein loser Bund von Kantonen, die weitgehend unabhängig waren. Die zentrale Kompetenz war im Wesentlichen auf die gemeinsame Verteidigung begrenzt. Es war nur schwer möglich, zwischen den Kantonen hin- und herzuziehen, weil diese sich gegeneinander abschotteten. Karl Braun vergleicht das mit dem Zustand im Deutschen Bund 1864, der ganz ähnlich ist.

Zwar wurde mit der Errichtung des Bundesstaates 1848 auch die Freizügigkeit in der Schweiz eingeführt: Aber nur für Christen! Insbesondere wehrte sich der Kanton Aargau vehement gegen die Freizügigkeit für Juden. Mit der Teilrevision der Verfassung von 1866 wurde die Freizügigkeit auch für Juden in der Schweiz eingeführt, wobei der Kanton Aargau dennoch eine Ausnahmeregelung noch bis 1879 durchsetzte.

Karl Braun wendet sich nur gegen die übertriebene Begeisterung. Das Einschätzung der Schweiz ist für ihn als deutschen Liberalen (zu der Zeit: Fortschrittspartei, später Nationalliberale, Liberale Vereinigung und Deutsch-Freisinnige Partei) im Großen und Ganzen auch positiv und vorbildlich.

Hinweis

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