Reaktion in Österreich auf den Artikel des „Deutschen Reichsanzeigers“

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Neue Freie Presse (Wien), 14. Januar 1885

Wien, 13. Januar.

Ein berühmtes holländisches Satirenblatt aus dem vorigen Jahrhundert stellt in sehr charakteristischer Weise die zweite Theilung Polens dar. Vor der polnischen Land Landkarte sitzt die Czarin Katharina, den Theil überschauend, der ihr zugefallen, während dem König Stanislaus August, der sie beobachtet, die Krone vom Haupte gleitet; in einiger Entfernung bezeichnet Kaiser Joseph auf derselben Karte mit dem Finger die neuen Grenzen, und Friedrich der Große hält die Spitze seines Degens auf das Stück, um welches Preußen vergrößert worden. An dieses Satirenblatt wird man erinnert, so oft die sogenannte polnische Frage in irgend welcher Form zur Diskussion kommt, und insbesondere ist es die Figur Friedrich’s des Großen, deren man sich entsinnt; denn wie dieser, indem er das Schwert auf die Landkarte heftet, kategorisch anzudeuten scheint, daß eine unabänderliche historische Thatsache geschaffen worden, so hat Preußen, seitdem es in den Besitz ehemals polnischer Landestheile gelangte, am entschlossensten von allen Theilungsmächten jeden Gedanken an eine Wiederherstellung Polens bekämpft und alle national-polnischen Selbstständigkeits-Regungen innerhalb seiner Grenzen unerbittlich niedergehalten. Von den preußischen Polen ist denn auch niemals, außer wenn die katholische Kirche sich ihrer annahm, die Initiative zu nationalen Agitationen ausgegangen, und in Berlin konnte man stets mit einem gewissen Rechte, so weit das eigene Interesse im Spiele war, die nationale polnische Idee als eine „überlebte Reminiscenz“, als ein „künstlich gefristetes nationales Traumleben“ bezeichnen, ganz so, wie einst auch der Czar Alexander II. in Warschau einer Deputation der polnischen Magnaten das berühmte „Point de reveries!“ zurief. Indessen nicht alle Polen gehören dem preußischen und dem russischen Stnatsverbande an, und außerhalb dieses Bannkreises hat jene „überlebte Reminiscenz“, von der Kirche genährt und mit sonstigen realen Verhältnissen verknüpft, nicht blos noch immer eine sehr concrete Lebenskraft, sondern sie ist sogar seit geraumer Frist ein sehr mächtiger Factor geworden, der fühlbar auf die öffentlichen Zustände drückt, und nicht nur auf den Polen Rogozinski, der in Camerun der deutschen Colomal-Politik Schwierigkeiten bereitet, sondern auch auf viel näher liegende Dinge paßt der neulich vom Fürsten Bismarck gethane Ausruf: „Cherchez le Poionais!“

Man braucht aber gar nicht weit zu suchen, denn wie um jene Parenthese des Fürsten Bismarck zu illustreren, weist heute der „Deutsche Reichsanzeiger“ mit dem Finger auf ihn hin, und daß dies just der „Deutsche Reichsanzeiger“ thut, der als officielles Blatt sonst nur höchst selten zu politischen Meinungskundgebungen benützt wird, das ist eine Thatsache, welche Manches zu denken gibt. Umsomehr, als der Schuldige, der incriminirt wird, nicht etwa in Posen oder Thorn, sondern in der österreichischen Stadt Krakau sitzt, und somit an eine ganz ausdrückliche Adresse der Vorwurf gerichtet ist, daß sie das Hauptquartier sei, von wo aus „der Gedanke einer Wiederherstellung Gesammtpolens unter den Polnisch redenden Unterthanen Preußens, Oesterreichs und Rußlands wach erhalten“ werde. Diese Adresse aber ist diejenige der polnischen Zeitschrift Przeglond Powszechny, welche, von einem Jesuiten in Krakau redigirt, nach allen Richtungen der polnischen Diaspora, von Livland bis Dalmatien, Verbindungen besitzt und daher — sofern der „Deutsche Reichsanzeiger“ Recht hat — nicht blos bei den Polen in Oesterreich, sondern auch bei denen in Preußen und Rußland „unter der Firma katholischer Glaubenstreue der bestehenden staatlichen Ordnung feindliche Stimmungen pflegt“. Und zwar sind es dreierlei Mittel, durch welche nach dem „Deutschen Reichsanzeiger“ diese Wirkung erzielt wird: nämlich der Deutschenhaß, der ultramontane Fanatismus und der von der Kirche der national-polnischen Wiederauferstehungs-Idee geleistete Vorschub. Die Möglichkeit, daß durch eine derartige Agitation der Kirche ein Segen erwachsen könnte, gesteht der „Reichsanzeiger“ nicht zu; dagegen sieht er einen unheilvollen Einfluß voraus, welchen jene Agitation auf die realen Zustände in den Polnisch redenden Theilen des Staatsgebietes haben könnte, und da er nicht blos von den preußischen, sondern expressis verbis auch von den österreichischen und russischen Polen spricht, so ist es klar, daß man dort an seiner Kundgebung am meisten interessirt sein muß, wo die Polen am wenigsten ein „nationales Traumleben“ führen, vielmehr sehr energisch ihre Empfindungen und Anschauungen bei der Gestaltung der öffentlichen Verhältnisse geltend zu machen in der Lage sind.

Es ist für uns aus Gründen, die wir nicht näher darzulegen brauchen, sehr schwer, die Kundgebung deS „Deutschen Reichsanzeiger“ zu commentiren und aufzuzeigen, warum man in Oesterreich nur mit einer gewissen Wehmuth dem überlegenen und selbstbewußten Tone zu lauschen vermag, mit welchem in Preußen zu den Polen gesprochen wird. Dort ist das Staatsgefüge so fest und der Wille, dasselbe nach keiner Richtung hin irgend einem Experimente auszusetzen, so unbeugsam, daß man allerdings die national-polnische Idee, mit oder ohne Succurs durch die Kirche, als eine „überlebte Reminiscenz“ betrachten kann. Und was jetzt der „Reichsanzeiger“ mit einer Art amtlicher Autorität darüber sagt, das haben die preußischen Minister in den Parlamenten, hat die Norddeutsche Allgemeine Zeitung in zahllosen officiösen Artikeln niemals zu sagen verfehlt, so oft irgend ein polnischer Antrag mit nationaler Tendenz auf die parlamentarische Tagesordnung kam. Da aber jede Discussion über polnische Dinge, wie der „Reichsanzeiger“ mit Recht zu verstehen gibt, eine internationale Tragweite hat, insofern drei europäische Mächte an ihr mittelbar oder unmittelbar interessirt sind; da insbesondere eine verschiedene Behandlung der polnischen Frage nothwendig auch auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen Deutschland, Oesterreich und Rußland in gutem oder schlimmem Sinne zurückwirken muß, so erscheint es unver unvermeidlich, die heutige Aeußerung des „Reichsanzeiger“ daraufhin zu prüfen, ob sie nicht für uns Oesterreicher ebenso beherzigenswerth sei wie für seine preußischen Leser.

Freilich ist, seitdem das Ministerium Taaffe am Ruder, stets behauptet worden, daß die Stellung der Regierung zu den Nationalitäten eine innere Angelegenheit sei, welche mit den auswärtigen Beziehungen nichts zu schaffen habe. Und lange Zeit hatte es den Anschein, als ob man in Berlin diese Ansicht theile, die an und für sich, von ihren praktischen Consequenzen abgesehen, auch von Niemandem bestritten werden kann. Aber die praktischen Consequenzen _— das ist’s! Wenn es für unsere auswärtige Politik nichts Wichtigeres gibt, als die ungestörte Erhaltung des Bündnisses mit Deutschland und die Pflege guter Beziehungen zu Rußland, so ist es doch sehr fraglich, ob gerade die heutige Bedeutung der Polen in unserem inneren Staatsleben diesen Interessen entspricht, und wenn wir den Artikel des „Reichsanzeiger“ richtig verstehen, so enthält er eine Kritik, welche jenes Dogma von der absoluten Trennbarkeit der innern und der äußern Politik mit Beziehung äuf die Polen arg erschüttert. Denn es ist in derselben der ganz directe Hinweis auf eine österreichische Quelle enthalten, von der eine Strömung ausgehen soll, die man in Berlin als eine Beunruhigung und als eine Gefahr für die bestehende staatliche Ordnung empfindet. Und so sehr wir auch jeden wie immer gearteten Einmischungsversuch eines auswärtigen Verbündeten in unsere inneren Angelegenheiten bekämpfen und zurückweisen würden, das können wir doch zum mindesten begreifen, daß bei dem Charakter der sogenannten polnischen Frage und bei ihrer naturnothwendigen Verzweigung über drei europäische Reiche in Berlin ein Bedenken auftaucht, ob nicht die Polen in Oesterreich, durch die inneren Verhältnisse begünstigt, schließlich in Deutschland und Rußland zu einer Propaganda sich ermuthigt fühlen könnten, die man dort als gefährlich betrachtet. Hier besteht unzweifelhaft ein Zusammenhang zwischen äußerer und innerer Politik, auf den wir unsererseits stets hingewiesen haben, weil wir voraussahen, daß er eines Tages für den Bestand des deutsch-österreichischen Bundes präjudicirlich werden könnte. Denn es ist, wie man es auch nehme, etwas Unnatürliches darin, daß die Polen, welche von Deutschland und Rußland als Feinde der bestehenden Staatsordnung angesehen werden, in dem mit ihnen verbündeten Oesterreich eine tonangebende Rolle spielen, und das Unnatürliche tritt sofort zu Tage, wenn dieser Unterschied in Berlin empfunden wird. Er wird aber dort empfunden, das beweist der Artikel des „Reichsanzeiger“, der mit einer Deutlichkeit, wie bisher noch nie, auf eine österreichische Quelle der national-polnischen Agitation hinzeigt, und wenn daraus eine Lehre zu schöpfen ist, so kann es nur die sein, daß man das Verhältniß zu Deutschland sorgfältigst vor Trübungen bewahren möge, denn thurmhoch an realem Werthe steht über dem „nationalen polnischen Traumleben“ das deutsch-österreichische Bündniß, welches nicht blos für die beiden Verbündeten, sondern für den Frieden von ganz Europa eine erprobte Bürgschaft ist.

Hintergrund

Der Reichsanzeiger ist ein unmittelbares Verkündigungsblatt der Regierung. Politische Artikel sind, wie die Neue Freie Presse anmerkt, ungwöhnlich. Man kann deshalb recht sicher davon ausgehen, daß dies mit Zustimmung oder sogar auf Betreiben von Bismarck geschieht. Was zu dem Zeitpunkt unbekannt ist: Schon seit 1883 laufen Vorbereitungen für die „Polenausweisungen“, die am 26. März 1885 anlaufen werden. Mit dem Artikel wird dafür Stimmung gemacht. Es wird aber auch die Reaktion in Österreich-Ungarn getestet, weil Vorwürfe gemacht werden, daß von dort Bedrohungen für Deutschland ausgehen. In Österreich ist der konservative Graf Taaffe an der Macht. Da dieser sich nicht auf die Liberalen stützen kann, macht er vor allem den Tschechen, aber auch anderen Minderheiten wie den Polen Zugeständnisse.

Siehe auch:

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