Die Vorgänge in Arabien

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Neue Freie Presse (Wien), 10. Juni 1880

Wien, 9. Juni.

Die Nachrichten aus Türkisch-Asien, welche als Bestätigung der Depesche Dubsky’s an Baron Haymerle einlaufen, lauten sehr ernst. Mansur Pascha, der Rebellen-Chef am arabischen Strome, marschirt gegen Bagdad; Midhat Pascha, der Gouverneur von Syrien, hat seine Entlassung gegeben, und unter den Wanderstämmen der syrischen Wüste, die bis zum Euphrat schweifen, herrscht große Gährung. „Unglücksfälle,“ sagt das arabische Sprichwort, „kommen allemal in Schwärmen wie Nachtvögel.“ Man begreift vollkommen, daß die Pforte gerade jetzt, wo gewisse „freundschaftliche“ Rettungsversuche ihr so große Pein verursachen, die Vorgänge in Arabien nicht auf die leichte Achsel nimmt. All diese Ereignisse stehen nämlich in bedrohlichem Zusammenhang. Midhat, der so oft mit glühendem Patriotismus für sein Vaterland eingetreten, scheint es endlich überdrüssig geworden zu sein, an einem so exponirten Posten, wo man ihm die durchgreifendsten Reformen ohne die geringste Unterstützung zumuthet, auszuharren. Er muß unter den obwaltenden Umständen eine Verantwortlichkeit ablehnen, die bis ins Ungeheuerliche anwachsen kann. Ohne Geld und irgend welche nur halbwegs genügende Machtmittel könnte er möglicherweise einen Rückschlag der am arabischen Strome ausgebrochenen Unruhen auf Syrien erleben. Man hat ihn in Damascus im Stiche gelassen, wie vor zehn Jahren im Irak, wo in Folge der Stambuler Serail-Politik ein ganzes, mit edler Energie angestrebtes Reformwerk in Scherben ging. Midhat kennt die Verhältnisse im Irak; er weiß nur zu gut, daß die Empörung des mächtigen, ein gutes Drittel des Irak bewohnenden Großstammes der Muntefik (sprich: Muntefij), welcher sich bis vor Kurzem mit den Türken verhältnißmäßig besser als die die übrigen Stämme des Paschaliks vertrug, kein blos localer Zwischenfall gewöhnlicher beduinischer Aufruhrluft ist, wie solche die türkische Herrschaft auf diesem vielumstrittenen Boden der stolzen Khalifen-Tradition von jeher zu bekämpfen hatte; er weiß vielmehr, daß dieselbe ein Ereigniß von nicht zu unterschätzender politischer Tragweite bedeutet. Denn was man auch halten mag von den im verflossenen Jahre wiederholt auf egyptischem Wege herübergelangten Sensationsnachrichten von einem auf Wiederherstellung eines arabischen Großreiches abzielenden Geheimbunde mit dem Sitze in Maskat, Derajeh oder im Wüstenschlosse des Emirs von Nurim, wie sehr man auch die ausgesprochene Candidatur des jugendlichen Abdul Aziz im Oman, eines Feissul in Riad und eines Mansur in Basra für das Khalifat anzweifeln und die gemeldeten Details in das Gebiet des Verschwörungsromanes verweisen mag: für den Kenner der Verhältnisse in Vorder-Asien sind alle diese Dinge doch etwas mehr als Luftspiegelungen. Wer mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört, wer die Entwicklung jener Verhältnisse in den letzten zwanzig Jahren mit Interesse verfolgt hat, der kann sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß der arabische National-Gedanke bei den seßhaften wie den nomadisirenden Bevölkerungen große Fortschritte gemacht hat. Unzweifelhaft ist es auch, daß der Wahabismus den Sauerteig jener Gährung bildet, welche man in diesem Augenblicke einzig und allein auf die durch die Ermordung des Mekkaner Großscherifs hervorgerufene allgemeine Unzufriedenheit zurückführen will.

Die Sache liegt tiefer. Die arabischen Länder sind unterwühlt. König Feissul mit dem „dicken Bäuchlein“ ist kein großer Krieger, aber ein großer Propagandist. Man hat sichere Kunde, daß die Emissäre des Wahabiterfürsten bis nach dem fernen Maghreb, bis in die Tiefe des schwarzen Welttheiles, bis nach Indien schweifen, um die ganze islamitische Welt, wo sie auch nur dem Namen nach hinreicht, der puritanischen Lehre der Einheitsbekenner, dem unverfälschten Koranworte wieder zu gewinnen. Die Aufregung der syrischen Wüstenstämme ist auf diese Einflüsse zurückzuführen; so ist’s zum Beispiele bekannt, daß die Rualla, dieser mächtigste anesitische Clan, längst wahabitisch gesinnt ist, während verschiedene Kleinstämme der Anesch, wie die Mauâli, Seba’a, Fedâan u. s. w., den Puritanern Mittel-Arabiens noch feindselig und deßhalb auch mit der Rualla oft in Fehde sind. Nicht minder bekannt ist das Wahabiterthum der Delta- und Riffpiraten des Persermeeres, der Aldschiwazim, Siab und Atub. Was die Muntefik anbelangt, so sind sie seit geraumer Zeit dem wahabitischen Islam gewonnen, und insbesondere Mansur, der Großscheikh, ein eifriger Wahabit, während die schiitischen Euphratstämme den Neuheiligen aus dem Hochlande die Zerstörung und Plünderung der Heiligen Stadt Kerbela (1802) immer noch nicht verzeihen können. Und aus diesem Zwiespalte kann der Pforte Heil erwachsen. Ist’s wahabitischer Einfluß, der Mansur Pascha gen Bagdad treibt, dann wird er in den Schiiten ein entschieden feindseliges Element finden, welches schwer ins Gewicht fällt, denn die Bevölkerung am Schat ist stark schiitisch gemischt. Geht der tapfere Muntefik auf eigene Faust darauf los, dann wird wol der Vali Abderrahman Succurs genug erhalten, um dem Rebellen-Chef raschen Empfang zu bereiten. Allerdings muß bei der Beurtheilung der ganzen, immerhin gefährlichen Sachlage ein Factor nicht vergessen werden, welcher heißt: die Engländer am Euphrat.

Es steht nämlich außer Zweifel, daß fast ebenso im Stillen, wie die Russen auf den Hochebenen des Altai, nur ganz unblutig, die Briten in den Niederungen des alten Chaldäerlandes, welches die Dichterzungen von Hira als das Herz der Welt priesen, bemerkenswerthe Fortschritte gemacht haben, wenn dieselben sich auch noch nicht in Quadratmeilen ausdrücken lassen. Sie betrachten heute Arabistan als ein indisches Borderland und besitzen in dem neuerworbenen Schathafen Mohammera einen Schlüssel für künftige Erwerbungen zu Gunsten ihrer bekannten gewaltigen Verkehrslinie, die dereinst Indien mit dem Mittelmeere direct verbinden soll. Dies Mohammera, an dem Einflusse des schiffbaren lurischen Flusses Kuran und dem einzigen schiffbaren Mündungsarm des Schat gelegen, nennen sie heute schon gerne ein zukünftiges Schat-Alexandrien. Türken und Perser haben sich so lange um den Besitz dieses wichtigen Punktes herumgezankt, bis er endlich englisch geworden ist. Wenn man, auf der schmalen Schiffbrücke von Bagdad stehend, den Blick stromabwärts gleiten läßt, so bleibt derselbe jenseits des Zollhauses, wo die kleinen Tigrisdampfer liegen, auf einem weitläufigen Gebäude haften, dessen langgestreckte Gartenterrasse auf den Strom hinausspringt. Dort hat der Resident der Königin Victoria seinen Sitz, welcher in nicht gar ferner Zukunft einen bedeutenden Actionspunkt der britischen Orient-Diplomatie bilden dürfte. Bis zum Ende des verflossenen Jahrhunderts war England in Bagdad nicht eigentlich consularisch vertreten; noch Samuel Manesti, der vielgenannte ausgezeichnete Resident in Basra, welcher die große Factorei der Compagnie leitete, ließ die Bagdader Geschäfte durch einen armenischen Agenten besorgen. Der erste Resident mit Consulsrang kam 1798 in der Person des Mr. Hartford Jones in die Tigrisstadt. Eigentliche Bedeutung indeß gewann der neue diplomatische Sitz erst Anfangs der Fünfziger Jahre unter dem berühmten Forscher Sir Henry Rawlinson, welcher zum General-Consul ernannt wurde. Seit jener Zeit bildete sich in Bagdad eine englische Colonie, deren Mitglieder nicht allein die Reiselust oder der Jagdsport, in den Rohrmarschen den wilden Eber zu speeren, dahin geführt hatte. Heute ist Bagdad Hauptstation des indischen Telegraphen und besitzt eine besondere englische Post nach Beyrut, Indien und Persien. Ein britisches Kriegsschiff liegt jahraus jahrein im Tigris vor Anker, und der Steamerdienst auf dem Strome ist ganz in den Händen der Engländer, nachdem die von dem einsichtsvollen Midhat als Concurrenz gegründete Dampfschifffahrt-Gesellschaft mit dem Sitze in Basra so ziemlich zu Grunde gegangen. Der wirthschaftlich so wichtige Transport der schiitischen Kerbela-Pilger, welche zur See anlangen (im verflossenen Jahre mehr als 100,000), wird ebenfalls von den Engländern besorgt; sie bringen die Wallfahrer, welche in Mohammera auf britischen Dampfern von Kurratschi und Bombay anlangen, den Tigris hinauf nach Bagdad, dem Sammelpunkte der Schiiten-Karawanen. Der Einfluß der Engländer auf die arabischem Stämme, mit welchen sie auf indische Rechnung in lebhaftem Pferdehandel stehen, ist ein sehr bedeutender, und gerade der Emir der Muntefik verkehrt als erster Pferdezüchter und Händler im Lande sehr viel mit der englischen Colonie. Dieses überaus gute Verhältniß datirt übrigens schon aus Rawlinson’s Zeiten, welcher mit Mansur auf freundschaftlichem Fuße stand.

Inwieweit nun die einzige, bisher in Arabistan consularisch vertretene europäische Macht sich mit ihrem, sei es platonischen, sei es praktischen Interesse an den gegenwärtigen Wirren betheiligt und inwieweit sie mit den großen, von Arabien selbst ausgehenden Einflüssen zu ihrem Vortheile zu rechnen vermag, wäre schwer zu sagen. So viel steht jedoch fest, daß der Pforte zu so gelegener Zeit bereitete Verlegenheiten, von wo dieselben auch ausgehen mögen, einer gewissen Politik „der Loyalität“ nicht unwillkommen sein dürften.

(Ein Schlußartikel folgt.)

Siehe auch: Absetzung des Sultans vom Khalifat?

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