Ueber den gräßlichen Nothstand, der noch immer in Armenien herrscht

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Berliner Börsen-Zeitung, 9. Juni 1880

— Ueber den gräßlichen Nothstand, der noch immer in Armenien herrscht, schreibt man dem Wiener „Fremdenbl[att].“ aus Kontantinopel vom 31. Mai: „Der Präsident des Armenischen Hilfscomités Herr Khrimian hat an den Armenischen Patriarchen in Konstantinopel ein Telegramm gerichtet, welches den Zustand Armeniens in den düstersten Farben schildert. Zu der Hungersnoth, die in der unglücklichen Provinz herrscht, gesellen sich die Plünderungen und Gewaltthätigkeiten der in derselben herumstreifenden Kurden und vermehren die Schrecken dieser Geißel. Eine vollständige Verwüstung Armeniens steht zu befürchten. Die Furcht vor den Kurden bestimmt einen großen Theil der Landbevölkerung, die Flucht zu ergreifen, ohne ihre Felder zu bestellen; die wenigen Muthigen, welche zurückbleiben, werden mißhandelt und oft genug ermordet. Auf diese Art werden die Anstrengungen der Hilfscomités lahmgelegt, die Hungersnoth nimmt zu, statt gemildert zu werden. Die Kurden stürzen sich, ihren räuberischen Gewohnheiten getreu, auf die unglücklichen Dörfer und hinterlassen überall Spuren der Verwüstung. Im Kadza-Erdzisch und besonders in Adardjewaz, deren Bodenproduction hinreichen würde, das ganze Vilajet zu ernähren, hat der Kurdenstamm der Haydaranie erst kürzlich arg gehaust, ihre unersättlichen Thiere haben die ganze Gegend kahl gefressen; dann haben sie eine Menge Lastthiere mit sich fortgetrieben und eine solche Panik verbreitet, daß die armen Landleute Alles im Stiche ließen und die Flucht ergriffen. Dieselben Kurden haben im Dorfe Zako des Districtes Kiavash einen auf dem Felde arbeitenden Bauer getödtet, das zur Aussaat bestimmte, den Bauern gehörige Getreide geraubt, Mühlen geplündert und eine Carawane, welche die von der Commission den Nothleidenden geschickten Lebensmittel transportirte, ausgeplündert, wobei ein Maulthier-Treiber getödtet und mehrere verwundet wurden. Aus Alzak erfährt das Comité aus sicherer Quelle, daß der Kurdenstamin Achak die Dörfer von Alzak geplündert und alle Felder verwüstet hat. Es ist unmöglich, alle Acte von Gewalt, Plünderung, Grausamkeit und Verbrechen aufzuzählen, welche die Bevölkerung zur Verzweiflung treiben, und die Bemühungen, einer noch furchtbareren Hungersnoth in der Zukunft vorzubeugen, fruchtlos machen. Die Behörden, welche die Provinz regieren, blicken, weit entfernt, die Uebelthäter zu bestrafen, als müßige Zuschauer auf das Treiben dieser Horden, welche die Hungersnoth, die jetzt Armenien verheert, herbeigeführt haben. Wenn die wirksamen und tiefgreifenden Reformen, welche der Sultan seit Langem zugesagt hat, nicht schleunig eingeführt werden, wenn nicht ohne Zeitverlust geeignete Maßregeln getroffen werden, um diesen Uebelständen Einhalt zu thun, so steht zu befürchten, daß die ganze Bevölkerung Armeniens sich zerstreut oder zu Grunde geht und daß die Bemühungen der Hilfscomités ohne allen Erfolg bleiben werden.

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