Worterläuterung: „freisinnig“

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Das Wort „freisinnig“ ist in Deutschland völlig verschwunden und von daher nicht unbedingt sofort verständlich. In der Schweiz gibt es den Ausdruck noch, vor allem als Bezeichnung für eine bestimmte politische Richtung (die Freisinnig-Demokratische Partei).

Wie weit die Verwirrung geht, kann man etwa an Versuchen ersehen, das Wort in andere Sprachen zu übersetzen. Auf Englisch wird etwa daraus „free-minded“ gemacht, auf Französisch „libre-penseur“. Beides ist sehr wörtlich genommen, nicht unbedingt falsch, aber doch irreführend. Zu beachten ist dabei, daß die französische Entsprechung in der Schweiz gar nicht „libre-penseur“, sondern „radical“ ist. Das macht auch Sinn, wenn man die ältere Bedeutung von „radikal“ kennt, was aber vielleicht noch weniger in Deutschland vorausgesetzt werden kann, als im Fall von „freisinnig“. 

Eigentlich ist es ganz einfach: „freisinnig“ ist schlichtweg das deutsche Wort für: „liberal“!

Da „liberal“ zu verschiedenen Zeiten eine bestimmtere Bedeutung hatte und etwa konkrete politische Gruppierungen bezeichnete, hatte das Wort „freisinnig“ lange Zeit eine umfassende Bedeutung ohne den Beiklang einer organisierten Richtung. In diesem Sinne wurde „freisinnig“ etwa zu Zeiten der Revolution von 1848 verwendet. „freisinnig“ konnte dabei genauso für jemanden verwendet werden, der ein Demokrat (auch eine Art Liberaler in der Zeit, ein weiteres leicht mißverstandenes Wort) oder ein Liberaler (ein eher gemäßigter Liberaler) war.

Oder es konnte sich auch um eine allgemeine Bezeichnung für eine Einstellung handeln, etwa wenn von „freisinnigen“ Christen (also nicht strenggläubigen) die Rede war. Ja mancher aufgeschlossene Konservative hätte vielleicht, wenigstens in gewissen Hinsichten, so genannt werden können. Und noch 1881 meint Ludwig Bamberger in „Die Sezession“, daß eigentlich jeder sich als „freisinnig“ sehe, und bescheinigt selbst den Sozialdemokraten, sie seien auch in einem gewissen Sinne „freisinnig“. Das ist durchaus richtig, wenn man nur auf den Teil ihres Programms schaut, in dem etwa Presse-, Glaubens- und Redefreiheit verlangt wurden. Man kann daran auch sehen, daß um die Zeit bei dem Wort „freisinnig“ eher an die bürgerliche und politische, jedoch nicht an die wirtschaftliche Freiheit gedacht wurde.

Im Jahre 1884 schloß sich nun aber die „Liberale Vereinigung“ (der vormalige linke Flügel der Nationalliberalen, zu denen auch Ludwig Bamberger zählte) mit der Deutschen Fortschrittspartei zusammen. Offenbar war das Wort „liberal“ zu sehr von den Nationalliberalen besetzt, die in der Zeit oft auch einfach als „Liberale“ bezeichnet wurden (was viele nicht verstehen und was zu komischen Fehlinterpretationen führen kann). Es war vermutlich auch kein Zufall, daß sich die „Liberale Vereinigung“ so nannte, als sie sich 1880 von der Nationalliberalen Partei löste, aber dabei betonte, deren eigentliches Programm weiterzuführen.

Da „liberal“ nicht in Frage kam, schaute man also nach einem anderen Begriff aus, und damit lag „freisinnig“ nahe, das in Deutschland bis dahin noch mit keiner spezifischen Richtung verbunden gewesen war. Die neue Partei nannte sich also „Deutsch-Freisinnige Partei“ (die Variante „Deutsche Freisinnnige Partei“ gab es in der Zeit durchaus auch, aber sie zeigt meist auch ein gewisses Unverständnis bei heutigen Lesern an, die die Verbindung „deutsch-freisinnig“ nicht begreifen können).

Dabei wurde genau genommen das „freisinnig“ durch das „deutsch“ als Adverb bestimmt. Beide bildeten jedenfalls eine Einheit. Auch hier ist die Auflösung eigentlich recht einfach, warum man das so machte, wenn man sich vergegenwärtigt, daß „deutsch“ dem Fremdwort „national“ entsprach, das auch zu jener Zeit noch andere Konnotationen als später hatte (nämlich, daß man ein einheitliches Deutschland im Gegensatz zu den Einzelstaaten haben wollte). Damit war die „Deutsch-Freisinnnige Partei“ übersetzt einfach: die Nationalliberale Partei!

Vermutlich sprach das besonders die ehemaligen Nationalliberalen an, die damit das Erbe der vormals liberal ausgerichteten, aber mittlerweile eher schon konservativen Nationalliberalen gewissermaßen reklamieren konnten. Auch die ehemaligen Mitglieder der Deutschen Fortschrittspartei, die anfangs alle Liberalen umfaßt hatte (von 1861 bis 1866), mußte das nicht stören, war ja auch ihre Terminologie mit dem „deutsch“ aufgegriffen.

Mit der Benennung einer bestimmten Partei verengte sich die Bedeutung von da an. Nunmehr wurde „freisinnig“ viel spezifischer aufgefaßt für diejenigen, die die Linie der Deutsch-Freisinnigen Partei und ihrer Nachfolgeparteien ab 1893, der Freisinnigen Volkspartei und der Freisinnnigen Vereinigung, vertraten. Zu deren Programm gehörte auch die wirtschaftliche Freiheit, die Ludwig Bamberger noch 1881 als nicht definierend angesehen hatte. In diesem engeren Sinn ist auch der Name der „Freisinnigen Zeitung“ (begründet 1885 von Eugen Richter) zu verstehen.

Weitere Worterläuterungen zu heute oft mißverstandenen Ausdrücken (z. B. „Volkspartei“, „Demokrat“, „radikal“, „links“, usw.) folgen …

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