Demographische Panik: Wie wichtig sind Geburtenraten?

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Eine häufig geäußerte Ansicht ist die, daß Länder wie Deutschland aufgrund von niedrigen Geburtenraten (oder genauer: geringer Fertilität) an Dynamik verlieren. Der Anteil der dynamischen Jungen sinke, dafür gebe es immer mehr Alte, die versorgt werden müßten. Die Gesellschaft „vergreise“, verliere an Schwung, usw. Es sei von daher notwendig, die Geburtenraten zu steigern, um diese verderbliche Entwicklung umzukehren. Wie im folgenden erklärt werden soll, beruht diese Ansicht wenigstens teilweise auf zwar naheliegenden, aber nicht sehr triftigen Trugschlüssen.

Um diesen Teil nicht mit technischen Details zu überfrachten, sei die Erläuterung der Berechnungen auf einen Anhang unten verlagert. Es ist nur festzuhalten, daß im Hintergrund ein Modell der Wirklichkeit durchgerechnet wurde, dessen Vereinfachungen keinen großen Einfluß auf die qualitativen Aussagen haben sollten. Die Ergebnisse können nicht auf Nachkommastellen hin betrachtet werden (weshalb auch gleich gerundet wurde), sondern nur auf Größenordnungen. Der wesentliche Punkt ist, daß das Modell so aufgebaut wurde, daß die Bevölkerung bei einer Fertilität von 2 (Kindern pro Frau über das Leben) stabil bleibt, nicht bei 2,1 wegen denen, die früh sterben. Insofern sind tatsächliche Fertilitäten im Modell etwas nach unten zu korrigieren.

Was bekommt man nun für eine Bevölkerung mit verschiedenen Fertilitäten im Gleichgewicht (dem Zustand, dem man sich auf Dauer annähert)? Es seien vier Fälle durchgespielt:

  • 1.35 (in etwa nach obiger Korrektur die Fertilität in Deutschland),
  • 2 (nach Konstruktion „replacement fertility“ mit stabiler Bevölkerung),
  • 2.35 (mit einer Korrektur die Fertilität der Welt aktuell) und
  • 4 (im oberen Bereich der Länder weltweit, etwa das Niveau von Afghanistan).

Es werden fünf Gruppen gebildet: Kinder (0-20 Jahre), Junge (20-40 Jahre), Reife (40-60 Jahre), Alte (60-80 Jahre) und Greise (über 80 Jahre). Junge und Reife werden als Aktive (20-60 Jahre) zusammengefaßt. Über die Bezeichnungen kann man sich streiten, sie sind nur als einprägsam, nicht wertend gemeint (2ojährige sind kein Kinder, 40jährige vielleicht auch nicht mehr ganz jung). Hier die Ergebnisse für den Anteil der Altersklassen an der Gesamtbevölkerung:

Fertilität 1.35 2 2.35 4
Kinder 16% 25% 30% 46%
Junge 20% 24% 26% 27%
Reife 25% 24% 22% 17%
Alte 26% 19% 16% 8%
Greise 13% 8% 6% 2%
Aktive 45% 48% 48% 43%

Was vielleicht auf den ersten Blick verblüffend ist: Der Anteil der Aktiven hängt nur wenig von der Fertilität ab. Der Trugschluß, der vielen hier unterläuft, ist dabei wohl, daß man auf der höheren Anteil von Alten und Greisen bei geringerer Fertilität starrt und den geringeren Anteil an Kindern übersieht, der das fast ganz ausgleicht. Bei sehr hoher Fertilität überwiegt der Effekt von Seiten der Kinder sogar, sodaß eine derartige Gesellschaft weniger Aktive hat als eine mit einer Fertilität wie Deutschland.

Der nächste Trugschluß baut auf dem ersten auf: Weil es immer weniger Aktive gibt (falsch oder geringfügig), wird die Belastung durch die immer mehr Alten und Greise (richtig) größer. Dabei wird aber übersehen, daß eine Gesellschaft mit geringerer Fertilität viel weniger für Kinder aufwenden muß. Vermutlich ist der Aufwand für Alte und Greise höher als der für Kinder, aber netto reduziert das die Belastung natürlich deutlich.

Wie schaut es mit der Dynamik aus? Man kann vermuten, daß mehr Alte und Greise auf politischem Wege ihre Befindlichkeiten durchsetzen. Das ist möglich, aber nur wenn man denkt, daß das Wahlverhalten von unmittelbaren Interessen getrieben wird, was eher falsch ist. Für andere Bereiche ist die Sache noch weniger klar: Unternehmen werden sicher mehr Resourcen in Reinigungsmittel für dritte Zähne als für Windeln stecken, im Radio kommen häufiger die Hits von vor 50 Jahren als die neueste Boygroup. Da der Anteil der Menschen im mittleren Bereich jedoch in etwa gleich bleibt, sollte sich hier wenig ändern. Und das ist die bestimmende Altersgruppe. Ob diese eher mit den Trends der Alten und Greisen oder denen der Kinder mitläuft, ist unklar: vielleicht weder das eine noch das andere. Wie die Anteile von Jungen und Reifen zeigen, kann es in der bestimmenden Gruppe zwar gewisse Verschiebungen geben, die aber alles andere als dramatisch ausfallen.

Doch ist eine junge Gesellschaft nicht dynamischer? Schwer zu sagen. Welche Dynamik geht etwa von 5jährigen aus? Bestimmt in einem gewissen Sinne eine, aber keine die meist gemeint ist. Gibt es durch positive Externalitäten von Säuglingen mehr Innovationen oder durch solche von erfahrenen, aber tatterigen 80jährigen? Wen würden Sie eher als Berater für ihr Unternehmen hinzuziehen, den 70jährigen, der vielleicht nicht mehr so fit ist, oder das 10jährige Kind? Wer im einen Fall eine „Vergreisung“ durch den Einfluß der Alten und Greisen befürchtet, sollte, wenn er den obigen Trugschluß ausläßt, umgekehrt bei hoher Fertilität eine „Infantilisierung“ der Gesellschaft befürchten, weil sich alles nur noch um Kleinkinder dreht.

Vielleicht noch ein interessanter Effekt: In der Gesellschaft mit geringer Fertilität ist jede ältere Klasse größer als die nachrückende (außer die Greise). Das kann auf die Dynamik unterschiedlich zurückwirken: wer praktisch lebenslang immer in die nächsten Positionen einrücken kann, ja sogar dort gesucht ist, der ist vielleicht motivierter oder aber träger, weil alles von selbst läuft. Unklar. Umgekehrt in einer Gesellschaft mit hoher Fertilität, wo jeder immer in einen Trichter hineinläuft. Das kann natürlich eine anspornende Konkurrenz entfachen, aber auch viele vor die Wand laufen lassen.

Fazit: Die hier angestellte Betrachtung ist sicherlich nicht erschöpfend, was die Vor- und Nachteile verschiedener Fertilitäten anlangt, sie ist aber vielleicht ein Hinweis, daß gewisse oft geäußerte Behauptungen nicht so einleuchtend sein müssen, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen.

Anmerkungen zum Modell

Angenommen wird, daß Menschen bis 50 Jahre nicht sterben, ab da mit 1% pro Jahr der Anfangspopulation bei Geburt bis 75 Jahre (ein Viertel) und der Rest mit 3% pro Jahr der Anfangspopulation bei Geburt. Das ist nicht perfekt realistisch, aber auch nicht weit weg von der Wirklichkeit. Die Lebenserwartung liegt bei etwas über 80 Jahren unter der Annahme.

Für die Geburten wird angenommen, daß diese im Alter von 15 bis 43 Jahren vorkommen. Die Verteilung wird als eine Funktion angenommen, die linear von 0 auf ein Maximum bei 29 Jahren ansteigt und dann ebenso linear auf 0 abfällt. Auch das ist nicht perfekt realistisch, aber ebenfalls nicht sehr weit von der Wirklichkeit entfernt (der Mittelwert liegt in Deutschland eher bei 31 Jahren).

Die Berechnung ist einfach: Jahrgänge rücken von Jahr zu Jahr auf, je nachdem um die Verstorbenen reduziert. Die Jahrgänge haben Kinder gemäß ihrem Anteil und Alter, die als neuer Jahrgang im nächsten Jahr erscheinen. Egal womit man anfängt, konvergiert die Alterspyramide auf Dauer gegen eine stabile Verteilung. Nach mehr als 200 Jahren wird diese abgegriffen und auf die Altersklassen kumuliert.

Das ließe sich alles bestimmt genauer modellieren. Für die Ergebnisse sollte das, zumal für die relativen Vergleiche, aber wohl nur einen geringen Einfluß haben. Wer das anders sieht, kann gerne zeigen, wieso diese Aussage falsch ist. Ein paar Prozentpunkte Marge halten alle Aussagen locker aus.

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