Vural Öger und Thilo Sarrazin haben Unrecht

Dieser Artikel wurde 1446 mal gelesen.

In seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ schreibt Thilo Sarrazin im Kapitel „Eroberung durch Fertilität?“:

„Im Mai 2004 war in der Zeitung Hürriyet zu lesen, dass der deutschtürkische Unternehmer Vural Öger bei einem Essen mit türkischen Unternehmern geäußert habe: „Im Jahr 2100 wird es in Deutschland 35 Millionen Türken geben. Die Einwohnerzahl der Deutschen wird dann bei ungefähr 20 Millionen liegen.“ Laut Hürriyet fügte er hinzu: „Das, was Kanuni Sultan Süleyman 1529 mit der Belagerung Wiens begonnen hat, werden wir über die Einwohner, mit unseren kräftigen Männern und gesunden Frauen, verwirklichen.“ Später erklärte der Unternehmer, das sei ein Witz gewesen, er habe die deutschen Frauen nur dazu aufrufen wollen, mehr Kinder zu bekommen.“

Jedem Großdeutschen wird es bestimmt warm ums Herz werden, wenn Vural Öger Wien für eine deutsche Stadt hält. Aber was ist an Ögers Zahlen wirklich dran? Sarrazin stimmt ihm ausdrücklich zu, denn er fährt fort: „Witz oder nicht, die Zahlen stimmen jedenfalls.“ Allerdings ist er gerade noch klug genug, einen Vorbehalt einzuschmuggeln, daß es „absolut realistisch“ sei, „dass die muslimische Bevölkerung [sic!] durch eine Kombination von hoher Geburtenrate und fortgesetzter Einwanderung bis 2100 auf 35 Millionen Menschen wachsen kann.“

Das ist ja nicht, was Vural Öger behauptet. Und wenn man gleich zwei Joker einsetzen darf, die Geburtenrate und die Einwanderung, dann kann man natürlich vieles zeigen. Wenn 7 Millionen im Jahre 2080 einwandern, die pro Ehepaar bis 2100 je acht Kinder haben, dann ist es „absolut realistisch“, daß es 35 Millionen geben kann. Wie auch an anderen Stellen geht Sarrazin hier nach einem Muster vor: Er sucht einen Eindruck beim Leser zu erwecken und dann zu bestärken, der im Nebensatz aber sogleich wieder relativiert wird, sodaß er sich im Zweifelsfall rausreden kann.

Zahlenspiele

Hier soll es nicht darum gehen, ob die „Einwohnerzahl der Deutschen“ 2100 richtig ist. Im Hintergrund wird, so kann man erschließen, wohl mit den offiziellen Fertilitätszahlen hantiert, die aber aufgrund eines Artefakts, des sogenannten „Tempo-Effekts“, die wirkliche Lage verzerrt wiedergeben. [1] Korrigiert man dafür, dann kommt man auf ungefähr 35 Millionen 2100 und nicht 20 Millionen, wenn man absolut nicht realistisch davon ausgeht, daß Deutschstämmige sich nur untereinander halten werden, was sie ja auch heute schon nicht tun. Diesen Fehler kann man Vural Öger nicht allein vorhalten, denn auch Thilo Sarrazin liegt ja falsch und zweifelt diese Zahl nicht an.

Wie steht es nun um die Zahl der Türkischstämmigen, mal angenommen, daß diese sich nur untereinander halten werden, was ebenso unrealistisch ist?

Gastarbeiter aus der Türkei kamen ab dem Anwerbeabkommen von 1961. Als 1973 ein Anwerbestopp verfügt wurde, gab es etwa 900.000 Einwanderer aus der Türkei in Deutschland, von denen viele blieben. Zumeist waren es Männer, die etwas später ihre Frauen und Kinder nachholten, die noch in der Türkei lebten. Um die Zeit, als Vural Öger seine Behauptung aufstellte, gab es etwa 2,5 Millionen Türkischstämmige in Deutschland, heute sind es ungefähr 3 Millionen.

