Ludwig Bamberger über den Widersinn einer „konservativ-liberalen“ Partei

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Ludwig Bamberger in „Die Sezession“, 1881, Seite 105-106.

Wo heute an die Liberalen [1] noch das Ansinnen gestellt wird, sie möchten eine Strecke weit mit dem Kanzler zusammengehen, geschieht es nicht, um etwas von der freisinnigen Gesetzgebung in Kompromissen mit der Reaktion zu retten, sondern um Begleitung zu haben auf einigen Etappen, wo die Reaktionsverbündeten, insbesondere die Mitglieder des Zentrums, den Geleitsdienst zu teuer verkaufen wollen. [2] Diesen Etappendienst auf dem rückwärts führenden Weg verlangt man von den Liberalen. Sie sollen ritterlich beistehen, Die Sezession klein 4damit man an der nächsten Station, unter ihrem Schutz angekommen, auch mit ihren Gegnern nach Bedürfnis wieder gemeine Sache machen könne. Und nur mit einer solchen Begriffsverwirrung verträgt es sich, daß der Ruf nach Bildung einer „konservativ-liberalen“ Partei ergehen konnte. Nichts zeigt deutlicher als diese Wortverkuppelung wie gering man bei uns dermalen [3] von dem Beruf politischer Parteien denkt. Nur in einer Zeit, wo man Menschen, Gesinnungen und Einrichtungen nach einem andern Maßstab als dem ihres inneren Wertes mißt und allein die Unterwerfung unter das jeweilige Kommandowort für berechtigt erklärt, konnte die merkwürdige Verbrüderung der beiden Gegensätze erfunden werden. Aber freilich steht noch ein anderes Wort zu Gebote, mit welchem solche Wunder schon lange verrichtet werden. Es heißt „national“. Wenn schon jede Industrie, welche Unterstützung verlangt, allen Widerspruch aus dem Felde schlägt dadurch, daß sie ihre Interessen „nationale“ nennt, wie viel mehr müssen politische Verhaltungsregeln für unanfechtbar gelten, sobald sie als die ausschließlich nationalen angepriesen werden. Je lauter die nationale Lärmtrommel gerührt wird, desto vorsichtiger muß man prüfen, ob es nicht gilt, die Stimme der Vernunft zu übertönen. Bedeutet doch auch jener an das Herz appellierende Aufruf zur Bildung einer konservativ-liberalen Partei ganz einfach die Unterwerfung der Liberalen unter die Konservativen!

[1] Hier wohl eher im engeren Sinne als die Nationalliberalen inklusive ihres vormaligen linken Flügels, der Liberalen Vereinigung, verstanden.

[2] Bismarck spielt die Nationalliberalen und das Zentrum gegeneinander aus, um seine Ziele durchzusetzen.

[3] jetzt, zurzeit.

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