Wieviele würden kommen, wenn die Grenzen geöffnet werden?

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Auf die im Titel gestellte Frage gibt es zwei Antworten, die beide vertreten werden, und das mit plausiblen Argumenten: (1) sehr viele und (2) eigentlich würde sich nicht viel ändern. Offensichtlich können beide Antworten nicht gleichzeitig richtig sein.

Entweder — oder.

Das hängt aber nicht daran, daß die Argumente unbedingt falsch sind, die jeweils vorgebracht werden, sondern daran, daß zwei unterschiedliche Fragen beantwortet werden. Entscheidend ist dabei, was man unter „Grenzen öffnen“ genau versteht.

Beginnen wir mit den Argumenten. Da es hier nicht darum gehen soll, die Details zu verfolgen, sondern den grundlegenden Unterschied herauszuarbeiten, werden die beiden Seiten nur skizziert.

Antwort 1

Es würden sehr viele kommen.

Nach weltweiten Umfragen von Gallup (hier Zahlen von 2009, die seit der Krise etwas gesunken sind) wären sehr viele Menschen an einer Einwanderung in reiche Länder interessiert, wenn sie die Möglichkeit hätten. Deutschland steht dabei, vermutlich aus sprachlichen Gründen, nicht unbedingt im Fokus, ist aber durchaus attraktiv. Die Größenordnung liegt im zweistelligen Millionenbereich, etwa bei 25 bis 30 Millionen Einwanderern, die, wenn sie könnten, gerne nach Deutschland einwandern würden. Offensichtlich wären das sehr viele, die kommen wollten, weit mehr als bisher kommen können.

Hinzu käme, daß die Einwanderer vermutlich eher jung sind. Gründen sie hierzulande Familien, so kommen zur Zahl der eigentlichen Einwanderer noch etwa zwei Generationen hinzu, die mit ihnen kommen, ohne je einzuwandern (das genaue Argument werden wir an anderer Stelle ausführen, hier eine Darstellung auf Englisch). Damit würde der Bevölkerungszuwachs über ein halbes Jahrhundert sogar etwa auf dem Niveau der bisherigen Bevölkerung liegen, für andere Länder sogar darüber.

Daß so viele an einer Einwanderung interessiert sind, sollte nicht erstaunen. Deutschland ist im Weltmaßstab eines der reichsten Länder. Sehr viele Menschen anderswo haben viel weniger als die Menschen hierzulande und könnten sich durch eine Einwanderung nach Deutschland in ihrer Lage massiv verbessern. Da es außerdem sehr viele Menschen (etwa 6 von 7) in ärmeren Ländern gibt, ist auch dafür gesorgt, daß selbst ein geringes Interesse als Rate (historisch hoch wäre etwa 1% der Bevölkerung pro Jahr, die auswandern) durchaus zu hohen Zahlen führen kann.

Antwort 2

Es würde sich nicht viel ändern.

Diejenigen, die das vorherige Argument entwickelt haben, wundern sich darüber, daß jemand die Schlußfolgerung bezweifeln kann, daß sehr viele kommen würden. „Wundern“ ist dabei meist sogar ein zu milder Ausdruck: sie würden an der Zurechnungsfähigkeit desjenigen zweifeln, der meint, daß sich durch eine Grenzöffnung nur wenig ändert und die Zahl der Einwandernden im bisherigen Rahmen bleibt, ja netto vielleicht sogar niedriger als heute ausfällt. Schließlich gibt es eine immense Nachfrage, die auch nachvollziehbar ist. Dennoch hat auch derjenige gute Gründe, der eine andere Antwort gibt, wie etwa der Migrationsforscher Hein de Haas.

Schärfere Grenzkontrollen und Befestigungsanlagen an der Grenze, das ist die Erfahrung, die immer wieder gemacht worden ist, führen nicht unbedingt zu einer geringeren Anzahl an Einwanderern, sondern sogar oft zu einer höheren. Das wirkt auf den ersten Blick unplausibel, ist es aber nicht, wenn man sich folgenden Mechanismus vergegenwärtigt:

Viele, die kommen, bleiben nur eine gewisse Zeit. Wenn sie leicht wiederkommen können, kehren sie in ihr Heimatland zurück, wenn sich die Beschäftigungslage ungünstig entwickelt. Sie kommen wieder, wenn es besser aussieht. Wenn nun die Kontrollen verschärft werden, wird es schwieriger wiederzukommen. Diejenigen, die schon im Land sind, sitzen damit fest. Sie stehen vor der Wahl, länger zu bleiben oder zurückzukehren. Entscheiden sie sich für das letztere, dann vergeben sie ihre Chancen im Land und finden es bei einer Verschärfung des Grenzregimes schwieriger wiederzukommen.

Auch für neue Einwanderer steigen die Kosten, ins Land zu kommen. Sie müssen deshalb einen längeren Aufenthalt ins Auge fassen, damit sich der Schritt lohnt. Durch die reduzierte Rückkehr und die längere Perspektive kann von daher der Bestand durchaus ansteigen, anstatt zu fallen, wie man es auf den ersten Blick erwarten könnte. Und wie gesagt, das ist keine theoretische Spekulation, sondern ein oft festgestellter Zusammenhang.

Ein Beispiel hierfür wäre etwa die Politik der EU rund um das Mittelmeer.

Vor der Einführung des Schengenraums kamen Menschen vor allem aus Nordafrika, aber auch anderen Ländern weiter südlich oder aus dem Mittleren Osten in Länder wie Italien und Spanien, um dort zu arbeiten. Die Kontrolle war lax und so war es recht einfach, mit Schifferbooten über das Mittelmeer zu fahren, aber bei Bedarf auch wieder zurückzukehren. Es entwickelte sich eine „zirkuläre Migration“, bei der die einen kamen, aber auch andere gleichzeitig wieder gingen.

Mit der Einführung des Schengenraums wurde vereinbart, daß anstatt zwischen den Schengenländern nunmehr an den Außengrenzen kontrolliert werden sollte. Daraufhin stellte sich der oben erläuterte Effekt ein. Eine ähnliche Entwicklung gab es auch für die Grenze zwischen den USA und Mexiko.

Wenn man diese Beobachtung rückwärts laufen läßt, dann sollte man erwarten, daß mit weniger Grenzbefestigung und Kontrolle sogar weniger Menschen im Land sein könnte. Ob es nun wirklich ein Absinken gäbe, ist für das zweite Argument gar nicht mal entscheidend. Es würde ja nach Aussage durchaus reichen, wenn es zu keiner großen Veränderung kommt. (Es gäbe allerdings einen großen Unterschied: diejenigen, die das Mittelmeer überqueren, würden das auf viel sicheren Wegen tun als heute, wie es auch vor der Einführung des Schengenraums der Fall war.)

Für manchen Vertreter der ersten Antwort ist das unfaßbar: Schließlich muß es doch Hunderte Millionen Menschen in Afrika geben, die an einer Einwanderung interessiert sind. Dafür sorgt allein das enorme Wohlstandsgefälle. Die Grenzen weniger oder gar nicht zu patrouillieren, würde dann doch eine wahre „Flut“ oder „Lawine“ auslösen! Millionen warten schon in Afrika darauf! Usw.

Wie kann man diesen Widerspruch auflösen?

Die Antwort ist relativ einfach. Beide Seiten haben ja plausible Argumente.  Vielleicht redet man einfach über unterschiedliche Situationen. Und das ist auch so.

Alles hängt nämlich daran, wie schon eingangs bemerkt wurde, was man unter „Grenzen öffnen“ genau versteht. Der Begriff ist zwar suggestiv, aber nicht unbedingt selbsterklärend.

Im ersten Fall bedeutet „Grenzen öffnen“, daß jemand legal in eine Land einreisen darf, sich dort eine Unterkunft suchen und anmieten oder auch kaufen darf und in dem Land auch seinen Unterhalt verdienen darf. Wie man an dieser Erklärung sieht, stellte die schiere Überquerung der Grenze nur einen Teil des ganzen Ablaufs dar. Und entsprechend kann es Behinderungen dieser Freizügigkeit an jedem der einzelnen Schritte geben, und nicht etwa nur an der Grenze selbst.

So wird inländischen Vermietern oder Hausverkäufern verboten, an jemanden zu vermieten, der nicht legal eingewandert ist. Ebenso wird einem inländischen Arbeitgeber verboten, so jemanden zu beschäftigen. Selbst wenn er sich irgendwo einmieten könnte, würde es ihm also an den Mitteln für seinen Unterhalt mangeln, was für die meisten bedeutet, daß sie sich nicht im Land halten können. Außerdem kann man natürlich auch jemanden, der keinen legalen Status hat, aufgreifen und abschieben. Hinzu kämen noch Behinderungen durch Verbote für den Transport, wenn etwa eine Fluggesellschaft jemanden nicht befördern darf, oder bei fast jeder bürokratischen Hürde von der Kontoeröffnung über die Einrichtung eines Telefons bis zum Abschluß einer Versicherung, usw.

Es ist leicht vorstellbar, daß die Kombination aus der Möglichkeit, abgeschoben zu werden, keine legale Unterkunft und keine legale Arbeit haben zu können, usw., die Möglichkeiten von Einwanderern massiv einschränkt, ohne daß an der Grenze überhaupt kontrolliert würde, so massiv, daß nur relativ wenige sich im Land halten könnten.

Erreichen die illegalen Einwanderer im Land einen nennenswerten Anteil an der Gesamtbevölkerung, dann wird es selbst für die unfähigste Polizei leicht, sie aufzuspüren und abzuschieben. Wenn jeder 10. oder gar jeder 2. ein illegaler Einwanderer wäre, bräuchte man dazu bloß ein paar Leute auf der Straße oder sonstwo zu kontrollieren, um fündig zu werden.

Und wenn jemand nur illegale Unterkünfte nutzen kann, dann ist er auf einen viel kleineren Markt verwiesen als andere, die einen legalen Status haben. Jeder solche Vermieter müßte ja mit Sanktionen rechnen. Er würde sich also auf jeden Fall für das Risiko auch eine Prämie ausbitten. Ganz analog ist es mit den Arbeitgebern, die trotz Verbotes illegale Einwanderer beschäftigen. Auch sie würden eine Prämie verlangen. Damit schwinden aber die Möglichkeiten, für illegale Einwanderer, sich im Land zu halten. Es gibt nur eine begrenzte Aufnahmemöglichkeit für illegale Einwanderer bei Durchsetzung aller Behinderungen, selbst ohne Behindung an der Grenze.

Es ist von daher einsichtig, daß bei einem Vorgehen gegen illegale Einwanderer, wie es in reichen Ländern üblich ist, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung nicht sehr hoch werden kann, ganz unabhängig davon, wie das Grenzregime ausgestaltet ist. Für Deutschland wurde die Zahl vor gut 10 Jahren auf etwa 1,3 Millionen geschätzt (Cyrus, Seite 8), was weniger als 2% der Gesamtbevölkerung entspräche. Selbst die vermuteten 11 Millionen Illegalen in den USA machen nur etwa 3% der Einwohnerschaft aus. Das ist um Größenordnungen weniger, als die Umfragen von Gallup anzeigen würden.

Vielleicht sind schon einfach so viele da, wie sich überhaupt halten können? Ein schärferes Regime an der Grenze würde vielleicht auf kurze Sicht einige festsetzen und so zu höheren Zahlen führen. Ob sich auf Dauer wesentlich etwas verschiebt, ist solange unklar, wie die Maßnahmen im Inland gegen die illegalen Einwanderer weiter durchgeführt werden und die wirktliche Behinderung darstellen. Über das Vorzeichen kann man sich streiten, aber es ist nicht unplausibel, daß die Größenordnung für Veränderungen bei einem restriktiveren oder weniger restriktiven Grenzregime eher gering ausfallen sollte, weit unter dem Niveau der ersten Antwort.

Der wichtige Punkt dabei ist allerdings: Das gilt nur, solange diejenigen, die kommen, keinen legalen Status haben und mit all den Behinderungen durch Abschiebungen, illegale Unterkünfte, illegale Beschäftigung, usw. zurechtkommen müssen. Oder anders gesagt: Solange jemand nur mit einem illegalen Status kommen kann, werden nicht so viele kommen. Worüber derjenige spricht, der die zweite Antwort gibt, ist deshalb eine Grenzöffnung in einem ganz engen, wenn auch plastischen Sinne: Abbau von Grenzanlagen, geringere oder keine Kontrolle an der Grenze, aber mit weiterhin allen anderen Behinderungen im Inland für diejenigen, die keinen legalen Status haben.

Und anders sähe es natürlich aus, wenn man auch auf die anderen Behindungen verzichtete, womit de facto oder sogar de jure eine legale Einwanderung möglich wäre. In diesem Fall ziehen die Argumente zur ersten Antwort, und ja, es wäre damit zu rechnen, daß dann sehr viele kommen .

Illustriert wird das auch durch die Entwicklung in den letzten Jahren. Die Zahlen für diejenigen, die niemals über einen illegalen Status hinauskommen konnten, sind nicht wesentlich gewachsen. Aber es gab Gruppen, die durchaus die Möglichkeit hatten, einen legalen Status zu erlangen, nämlich vor allem als Flüchtlinge vor Kriegen und Bürgerkriegen.

Fazit

Die Kontrolle an der Grenze stellt höchstens einen Teil der Behinderungen dar, denen sich Einwanderer gegenübersehen. Vermutlich sind die Behinderungen durch einen illegalen Status (Abschiebungen, Unterkünfte, Arbeit, usw.) wesentlich einschneidender.

Wenn das so ist, dann ist von einer Veränderung des Grenzregimes, egal in welcher Richtung, solange nicht viel zu erwarten, wie die anderen Behinderungen das Übergewicht haben.

Der Anteil an Menschen, die sich bei der in reichen Ländern üblichen Kontrolle und Durchsetzung illegal im Land halten kann, ist notwendig ein kleiner Anteil der gesamten Bevölkerung. Damit ist der Bestand an Illegalen recht begrenzt bei wenigen Prozent der Bevölkerung, vermutlich sogar dann, wenn es keine Kontrolle an der Grenze gäbe.

Wenn zirkuläre Wanderung eine wesentliche Rolle spielt, und das ist plausibel, wenn Illegale sich nur schwer im Land halten können und lange von ihrem Umfeld getrennt sein müssen, dann kann ein schärferes Grenzregime unerwarteterweise sogar zu mehr illegalen Einwanderern im Land führen. Umgekehrt kann eine Lockung zu einem geringeren Bestand führen.

Anders verhält es sich, wenn Menschen die Möglichkeit auf legale Einwanderung haben, bei der sie nicht in vielen anderen Hinsichten behindert werden. In dem Fall kann es durchaus sehr viele Einwanderer geben, ohne weiteres auf oder sogar über dem Niveau der bisherigen Bevölkerung (wenigstens auf mittlere und längere Sicht).

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