Das sieht auf den ersten Blick nach einem rasanten Anstieg aus. Riesige Familien wurden dann wohl nachgeholt, und die Kinderzahlen waren astronomisch – das wären jedenfalls die üblichen Verdächtigen. Und wenn man diesen Anstieg nun fortschreibt, mit einer Verdreifachung etwa alle 40 Jahre, dann kommt man bei den 35 Millionen aus, von denen Öger fabuliert. Sein Problem ist dabei nicht, daß er falsch rechnet, sondern daß er einen Denkfehler macht, den viele begehen. Immerhin kann man ihm zugestehen, daß es sich bei ihm um einen ehrlichen Irrtum handelt und er das, was er sagt, auch glaubt. Bei Thilo Sarrazin ist das nicht so klar.

Auflösung

Wieviele Türkischstämmige wird es denn 2100 geben, wenn es wie bisher weitergeht und man nur unter sich bliebe? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach.

Die Fertilität (wieviele Kinder eine Frau über ihr Leben hat) lag bei den ursprünglichen Einwanderern zwar höher als bei den Deutschen (in den 1970er und 1980er auch deutlich höher, anfangs über 4), fiel aber schon in den 1980ern auf etwa 2,5. Das ist in etwa dasselbe Niveau wie bei den Deutschen während des Babybooms in den 1960er Jahren. In der zweiten Generation näherte sich die Fertilität dann mit gut 2 oder sogar darunter dem allgemeinen Niveau bereits deutlich an. [2]

Eine Fertilität von gut 2 bedeutet aber, daß eine Bevölkerung nicht mal mehr ganz ihre Größe hält. Man braucht nämlich etwas mehr zum Ausgleich für diejenigen, die nicht alt genug werden, Kinder zu haben, weshalb das Ersatzniveau bei etwa 2,1 liegt. Die Fertilität in türkischen Städten liegt heute bei 1,7, also kaum über dem hiesigen Niveau. [2] Es ist von daher nicht unplausibel, daß die Annäherung auch in Deutschland weitergehen wird.

Aber selbst wenn man einmal davon ausgeht, daß die Fertilität über Generationen auf dem Ersatzniveau von 2,1 verharren würde, dann folgt daraus nur, daß die Bevölkerung konstant bleiben wird. Damit wird es aber im Jahre 2100 höchstens drei Millionen Türkischstämmige geben, und eher weniger!

Wie kann das sein?

Auf den ersten Blick sieht das alles wie ein Widerspruch aus: Über ein halbes Jahrhundert gibt es einen starken Anstieg, und dann soll es auf dem Niveau einfach stehenbleiben? Der Grund ist dabei gar nicht so kompliziert. (Eine ausführlichere Erklärung auch zum verwendeten Modell und den Annahmen findet sich im Artikel: „Misinterpreting Growth of Immigrant Populations“.)

Nehmen wir an, daß es 1973 etwa 1,1 Millionen Erwachsene gab, die letztlich nach Deutschland einwandern würden und von denen etwa die Hälfte Männer und die Hälfte Frauen waren, also etwa 550.000 Ehepaare. 1973 wären recht viele der Frauen noch nicht in Deutschland, sie würden erst etwas später nachgeholt.  Die Annahme ist hierbei, daß die Einwanderer in einem mittleren Alter von ungefähr 25 Jahren kommen. Damit haben sie schon einige Kinder, gut 300.000, die teilweise in Deutschland sind, teilweise noch nachgeholt werden. Was passiert nun?

Die 1,1 Millionen Erwachsenen werden zusätzlich zu den Kindern, die schon 1973 da sind, auch noch weitere Kinder bekommen. Bei einer Fertilität auf Ersatzniveau wären das im Schnitt 2,1. Damit verdoppelt sich die Bevölkerung schon sehr bald. Dargestellt ist das im nebenstehenden Bild: Die Einwanderer sind der blaue Streifen unten. Der dunkelrote Streifen darüber sind ihre Kinder. Es gibt also eine Steigerung um 100%, ohne daß etwas Besonderes passiert wäre. Jede Familie hat im Mittel gut zwei Kinder.

Aufbau 1

Nach etwa 20 Jahren sind die Kinder so alt, daß auch sie Kinder bekommen. Das ist der grüne Streifen. Und etwas später kommen dann die Urenkel (lila), Ururenkel (mittelblau) und Urururenkel (orange), ja sogar die Ururururenkel (hellblau) hinzu, wobei die Unterscheidung auf Dauer schwierig wird, weil die Generationen sich überlappen und damit die Kinder nicht mehr gut zuordenbar sind.

Das Mißverständnis liegt nun darin – und man könnte Jahrzehnte an Einwanderungsdebatten darauf reduzieren! –, daß man vom Anstieg in den ersten beiden Generationen auf die Zukunft schließt, als wenn es immer weiter mit dieser Geschwindigkeit hochgehen würde. Aber das ist nicht so, denn wie man an dem Streifen für die ursprünglichen Einwanderer sieht: sie sterben langsam aus, und etwas später auch ihre Kinder, usw. Und deshalb ersetzen weitere Nachkommen nur die vorherigen Generationen, die langsam verschwinden. Beides gleicht sich nach etwa einem halben Jahrhundert aus, weshalb sich der Wert bis auf leichte Schwankungen, die immer mehr abklingen, bei 3 Millionen einpendelt.

Gefördert wird der Trugschluß, als wenn es rasant immer weiter nach oben gehen würde, noch durch einen zweiten Effekt. Nicht alle, um die es geht, sind gleich von vornherein in Deutschland. Ein Teil von ihnen wird erst etwas später nachgeholt. Wenn das recht gleichmäßig über das erste Vierteljahrhundert ginge, dann würde man in Deutschland nur den orangen Teil in der folgenden Grafik sehen. Der grüne Teil wären diejenigen, die noch in der Türkei sind. Die Familienzusammenführung ist dabei auch nicht, was manchmal daraus gemacht wird: Nachgeholt werden Ehefrauen und einige minderjährige Kinder, keineswegs weitläufige Verwandte. Aber dennoch verstärkt das den scheinbaren Anstieg gerade zu Anfang.

Aufbau 2

Es ist durchaus verständlich, aber schlichtweg falsch, daß man daraus den Schluß ziehen darf, als wenn es sich um eine extrem schnell wachsende Bevölkerung handeln würde. Wegen der Fertilität auf Ersatzniveau wächst die Bevölkerung nämlich überhaupt nicht! Die richtige Sichtweise ist hier, daß von vornherein 3 Millionen da sind, nur der ältere Teil der Bevölkerung niemals einwandert. Erst über die Zeit baut sich der ältere Teil der Bevölkerung in Deutschland auf, wenn die Einwanderer und ihre Kinder selbst in das Alter kommen. Daß es Familienzusammenführung gibt, spielt auch keine wirkliche Rolle. Dabei geht es ja nur darum, wo jemand ist, den es so oder so aber längst gibt. Dadurch wächst auch nichts. Es handelt sich nur um einen scheinbaren Anstieg, den man in Deutschland wahrnimmt.

Es sei angemerkt, daß die Wirklichkeit ein wenig, aber nicht viel vertrackter ist. So gab es, wie erwähnt, in der ersten Generation eine höhere Fertilität, was aber nur bedeutet, daß die Ausgangsbevölkerung ein wenig kleiner gewesen sein sollte und es später noch einen kleinen weiteren, aber einmaligen Aufbau geben würde. Es gab außerdem etwas an Rückwanderung, ein gewisser Teil der Einwanderer verheiratete sich mit anderen Einwanderern oder Deutschen, womit die Kinder nicht mehr zuordenbar sind. Und die Generationen gehen auf Dauer durcheinander. Aber all das ändert nur wenig an der Hauptaussage: Für fünfzig Jahre gibt es einen steilen Anstieg, und danach geht es nicht mehr weiter.

