Deutsche Fortschrittspartei gewinnt den 5. Wahlkreis in Berlin

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Berliner Tageblatt, 12. Juni 1880

Der gestrige Wahltag im 5. Reichstags-Wahlkreise [1] gestaltete sich äußerlich sehr ruhig, denn es handelte sich ja nur um die Nachwahl [2] für eine Session [3]. Wer schärfer in das Getriebe hineinblickte, bemerkte aber die Spuren einer tiefgehenden Bewegung. Die Vertrauensmänner [4] waren in jedem Wahlbezirk auf dem Posten, und gegen 4 Uhr Nachmittags wurden sie gegen die säumigen Wähler mobil gemacht. Nun begann das Heranbringen der Säumigen, welche trotz Mutterns [5] Einspruch theilweise aus dem Mittagsschlaf aufgestört wurden. Mancher besonders Eifrige brachte es auf 30 Arrestanten [6]. In der Nacht zuvor waren dagegen die Sozialdemokraten eifrig thätig gewesen. Sie hatten Plakate in alle Häuser geworfen und theilweise sogar angeheftet. Die Polizei ihrerseits war aber ebenfalls auf dem Posten und vollzog mehrfache Verhaftungen. Unter dem Belagerungsgesetz [7] werden die Abgefaßten jedenfalls nicht mit leichten Strafen davonkommen, da der Wahlaufruf für Most [8] vollständig revolutionär lautet. Die Zeit, von Reformen zu sprechen, sei vorüber, die Revolution wolle ihr Recht haben. Die moderne Gesellschaft sei nicht mehr zu verbessern, sie müsse gestürzt werden. Die Losung laute also: Nieder mit Thron, Altar und Geldsack! Die Betheiligung an der Wahl war trotzdem nur eine schwache. Die Minoritäts-Parteien [9] besonders hatten wenig Gewicht auf die Wahl gelegt. So erschienen von den 28 ultramontanen [10] Wählern, welche sonst das katholische Krankenhaus stellte, dies Mal nur acht. Interessant war die Wahrnehmung, daß die Schutzleute, welche an der Wahlurne erschienen, sämmtlich für Träger [11] stimmten [12], von Seiten desjenigen, welcher etwa die Ordre [13] gegeben hatte, ein Zeichen richtiger politischer Einsicht. In den meisten Bezirken [14] hielt sich die Wahlbetheiligung auf 25 Prozent. Sie sank in manchen bis auf 17 Prozent, stieg in anderen dagegen bis gegen 40 Prozent. Die Durchschnitts-Betheiligung ergab für den ganzen Wahlkreis 22 Prozent. Von circa 20,000 Wahlberechtigten stimmten 4571, hiervon 4266 für Träger und 203 für Most, die übrigen 102 zersplitterten sich [15]. Das Wahl-Resultat wurde durch den Abgeordneten Hermes [16] in der Rosenthalerstraße 12 verkündigt und mit einem dreimaligen Hoch auf Albert Traeger aufgenommen. Auch hier waren die sozialdemokratischen Vertrauensmänner zur Stelle.

Anmerkungen

[1] Berlin hat sechs Wahlkreise, wobei der fünfte Wahlkreis (Spandauer Vorstadt, Friedrich-Wilhelm-Stadt, Königsstadt-West) eine Hochburg der Deutschen Fortschrittspartei ist.

[2] Im Februar war der bisherige Abgeordnete der Deutschen Fortschrittspartei Eduard Zimmermann (1811-1880) gestorben, weshalb ein neuer Abgeordneter gewählt werden mußte.

[3] Sitzungperiode des Reichstags. Die letzten Wahlen fanden 1878 statt. Da die Wahlperiode dreijährig war, stand nur noch die Sitzungsperiode 1881 an, die für 1880 war schon beendet.

[4] Mitglieder der Parteien, die die Wähler zur Wahl bewegen sollen.

[5] Ehefrau.

[6] Niemand wird hier verhaftet, die Ausdrucksweise ist spöttisch für die Bemühungen der Vertrauensmänner.

[7] Seit 1878 gilt das Sozialistengesetz. Unter diesem ist über Berlin der „kleine Belagerungszustand“ verhängt worden, unter dem jemand aus der Stadt ausgewiesen werden kann und auch andere Strafen vefügt werden können.

[8] Johann Most (1846-1906) war ein Politiker und Reichstagsabgeordneter. Unter dem Sozialistengesetz ging er nach Großbritannien ins Exil, wo er die Zeitung „Freiheit“ herausgab. Diese stand in Konkurrenz zum offiziellen Organ „Der Sozialdemokrat“, der in der Schweiz erschien. 1880 wurde er wegen seiner Linie, die auf eine gewaltsame Revolution drängte, aus der Partei ausgeschlossen. Er wandte sich dem Anarchismus zu und wanderte weiter in die USA aus.

[9] In Berlin sind alle Parteien außer der Deutschen Fortschrittspartei und den Sozialdemokraten chancenlos. Nur wenige Stimmen können die Nationalliberalen, Freikonservativen, Konservativen und die Zentrumspartei gewinnen.

[10] Anhänger der Zentrumspartei, die den Ultramontanismus unterstützen, der die weltliche Macht des Papstes („ultramontan“ hinter den Bergen) verteidigt.

[11] Albert Träger (1830-1912) war einer der führenden Politiker der Deutschen Fortschrittspartei.

[12] Die Wahlen zum Reichstag sind geheim, sodaß der Schreiber dies nicht wissen kann. Vermutlich schließt er das daraus, daß die Schutzleute zur Wahl gekommen sind, aber keine Stimmen für die einschlägigen Parteien abgegeben wurden. Beamte würden dazu gedrängt, konservative Kandidaten zu wählen, wenn sie das nicht sowieso von sich aus tun. Die Regierung ist der Deutschen Fortschrittspartei keineswegs wohlgesonnen, wie es hier klingt und der Wahlkampf 1881 zeigen wird.

[13] Befehl, Anweisung.

[14] Der Wahlkreis ist in Wahlbezirke eingeteilt.

[15] Die Stimmen wurden für verschiedene Kandidaten abgegeben. Man konnte jeden auf den Wahlzettel schreiben, der das passive Wahlrecht hatte.

[16] Hugo Hermes (1837-1915) war Abgeordneter für die Deutsche Fortschrittspartei im Wahlkreis Zauch-Belzig und Jüterbog-Luckenwalde in der Provinz Brandenburg, Regierungsbezirk Potsdam.

Hinweis

Bei Libera Media sind kommentierte Neuausgaben von Büchern erschienen, die mit dem Artikel in Verbindung stehen:

Eugen Richters (Deutsche Fortschrittspartei) Reichstagsreden gegen das Sozialistengesetz von 1878 und die Rede „Sozialismus und Reaktion“ von Rudolf Virchow (Deutsche Fortschrittspartei) im 6. Berliner Wahlkreis ebenfalls von 1878 (einfach auf die Bilder klicken):

Richter SozGes klein 4  Sozialismus und Reaktion klein 3

Und außerdem gibt es auch noch einen Band mit Gedichten aus dem Jahre 1858 von Albert Träger (die Schreibweise steht in der Zeit nicht fest, auch wenn Wikipedia es besser weiß) :

Traeger Gedichte klein 2

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