Bismarcks Kampagne gegen die Polen

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Neue Freie Presse (Wien), 13. Januar 1885

Es geschieht sehr selten, daß der „Deutsche Reichsanzeiger“ dazu benützt wird, politische Artikel zu veröffentlichen. Heute ist es seit langer Zeit wieder einmal der Fall mit einem Artikel über die polnisch-jesuitische Propaganda, welcher dadurch natürlich eine erhöhte Bedeutung gewinnt. Wir theilen denselben an anderer Stelle mit; er wendet sich gegen ein in Krakau erscheinendes Blatt, als dessen Tendenz der Gedanke der Wiederherstellung Gesammt-Polens bezeichnet wird. Dem Blatte — es ist der Przeglond Powszechny — wird „Deutschenhaß und ultramontaner Fanatismus“ zum Vorwurf gemacht und zugleich der katholischen Kirche vorgehalten, daß durch die Pflege staatsfeindlicher Stimmungen kein Segen erwachsen werde. Es wäre schon bedeutsam, wenn ein solcher Artikel in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung stünde; dadurch, daß er im „Reichsanzeiger“ publicirt wird, erhält er ein officielles Gepräge. Charakteristisch schließt sich an diesen Artikel eine von den Stenographen nicht verzeichnete Episode aus der Samstagssitzung des deutschen Reichstages an, welche der Frankfurter Zeitung mitgetheilt wird. Als Fürst Bismarck in seiner Darstellung der deutschfeindlichen Umtriebe in Camerun auf die Thätigkeit des polnischen Reisenden Rogazinski zu sprechen kam und zum erstenmale dessen Namen aussprach, flocht er mit halblauter Stimme ein: „Cherchez le Poionais.“

Der „Deutsche Reichsanzeiger“ über die Polen.

Wien 13. Januar.

Der „Deutsche Reichsanzeiger“ enthält heute folgenden Artikel: „Unter dem Titel Przeglond Powszechny (Allgemeine Rundschau) gibt der in Krakau lebende Jesuit P. Morawski in Verbindung mit verschiedenen Ordens- und Gesinnungsgenossen eine Monatsschrift heraus, deren Tendenz darauf gerichtet ist, den Gedanken einer Wiederherstellung Gesammt-Polens unter den Polnisch redenden Unterthanen Preußens, Oesterreichs und Rußlands wach zu erhalten. Bezeugt wird diese Absicht insbesondere dadurch, daß die Zeitschrift Mitarbeiter aus allen irgend zur polnischen Nationalität in Beziehung stehenden Ländern angeworben und von „Polnisch-Livland“ (den drei westlichen Kreisen des russischen Gouvernements Witebsk) bis nach Dalmatien hinüber publicistische Verbindungen angeknüpft hat. Daß Deutschenhaß und ultramontaner Fanatismus sich wie rothe Fäden durch diese Publication ziehen, und daß unter der Firma katholischer Glaubenstreue der bestehenden staatlichen Ordnung feindliche Stimmungen gepflegt werden, versteht sich von selbst. In diesem Sinne erörtert der frühere Weihbischof Janiszewski die päpstliche Encyklica gegen die Freimaurerei, H. Lisicki (der Verfasser der bekannten Bücher über den Marquis Wielopolski und über A. Helcel) die Memoiren des Fürsten Metternich, der Jesuit P. Vierling (Verfasser des Buches „Rome et Demetrius“) die Briefe des CardinalS de Côme an den einflußreichsten jesuitischen Propagandisten des 16. Jahrhunderts und Beichtvaters des convertirten Johann von Schweden, Antonio Possevin, ein Herr Ostoja „Das Lutherfest in Deutschland“, der Jesuit v. Jackowski die Geschichte des (innerhalb der unirten Kirche maßgebend gewesenen) Basilianer-Ordens, ein Ungenannter die für den April des nächsten Jahres in Aussicht genommene specifisch katholische Millenniums-Feier des Slaven-Apostels Methodius in Mähren, rücksichtlich welcher die Hoffnung ausgesprochen wird, Polen werde die ihm gebührende Stellung einig einnehmen.

Das Motto des Przeglond lautet: „Gesegnet das Volk, dessen Herr sein Gott ist.“ In Wahrheit ist damit gemeint: „Gesegnet das Volk, das keinen andern Herrn als die katholische Geistlichkeit anerkennt.“ Ob und inwieweit die ausschließliche Anerkennung dieses Herrn mit der beschwornen Treue gegen den Landesherrn und den Staat in Einklang zu bringen ist, kümmert die polnisch-jesuitischen Herausgeber selbstverständlich nicht. Daß dem Interesse der katholischen Kirche durch den durch polnisch-nationale Träumereien geleisteten Vorschub kein Segen erwachsen kann, steht für unbefangene Beurtheiler indessen ebenso unzweifelhaft fest, wie der unheilvolle Einfluß eines solchen, durch überlebte Reminiscenzen künstlich gefristeten nationalen Traumlebens auf die realen Zustände in den Polnisch redenden Theilen des Staatsgebietes.“

Hintergrund

Die Wiener „Neue Freie Presse“ hat recht: Der Reichsanzeiger ist ein unmittelbares Verkündigungsblatt der Regierung. Der Artikel erscheint ganz sicher mit Zustimmung oder sogar auf Betreiben von Bismarck. Schon seit 1883 laufen Vorbereitungen für die „Polenausweisungen“, die am 26. März 1885 anlaufen werden. Mit dem Artikel wird dafür Stimmung gemacht.

Ein möglicher Hintergrund ist Bismarcks schwache Unterstützung im Reichstag, wie sie sich auch bei der Abstimmung am 15. Dezember 1884 kundtut (siehe dazu: Unterstützung für die Opposition gegen Bismarck). Wenn der Kanzler Teile oder die ganze Zentrumspartei zu sich ziehen könnte, so hätte er eine sichere Mehrheit. Eine Attacke auf die Polen dient vermutlich dazu, das Zentrum auf „nationalen“ (=Bismarck-hörigen) Kurs zu bringen und von den polnischen Abgeordneten zu trennen.

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