Und wie wird es 2100 sein?

Seriöserweise sollte man keine solche Kaffeesatzleserei betreiben. Dennoch hier der Versuch einer Vorhersage:

  • Wie man an der obigen Grafik sehen kann, baut sich die Bevölkerung viel stärker auf als nur durch die Einwanderer selbst. Der größte Beitrag kommt dabei von ihren Kindern und Enkeln. Von daher führt schon mäßige Einwanderung zu einem deutlichen Bevölkerungswachstum. Mit netto 400.000 Einwanderern pro Jahr – 2015 allein aus der EU! – könnte Deutschland in einem halben Jahrhundert die 100-Millionenmarke erreichen, bis zum Ende des Jahrhunderts recht sicher. Von wegen „Deutschland stirbt aus“. Es wird sehr amüsant sein, wie die vielen falschen Prognosen über die nächsten Jahrzehnte stillschweigend eingesammelt werden.
  • Aber bedeutet das nicht, daß die Deutschen eine Minderheit werden? Eigentlich nicht. Zuerst einmal spricht auch gar nichts dagegen, daß jemand, dessen Vorfahren nicht schon vor Datum X in Deutschland gelebt haben, genauso ein Deutscher sein kann. Über mehrere Generationen ergibt sich das von selbst. Die Welle von deutschen Einwanderern in die USA erreichte 1881 ihre Spitze, insgesamt kamen mehr als 7 Millionen. 130 Jahre danach (=2100-1970=2011-1881), gibt es zwar etwa 60 Millionen deutschstämmige Amerikaner (übrigens ebenfalls aufgrund des obigen Effekts, allerdings auch durch hohe Fertilität über eine lange Zeit). Doch fast keiner von ihnen kann noch Deutsch oder hat einen Bezug zu Deutschland. Alle sind jedoch Amerikaner und glauben, daß „Weihnachtsgurken“ ein alter deutscher Brauch sind. Aber selbst mit einer Definition über die Abstammung wird es 2100 viel mehr geben als nur die berechneten 35 Millionen, die ganz oder teilweise von den Deutschen in den Grenzen von 1938 oder welche Definition auch immer abstammen. Dafür sorgt einfach eine gewisse Durchmischung. Voraussichtlich wird das die Mehrheit sein.
  • Genauso wie ein sehr großer Teil der deutschen Bevölkerung 2100 auch deutschstämmig sein wird, werden auch viel mehr als nur 3 Millionen ganz oder teilweise auch türkischstämmig sein. „Reine“ Türkischstämmige, ebenso wie „reine“ Deutschstämmige wird es allerdings immer weniger geben. Typische Namen von Deutschen wären dann also vielleicht: Jerome Gauland oder Thilo Öger. Ein paar werden vielleicht noch an ihrem „Großen Ariernachweis“ basteln, aber die meisten Deutschen werden darüber lächeln und sich sagen: „Wir sind das Volk!“

Fußnoten

[1] Marc Luy & Olga Pötzsch: „Schätzung der tempobereinigten Geburtenziffer für West- und Ostdeutschland, 1955-2008“, Comparative Population Studies – Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jahrgang 35, 3 (2010), Seite 569-604, 2011.

[2] Katharina Wolf: „Fertility of Turkish migrants in Germany: Duration of stay matters“, MPIDR Working Paper WP 2014-001, 2014, Tabelle auf Seite 17. Und: Werner Haug, Paul Compton, Youssef Courbage: The demographic characteristics of immigrant populations, Tabelle auf Seite 227. Sowie: Susanne Schmid Martin Kohls: „Generatives Verhalten und Migration“, 2011, Tabelle auf Seite 189, wo die Fertilität 2006-2008 für türkischstämmige Frauen sogar als nur 1,8 geschätzt wird.

Dieser Beitrag wurde unter Amerika, Deutschland, Freizügigkeit, Theorie, Türkei veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar