Sogar Dilettanten können unter unbewaffneten Menschen ein Blutbad anrichten

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Einige Überlegungen zu den Anschlägen in Paris, die vielleicht noch nicht überall standen:

  • Daß die gescheiterten Rapper wieder mal am Werk waren, ist offensichtlich. In Frage kämen dabei Al Qa’eda oder Da’esch (aka Islamischer Staat). Wir würden denken, daß die allgemeine Einschätzung stimmt, daß es sich um Anhänger von Da’esch handelt. Al Qa’eda verübt in der Regel gut vorbereitete und durchgeplante Attentate auf Ziele mit einem hohen Symbolwert. Da’esch bringt es hingegen nur zu dilettantischen Ballereien, bei denen es um die Tötung von möglichst vielen Menschen geht ohne irgendein spezifisches Ziel.
  • Für Da’esch spricht auch das Bekennerschreiben. Allerdings enthält es zwei Fehler: es ist die Rede von acht Tätern, während es nur sieben waren. Auch gab es keine Anschläge im 18. Arrondissement, wie behauptet wird. Man kann also davon ausgehen, daß der Bekenner höchstens in einem sehr losen Zusammenhang mit den Tätern stand, wenn überhaupt. Insofern läßt sich nicht allzu viel daraus schließen.
  • Wir wären auch recht sicher, daß es keine flüchtigen Täter gibt. Offenbar waren alle Beteiligten mit Sprengladungen ausgestattet, die zum Abschluß gezündet werden sollten. Die Tatserie läßt sich dabei am besten wohl so interpretieren: es gab zwei (nicht wie oft behauptet drei) Teams. Das eine Team bestand aus den drei Attentätern am Stadion, das andere aus vier Attentätern, die sich in einem schwarzen Wagen (es wird sowohl von einem Seat Leon als auch einem VW Polo berichtet, was aber derselbe Wagen sein könnte) von Tatort zu Tatort bewegten. Einer von ihnen war der Fahrer, drei waren mit Kalaschnikoffs bewaffnet und verübten die Anschläge auf die Cafés und Restaurants. Sie kamen zuletzt am Theater Bataclan an. Die drei Bewaffneten drangen dort ein, während der Fahrer, der wohl keine Waffe hatte, sich in ein nahegelegenes Restaurant begab, wo er seinen Sprenggürtel zündete.
  • Daß es noch viele weitere Täter gab, halten wir für unplausibel. Irgendwelche Verbindungen werden sich natürlich finden lassen. Aber offensichtlich sollte hier maximaler Schaden angerichtet werden. Es machte für die Täter von daher keinen Sinn, weitere Kräfte nicht zum Einsatz zu bringen, über die man hätte verfügen können. Für eine kleine Zelle sprechen auch grundsätzliche Überlegungen zur Größe von Zellen in derartigen Organisationen. Eine kleine funktionsfähige Gruppe hat danach eine Zielgröße von acht Mitgliedern (mindestens fünf, maximal neun). Siehe hierzu: The Optimal Size of a Terrorist Network. Das wahllose Rumballern deutet auch auf eine Gruppe mit mangelnder Führung hin, vgl. dazu etwa: Max Abrahms: Explaining Terrorism: Leadership Deficits and Militant Group Tactics.
  • Die Argumente in den zitierten Artikeln zeigen auch, daß Da’esch vermutlich, anders als es aktuell oft dargestellt wird, einen sehr niedrigen Organisationsgrad hat. Die gesamte Planung der Anschläge scheint sich auf die Austeilung von Sprenggürteln und die Zeit zum Losschlagen beschränkt zu haben. Das Team, das mit dem Wagen von Tatort zu Tatort fuhr, mußte zudem noch eine Route auskundschaften, auf der leicht zugängliche Ziele schnell angelaufen werden konnten, bevor man zum eigentlichen Ziel, dem Theater Bataclan, kam. Das sollte sich sogar mit Google Streetview schaffen lassen. Auch wenn es Spekulationen über weitreichende Motive gibt, scheint das Ziel Bataclan eher aus dem Veranstaltungskalender vom Tage herausgesucht zu sein.
  • Der Hauptakt sollte wohl im Stadion stattfinden, was mit der Anwesenheit von Präsident Hollande immerhin einen gewissen Symbolwert gehabt hätte. Die Vorbereitung war hier allerdings sehr mangelhaft. Als der Sprengstoffgurt des ersten Attentäters von einem Sicherheitsmann beim Versuch entdeckt wurde, in das Stadion zu gelangen, zündete der Attentäter seine Ladung und tötete dabei einen (nach anderen Angaben drei) Fußballfans. Die anderen beiden Attentäter waren so verdattert, daß sie sich etwas später nacheinander nur selbst in die Luft sprengten. Einen Plan B hatte man sich nicht überlegt. Daß die beiden Teams ohne Verbindung arbeiteten, könnte auch bedeuten, daß sie wenig mehr als die Uhrzeit abgestimmt hatten. Das würde darauf hinweisen, daß man sich sogar nur auf einer noch kleineren Ebene als der der gesamten sieben Beteiligten traute, Pläne auszuarbeiten.
  • Vielfach wird behauptet, es sei doch ganz einfach, in Frankreich an schwere Waffen heranzukommen. Tatsächlich waren die Täter aber dafür verblüffend schlecht ausgestattet. Offenbar verfügten die drei Täter am Stadion über keine Schußwaffen, sie sprengten sich nur in die Luft. Hätten sie einen Plan B gehabt, dann hätte dieser darin bestehen können, bereitliegende Waffen zu einem gewaltsamen Eindringen in das Stadion zu nutzen. Das war aber nicht der Fall. Die Täter, die die Tatserie in den Cafés bis zum Theater Bataclan verübten, hatten nur drei Kalaschnikoffs und nach einigen Berichten eine unbekannte Anzahl von Handgranaten (wir würden das bezweifeln, weil diese auch bei den Anschlägen auf die Cafés zum Einsatz gekommen wären, was nicht der Fall war). Der Fahrer hatte wohl keine Waffe, weshalb er sich an anderer Stelle in die Luft sprengen mußte, weil er im Theater zu nichts nütze war. Ein Polizist konnte im Theater schon vor der letztlichen Erstürmung einen der Täter erschießen. Dessen Sprenggürtel versagte und zündete erst, nachdem er schon getroffen war. Während der Polizist hier ohne weiteres zum Zuge kam, ballerten die verbleibenden beiden Täter zwar in seine Richtung, aber konnte ihn nicht ausschalten.
  • Das Verblüffendste an dem Geschehen im Theater Bataclan ist eigentlich, wie wenige Menschen die drei und dann die beiden überlebenden Attentäter ermorden konnten. Der Saal soll mit 1500 Menschen ausverkauft gewesen sein. Er befand sich von 20 vor 10 Uhr bis etwa 12 Uhr in der Gewalt der Angreifer, die über Maschinengewehre verfügten. Trotzdem gelang es ihnen in dieser sehr langen Zeit nur, etwa 90 Menschen zu töten. Ob es wirklich auch den Einsatz von Handgranaten gab, kann man bei der geringen Zahl bezweifeln. Die wahrscheinlichste Erklärung ist wohl, daß die Attentäter zu wenig Munition dabei hatten, was noch einmal die dilettantische Planung unterstreicht. Daß man mit schweren Waffen unter Hunderten unbewaffneten Menschen ein schlimmes Blutbad anrichten kann, zeigt keine große Professionalität an. Anders Breivik brachte in einer viel unübersichtlicheren Lage in 75 Minuten alleine 69 Menschen um.
  • Der Dilettantismus geht auch über die wenigen Waffen und die knappe Munition hinaus. Die Sprenggürtel waren gerade noch so wirksam, daß sie die Täter zerfetzten. Der erste Attentäter am Stadion konnte dabei einen (oder nach anderen Angaben drei) Menschen töteten. Der Fahrer des Wagens, der sich in einem Café in die Luft sprengte, verletzte die Bedienung, die bei ihm stand, zwar schwer, schaffte es aber nicht, sie zu töten. Ein Hauptelement der Anschläge verpuffte damit recht buchstäblich. Der Grund könnte darin liegen, daß man nur über eine sehr begrenzte Menge an Sprengstoff verfügte, der auf die sieben Täter verteilt werden mußte. Man war wohl auch nicht in der Lage, diesen Sprengstoff herzustellen; denn es hätte ja nichts dagegen gesprochen, sich kiloweise damit vollzuladen, um die Wirkung zu maximieren.
  • Es wird darüber spekuliert, ob der Montenegriner, der mit Waffen und Sprengstoff in Deutschland aufgegriffen wurde, etwas mit dem Anschlag zu tun hatte. Zunächst einmal würden wir hier empfehlen, jemanden aus dem ehemaligen Jugoslawien zu fragen, ob Zlatko ein typisch moslemischer Name ist (nein). Daß eine Gruppe, die sich wohl noch nicht einmal untereinander vertraut hat, einen derart Außenstehenden in einer so sensiblen Frage bemüht hätte, würden wir bezweifeln. Es ist nicht auszuschließen, aber aus unserer Sicht auf den ersten Blick unplausibel. Daß Horst Seehofer das Thema dennoch offensiv ansprach, hat wohl andere Gründe. So eine Gelegenheit darf man eben nie auslassen.
  • So schrecklich die Anschläge sind und so traurig dies für Opfer, ihre Angehörigen und Freunde ist, kann man doch das Positive darin sehen, daß Da’esch sich auf diese Weise als selten unfähige Organisation ausweist. Wenn man in Syrien und dem Irak in einer Schrottpresse sitzt, deren eiserne Wände man langsam zu spüren bekommt, sollte man eigentlich meinen, daß Da’esch dort alle Kräfte konzentriert, um den Brückenkopf zu halten. Stattdessen verzettelt man sich in anderen Ländern, wo man nicht einmal einen Organisationsgrad oberhalb von 10 Personen hinbekommt.
  • Ansonsten begreift Da’esch auch nicht, warum Terrorismus eine fast garantierte Versagerstrategie ist. Hierzu würden wir die Arbeiten von Max Abrahms empfehlen, deren Vorhersagen wieder einmal zu beobachten sein werden. Wenn Da’esch sich einbildet, daß sich Frankreich nun aus Syrien und dem Irak heraushält, ist man ziemlich falsch gewickelt. Wohl kein Land wird sich dort so engagieren. Daß man bereits eine Annäherung zwischen dem Iran, den USA und Rußland zuwege gebracht hat, zeigt die strategische Unfähigkeit auch der obersten Führung von Da’esch. Vielleicht ist das aber auch der wahre Hintergrund für die Attentate in Paris: man eilt in seinem Kernbereich von Niederlage zu Niederlage (zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier und hier). Durch die Aktion kann man davon einmal ablenken und einen Achtungserfolg bei seinen Anhängern erringen, daß man überhaupt noch irgendetwas hinbekommt.

Update

Unsere Vermutung war wohl nicht richtig, daß es sich bei dem VW Polo und dem Seat Leon um dasselbe Auto handelte. Es wurde von den Tatorten entfernt ein schwarzer Seat Leon sichergestellt, in dem sich Kalaschnikoffs befanden. Das würde bedeuten, daß es weitere Täter gab, die entkommen sind. Wir würden vermuten, daß diese zusammen mit den Insassen des VW Polos an der Serie der Attentate auf die Cafés und Restaurants beteiligt waren und sich kurz vor Schluß abzweigten. Das würde auch die knappen zeitlichen Abstände zwischen dem letzten Anschlag und dem Angriff auf das Theater Bataclan erklären. Eine solche Aufsplitterung macht eigentlich keinen Sinn. Vielleicht hat man sich einfach verloren und war dann unfähig, einen neuen Plan zu fassen. Denkbar wäre, daß wie bei der anderen Gruppe recht schnell die Munition ausging. Daß an den Anschlägen auf die Cafés und Restaurants mehr Täter beteiligt waren, würde auch die vergleichsweise hohe Opferzahl erklären.

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