Der Sultan spielt Wagner

Dieser Artikel wurde 1204 mal gelesen.

Berliner Börsenzeitung, 6. Januar 1885

— Zu den gewöhnlichen Zerstreuungen des Sultans gehört es, täglich ein Stündchen am Klavier zu sitzen und sich an den neuesten Schöpfungen der abendländischen Tondichter zu ergötzen. Obwohl früher ein Gegner derselben, ist er seit dem Tode des großen Meisters auch ein Freund der Wagner’schen Musik geworden. Auch die beiden Söhne Abdul Hamid’s, Selim und Abdul Medschid, sind vortreffliche Klavierspieler, ebenso auch die Mutter des ersteren Prinzen, welche zugleich auch die erste Gattin ihres hohen Gemahls ist. Ihren Unterricht in der Musik hat die hohe Dame theils bei Frl. Dadian, der Dolmetschin des Kaiserlichen Harems, theils wieder bei ihrem Gemahl selbst, zur Zeit als derselbe noch ein einfacher Prinz war, genommen. Diese Dame ist nämlich eine Tochter des verstorbenen Sultans Abdul Aziz, der ihr eine vortreffliche Erziehung zu Theil werden ließ. Als sie nun eines Tages einen Reitlehrer suchte, da bot sich ihr ihr Cousin Abdul Hamid als solcher an. Es dauerte nicht lange, so waren Lehrer und Schülerin in einander verliebt und bald nachher waren Beide auch ein glückliches Pärchen. Abdul Hamid unterläßt es noch heute nicht, sich jeden Abend bei seiner Lieblingsgattin einzufinden und ihr ein Musikstück auf dem Klavier vorzutragen, oder Beide spielen vierhändig zusammen. Vor Kurzem hat nun der Beherrscher aller Gläubigen ein neues Stück für seine Hauscapelle componirt und dasselbe seiner Lieblingsgattin gewidmet.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1885, Geschichte, Musik, Türkei veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar