Komisch

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von Julius Stettenheim, 1898

Es geht ja vielen Wörtern unseres geliebten Deutsch recht schlecht. Sie werden falsch angebracht, entstellt und ihrer eigentlichen Bedeutung entkleidet, und dieser Unfug hat mich genöthigt, in mehreren Kapiteln gegen solche Behandlung zu protestiren, indem ich mir Mühe gab, ihn bei Lichte besehen zu lassen. Keinem Wort aber wird mehr Gewalt angethan als dem Wort „komisch“. Es ist ein vollgiltiger Beweis für die im mündlichen Verfahren eingerissene Gedankenlosigkeit, daß gerade gegen das Wort „komisch“, dessen Sinn doch nur mit Anstrengung verkannt werden kann, mit ganz besonderer Verleugnung desselben verfahren wird.

Wir treffen einen alten Bekannten, den wir seit längerer Zeit nicht gesehen haben. Es ist ja eine der schönen Eigenschaften der Großstadt, daß man alte Bekannte gewöhnlich längere Zeit nicht sieht. Der alte Bekannte sieht ziemlich erbärmlich aus. Wir fragen ihn also, worüber er zu klagen habe. „Ach,“ antwortet er, „fragen Sie nicht, mir ist jetzt immer so komisch.“ Damit will er nun allerdings klagen, daß sein Inneres in Unordnung gerathen sei. Sein Magen hat sich der modernen Arbeiterbewegung angeschlossen und streikt, seine Nerven leiden Noth wie die Landwirthe [1], kurz, es fehlt ihm was, oder er hat etwas zu viel, und er behauptet, ihm sei jetzt immer so komisch. Was aber an einem Leiden komisch sein kann, das begreift man natürlich nicht, indeß hört man so oft über Komischsein jammern, daß man sich längst daran gewöhnt hat, einen Menschen, dem komisch ist, für krank zu halten und nicht etwa für besonders heiter oder zum fortwährenden Lachen disponirt [2], und man ist verpflichtet, dem Komischen gute Besserung anstatt die Fortdauer einer beneidenswerthen Stimmung zu wünschen. Woher es aber kommen mag, daß Jemand, dem übel ist, behauptet, ihm sei komisch, das wird ein Räthsel bleiben. Wem übel ist, dem ist ernst, aber nicht komisch. Ich bin überzeugt, daß auch Aerzte häufig über einen Zustand des Komischen klagen hören, und kann mir denken, daß sie mit dieser Auskunft absolut nichts anzufangen wissen.

Es geschieht uns in der ernsthaftesten Stimmung, aus der heraus wir irgend etwas behaupten oder erklären, daß wir die Bitte hören: „Aber seien Sie doch nicht komisch!“ Gerade in den Momenten, wo wir durchaus nicht zu scherzen Lust haben und nicht im Entferntesten daran denken, etwas Heiteres zu sagen, werden wir aufgefordert, nicht komisch zu sein! Man braucht nur die Einladung, mit einem Freunde in ein Possentheater [3] zu gehen, abzulehnen, weil man nicht in der passenden Stimmung sei, sofort wird man den Ausruf hören: „Bist Du aber komisch! Gerade in solcher Stimmung muß man sich aufzuheitern suchen.“ Man ist demnach komisch, wenn man über irgend etwas verstimmt ist oder etwas erlebt hat, zu dem der Tingeltangelwitz [4] wie die Faust aufs Auge passen würde.

Vor einiger Zeit suchte mich ein Freund auf, der aus seiner kleinen Vaterstadt gekommen war, um Berlin in etwa vier Tagen gründlich kennen zu lernen und dann ein möglichst hartes Urtheil über die Riesenmetropole zu fällen, wie dies allgemein zu geschehen pflegt. Man hat ja seine liebe Noth mit den Kleinstädtern. Sie sind in Mängeln aller Art so verwöhnt, daß sie in Berlin vorzugsweise nach Mängeln suchen und infolge dessen blind für die Vorzüge der Weltstadt sind oder selbst in diesen irgend einen empfindlichen Mangel entdecken. Mein Freund hatte ein merkwürdiges Interesse für die Rieselfelder [5], hatte sie besucht und überraschte mich nun mit einem Lob dieser Einrichtung. Er hatte nur eins auszusetzen, er sagte: „Es riecht so komisch.“ Gewiß, er dachte sich nichts dabei, er war nur wie viele Andere daran gewöhnt, dann und wann das Wort „komisch“ falsch herauszustellen. Wie etwas komisch riechen kann, das weiß er ganz gewiß nicht, wie es Niemand weiß. Meine Nase nimmt Vieles sehr genau und wird höchst unruhig, wenn sie von einem verfassungswidrigen Duft berührt wird. Aber eine Komik hat sie noch niemals einem solchen Duft abzuriechen vermocht. Meinem Freunde aus der Fremde rochen die Rieselfelder komisch, und ich habe ihn auch nicht gefragt, was er darunter verstehe. Ganz gewiß hätte er meine Frage komisch gefunden, ohne zu wissen, was er mit jenem und diesem „komisch“ sagen wollte. Ohne Zweifel so wie der spleenige [6] Engländer, der den Montblanc erklommen hatte und oben angelangt, nachdem er sich umgesehen, sagte: „Aufrichtig, ich habe es mir komischer gedacht!“ Was er im ewigen Schnee der Montblancspitze Komisches finden wollte, das wußte er keinenfalls.

Hier und da trifft man noch Jemand, der das Wort „komisch“ ernst nimmt. Ich erinnere mich eines Bekannten, mit dem ich auf einem Spaziergang zusammentraf, als ein Herr ihn begrüßte, der zu ihm sagte: „Eben dachte ich an Sie, und da sah ich Sie daherkommen. Ist das nicht komisch?“ Mein Begleiter blickte den Redner etwas verletzt an und erwiderte: „Nein, ich finde es weder komisch, daß Sie an mich dachten, noch kann ich es komisch finden, daß ich daherkomme.“

„Aber,“ versicherte der Angeredete, „das habe ich ja gar nicht so gemeint.“

„Das freut mich,“ sagte mein Begleiter, „aber man soll nicht sagen, was man nicht meint. Ich wäre außer mir, wenn ich komisch erschiene.“

Höchst unverantwortlich werden von der üblen Gewohnheit Personen und Dinge komisch genannt, die Alles, nur nicht komisch sind. Man hört sagen: „Dieser Mensch nimmt das Leben entsetzlich schwer. Die kleinste Sorge macht ihn schlaflos, und er hat doch eine gute Stellung. Ein komischer Kerl!“ Er macht ganz gewiß auf Niemand einen komischen Eindruck, so wenig wie das Wetter, das wir so oft, wenn es schön war, dann regnerisch wird und in anderer Weise seine Vorliebe für die Veränderung an den Tag legt, ein komisches Wetter nennen hören. Man findet ein solches Wetter ganz gewiß nicht komisch, sondern unausstehlich, und dennoch beehrt man es mit einem Epitheton [7], wie etwa die Leistung eines Clown, während dieses sogenannt komische Wetter alle Welt gründlich verstimmt. Als eines schönen Tages — der Herbst hielt gerade eine Generalprobe ab — plötzlich ein Gewitter über Berlin zog, wird man gehört haben: „Mitten im Herbst ein Gewitter. Komisch!“ Hier wollte man entweder „merkwürdig“ oder „unheimlich“ sagen und sagt „komisch“, weil dies Wort für die unpassendsten Gelegenheiten immer gesattelt ist.

Ich erkundigte mich gelegentlich [8] nach dem Befinden eines Freundes, der ans Zimmer gefesselt war. „Ach,“ sagte mir eine Dame des Hauses, „der Patient befindet sich stundenlang ziemlich wohl. Dann befällt ihn wieder ein Fieber, daß wir schrecklich ängstlich werden. Das ist eine komische Krankheit.“ Wie kann man eine Krankheit komisch finden! Mit demselben Recht könnte man das Zahnziehen unter die Cotillontouren [9] einreihen, oder Trichinen für ein Geburtstagsgeschenk halten. Ich stellte denn auch der Dame vor [10], daß ich in dem Zustand meines leidenden Freundes keine Spur von Komik entdecken könne. Nun, sie habe das nicht so gemeint und der Arzt mache auch immer ein sehr ernstes Gesicht. Und mein armer Freund ist nach vierzehn Tagen todt gewesen. Ich habe über diesen Trauerfall mit der erwähnten Dame nicht gesprochen, weil ich fürchten mußte, daß sie mir vielleicht erzählen würde, der Kranke sei vor einigen Tagen aufgestanden, habe sich ganz wohl gefühlt und nun — wie komisch! — sei er dennoch gestorben.

Die Kraft, mit welcher sich dies im Grunde so eindeutige Wort „komisch“ in unsere Rede gedrängt hat, ist die eigentliche vis comica [11].

[Entnommen aus: Julius Stettenheim: Heiteres Allerlei, 1898 (Neuausgabe bei Libera Media).

Anmerkungen

[1] Die im 1893 gegründeten „Bund der Landwirte“ organisierten Agrarier, zumeist adelige Großgrundbesitzer, drängten fortwährend auf Staatshilfen und klagten über ihre Notlage.

[2] disponiert sein: dafür eingenommen sein.

[3] Theater mit Unterhaltungsstücken, Lustspielen und Possen.

[4] Tingeltangel: Varieté, Kleinkunstbühne.

[5] Die Berliner Rieselfelder wurden ab etwa Mitte der 1870er Jahre zur Reinigung der Abwässer von Berlin eingerichtet. Diese wurden durch die neu gebaute Kanalisation dorthin geleitet und versickerten auf den Feldern im Boden.

[6] Spleen: verrückte Eigenart, fixe Idee.

[7] Beiwort, Beiname.

[8] bei Gelegenheit.

[9] Der ab der Mitte des 19. Jahrhunderts beliebte Cotillon war der Höhepunkt jedes Balles. Er bestand aus einer Abfolge von Contretänzen, Polkas und Walzern mit wechselnden Gruppierungen und Spieleinlagen. Dazu gab es Blumenspenden an die Damen, Papierordensverleihungen an die Herren, Knallbonbon-verteilung und anderen Überraschungen.

[10] ihr ein Bild von etwas machen.

[11] komische Kraft.

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