Die neue Welt

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von Alexander Moszkowski, 1894

Amerika, Du hast es besser,
Als unser alter Kontinent,
Wo sich kein einz’ges Staatenwesen
Vom Defizite jemals trennt;
Des Goldes Flut, nicht mehr zu messen,
Schwillt immer höher an bei Dir,
Dein Fiskus taucht in Schätzen unter,
Im Überfluß erstickt er schier.

Dein Präsident hat oft verkündet,
So kann es nicht mehr weiter geh’n,
Die Kassen sind gefüllt zum Platzen,
Und irgend etwas muß gescheh’n;
Man muß, zu steuern diesem Übel,
Gesetze machen, eh’s zu spät,
Sonst wird der Überfluß an Mitteln
Zu einer Staats-Kalamität.

Was wirst Du thun? wirst Du vermehren,
In Zukunft der Beamten Schar?
Wirst Du im Edelmut verdoppeln
Jedwedes Richter-Honorar?
Wirst Du dem Präsidenten bauen
Ein neues Haus von Marmelstein?
Wirst Du Paläste konstruieren
Und sie dem Dienst der Künste weih’n?

Du kannst weit mehr! sieh’, Du hast Bahnen,
Die staatlich, wie bei uns zu Haus,
Da statte selbst die dritte Klasse
Mit Sophas und mit Spiegeln aus;
Und richt’ es ein mit Deinen Mitteln
Fortan, daß jeder Passagier,
Statt einfach sein Billet zu zahlen,
Noch etwas ‘rausbekommt von Dir.

Du hast gewiß auch Volksschullehrer;
Wohlan, ihr Tisch sei stets gedeckt,
Es schäume auf des Lehrers Tafel,
Zum Frühstück schon ein Gläschen Sekt.
Gieb jedem, daß er sich erfreue
Der wohlverdienten Altersruh’,
Ein scharfes Scherchen und natürlich
Die nötigen Coupons dazu!

Du hast jawohl auch Indianer;
Die Leute sind entsetzlich arm,
Sie kommen niemals ins Theater,
Sie haben keins, daß Gott erbarm’!
Da klafft entschieden eine Lücke,
Die füll’ mit Deinem Gelde aus
Und lege schnell die Fundamente
Zu einem Sioux-Opernhaus.

Du meinst nun freilich nicht mit Unrecht,
Das alles reiche noch nicht zu,
Der Staatsschatz müßt’ entlastet werden
Durch einen ungleich stärkern Coup.
Da ist denn guter Rat recht teuer,
Wir sinnen hin, wir sinnen her,
Und finden nur die einz’ge Lösung:
Schaff’ Dir ein tücht’ges Militär!

Da wärst Du schnell wohl über’m Berge;
Indes, wir wissen selber ja,
Du schwärmst nicht für die großen Massen
Der Infanterie et cetera;
So bleibt Dein Schatz denn ungemindert,
Dir fehlt ein ernster Aderlaß,
Und uns bleibt nur zu bitten übrig:
Amerika, geh’ — schenk’ uns was!

Anmerkung

Die USA haben sich über den Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 massiv verschuldet, bauen aber die Schulden sehr rasch ab und haben laufend Haushaltsüberschüsse. Während das Deutsche Reich 1871 aufgrund der hohen Kontributionszahlungen aus Frankreich ohne Schulden startet, gibt es hier andauernd Defizite und Staatsschulden werden aufgebaut. Das meiste Geld wird dabei für das Militär ausgegeben.

Der Anfang des Gedichts ist eine Anspielung auf ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) aus „Zahme Xenien“: „Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, das alte, / Hast keine verfallene Schlösser / Und keine Basalte. / Dich stört nicht im Innern / Zu lebendiger Zeit / Unnützes Erinnern / Und vergeblicher Streit.“

Das Gedicht ist dem Band „Anton Notenquetschers Heitere Dichtungen“ von 1894 entnommen, erschienen bei Libera Media (jetzt auch fürs Kindle):

Notenquetscher Dichtungen klein 2

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