So helfe mir Gott – oder auch nicht

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Neue Freie Presse (Wien), 30. Juni 1880 (ohne Titel)

Die morgige Sitzung des englischen Unterhauses kann außerordentlich wichtig werden. Gladstone wird den Antrag einbringen, daß künftig jedes Parlamentsmitglied, welches den vorschriftsmäßigen Eid nicht leisten wolle, eine Erklärung an Eidesstatt abgeben könne. Die Tories werden Alles aufbieten, um Gladstone eine neuerliche Niederlage zu bereiten. Uebrigens steigt der Mann, um dessentwillen all die Stürme der vorigen Woche im Unterhause tobten, sehr in der Gunst der öffentlichen Meinung. Mr. Bradlaugh hielt am letzten Samstag, stürmisch begrüßt, eine Ansprache an eine große Versammlung auf dem Campbell Square in Northhampton und erhielt ein glänzendes Vertrauensvotum seiner Wähler. Auch in Bury (Lancashire) und in London selbst haben Meetings zu Gunsten Bradlaugh’s stattgefunden.  Daraus ergibt sich, daß der religiöse Zopf, der dem Parlamente hinten hängt, dem englischen Volke nicht allgemein behagt.

Hintergrund

Der liberale Politiker Charles Bradlaugh wurde im Jahre 1880 für Northampton in das Unterhaus gewählt. Um seinen Sitz antreten zu können, mußte er nach dem Oaths Act von 1868 einen Eid auf die Krone schwören:

„I, [… Name …], do swear that I will be faithful and bear true allegiance to Her Majesty Queen Victoria, her heirs and successors, according to law. So help me God.“

Als erklärter Atheist bat Bradlaugh am 3. Mai 1880 darum, ohne die religiöse Formel den Gehorsam an Eidesstatt zu bestätigen (to affirm), wie es auch bei Eiden vor Gericht möglich war. Die Frage wurde in einem Ausschuß am 12. Mai 1880 beraten, der aber abschlägig beschied. Bradlaugh müsse den Eid ablegen.

Bradlaugh schrieb am 21. Mai 1880 dazu einen Leserbrief an die „Times“. Er werde den Eid in der Form ablegen „including words of idle and meaningless character“. Im Parlament wurde nun von konservativer Seite die Gültigkeit eines solchen Eides angefochten. Premierminister Gladstone schlug deshalb einen weiteren Ausschuß vor, der sich aber unerwartet dagegen aussprach, daß Bradlaugh den Eid unter diesen Umständen ablegen dürfe. Ihm stehe aber offen, das vom „High Court of Justice“ überprüfen zu lassen.

Ein Vorschlag des anderen Abgeordneten für Northampton, Henry Labouchère, eine gesetzliche Grundlage für eine eine Erklärung an Eidesstatt ohne die religiöse Formel zu schaffen, fand keine Mehrheit im Parlament. Charles Bradlaugh versuchte am nächsten Tag dennoch den Eid abzulegen, was ihm aber verweigert wurde. Er hielt seine erste Rede deshalb von außerhalb der Begrenzung (behind the Bar). Es kam zu einer Debatte, den Eid doch zuzulassen, die zu nichts kam. Letzte wurde Charles Bradlaugh vom Sprecher des Hauses befohlen, das Parlament zu verlassen. Er weigerte sich aber und wurde nach einigem Hinundher verhaftet.

Das Mandat von Bradlaugh verfiel ohne die Eidesleistung, und eine neue Wahl wurde ausgeschrieben, die Bradlaugh allerdings wieder gewann. Während sich die Auseinandersetzung über die nächsten Jahre hinzog, wurde er insgesamt sogar viermal wiedergewählt. Eine Petition zu seinen Gunsten fand die Unterstützung von Hundertausenden, und auch Premierminister Gladstone stellte sich auf Bradlaughs Seite. Gegner waren hingegen neben der Konservativen Partei die Anglikanische und die Katholische Kirche.

Im Jahre 1883 nahm Bradlaugh seinen Sitz im Parlament einfach eigenmächtig ein und nahm dreimal an Voten teil. Hierfür wurde er verhaftet und wegen illegaler Abstimmung zu eine Geldstrafe verurteilt. Erst 1886 konnte Charles Bradlaugh den Eid schließlich doch noch ablegen. Er schlug als Abgeordneter nun eine Reform der Gesetzgebung an, was mit dem Oaths Act von 1888 erfolgreich war, der auch einen Eid ohne die religiöse Formel möglich machte.

Dieser Beitrag ist Teil der Berichterstattung aus dem Jahr 1880.

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