Der Henker in Spanien

Dieser Artikel wurde 2532 mal gelesen.

Neue Freie Presse (Wien), 7. Juni 1880

Aus einem interessanten Werke, welches de Foresta, General-Procurator in Bologna, über Spanien geschrieben hat (La Spagna. Da Torino a Malaga) und in welchem die Gesetzgebung, die Einrichtungen des Rechtswesens, die Gefängnisse &c. in fesselnder Weise besprochen werden, entnimmt die Juristenzeitung folgende merkwürdige Begebenheit: „Ich war in Sevilla,“ erzählt de Foresta. „Eines Tages bemerkte ich einen Greis mit finsterem Aeußeren, sehr vernachlässigter Kleidung, welcher mit einem Klappstuhl unter dem Arme spazierte, und Alle betrachteten ihn mit Verachtung. Ich fragte einen mir begegnenden Sevillianer, wer dieser sonderbare Mensch sei? — „Es el verdugo“ — antwortete er. Meine Kenntniß der spanischen Sprache war noch nicht so weit vorgeschritten, um das Wort „verdugo“, welches ich nie gelesen hatte, zu verstehen. Ich erwiderte daher: Quien es el verdugo? — „Aquel, que da el garrote“ (Jener, welcher die Garotte, das eiserne Halsband, mit welchem der Henker in Spanien das Todesurtheil vollzieht, anlegt), antwortete mein Freund. Nun begriff ich, warum das Volk mit üblen Augen jenes Individuum ansah. Ich erfuhr denn auch, daß es ihm nicht gestattet ist, sich in irgend einem öffentlichen Local niederzusetzen und daß er darum einen Klappstuhl bei sich trägt, um sich niederzusetzen, wenn er müde ist. Niemand richtet an ihn das Wort oder antwortet ihm; er ist selbst von dem Pöbel mißachtet und an den Pranger gestellt. Ich erinnere mich, es sind zwei Jahre her“ — fügt de Foresta, einer der eifrigsten Kämpfer für die Abschaffung der Todesstrafe, hinzu — „daß ich, in Nizza anwesend, mit Vergnügen in den Zeitungen las, wie der famose „Monsieur de Paris“, welcher dort behufs Vollzuges eines Todesurtheiles requirirt war, weder Obdach noch Speise gefunden hatte und genöthigt war, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, und sich mit einer Malzeit in der Restauration der Station begnügen mußte, er nach Vollendung seines blutigen Werkes die Rückreise antrat. Wer erinnert sich an Uebrigen nicht jener treffenden Bemerkung des Abbé Maury, welcher, als der französische Convent votirte, daß jeder Bürger gehalten sei, Sanson, den Henker von Paris, zu eachten, sich zum Dolmetsch der Empfindung des Volkes mit den Worten aufwarf: „Macht ihr nur eure Gesetze, wie ihr wollt, befehlt durch Decret die Hochachtung des Henkers, allein ihr werdet nicht verhindern, daß die öffentliche Meinung, welche der Todesstrafe feindlich ist, Sanson und seine Nachfolger mit Schaudern betrachten werde!“

Hintergrund

Italien ist eines der ersten Länder, die die Todesstrafe abschafften, und zwar 1889 (erst wieder 1930 von den Faschisten wiedereingeführt). Die zu Österreich in der Zeit gehörende Toskana schaffte die Todesstrafe 1786 sogar als erstes Land ab. Die Niederlande schafften 1870 (außer im Militärrecht) die Todesstrafe ab. Und auch in Deutschland wäre es im selben Jahr fast dazu gekommen. Im Reichstag wurde in den ersten zwei Abstimmung für die Abschaffung gestimmt, bis sich Bismarck für die Todesstrafe einsetzte und genügend Nationalliberale ihm dabei folgten, daß die Todesstrafe im dritten Wahlgang doch erhalten blieb.

Hinweis

Bei Libera Media erscheinen kommentierte Neuausgaben zur historischen Diskussion über die Todesstrafe:

  • Richard Eduard John: Über die Todesstrafe (1867)
  • Franz von Holtzendorff: Das Verbrechen des Mordes und die Todesstrafe (1875)

Schon erhältlich über Amazon ist das Buch: Franz von Holtzendorff: Die Psychologie des Mordes (1875):

Holtzendorff%20Mord%20Klein%201

Dieser Beitrag wurde unter 1880, Geschichte, Italien, Recht, Spanien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar