Müssen Freihändler allgemein gegen Handelskriege sein?

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In der letzten Zeit haben wir ein Argument an verschiedenen Stellen gesehen, das in einem engen Sinne zwar richtig, aber doch irreführend ist. Und zwar lautet es so:

Angenommen Land A führt einen Zoll ein auf etwas, das aus Land B eingeführt wird. Argumentiert wird nun, daß Land B aus freihändlerischer Sicht darauf nicht mit einem Zoll auf etwas anderes antworten darf, das aus Land A eingeführt wird. Es handle sich dabei um einen Trugschuß, den man als Freihändler nicht machen dürfe: keine Handelskriege. Doch stimmt das?

Um zurückzuweisen, daß ein Handelskrieg nie Sinn macht, muß man nicht beweisen, daß jeder Handelskrieg sinnvoll ist. Es genügt aufzuzeigen, daß es auch aus freihändlerischer Sicht Fälle geben kann, wo ein Handelskrieg in Frage kommt. Ob es viele solcher Fälle in der Praxis gibt, sei dahingestellt. Verworfen wird im Folgenden nur die pauschale Behauptung. Und wenn sie nicht gilt, dann muß man sich den jeweiligen Fall genauer anschauen. Ein Appell an ein vermeintliches „freihändlerisches Prinzip“ ist hingegen unzutreffend.

Wie wird nun für die Behauptung argumentiert, daß aus freihändlerischer Sicht Handelskriege nie in Frage kommen?

Anstatt die Behauptung selbst zu zeigen, wird eine andere bewiesen. Man beginnt mit einer Erklärung, daß ein Zoll für beide Seiten schädlich ist und nicht, wie Protektionisten meinen, dem Land, das ihn verhängt, einen Vorteil einbringt. Soweit ist das Argument richtig. Das ist aber nicht relevant für die Behauptung.

Sicherlich könnte Land B, das auf den Zoll von Land A reagiert, in einem protektionistischen Irrtum befangen sein, nämlich daß man durch den eigenen Zoll sich einen Gewinn verschafft. In dem Fall würde der freihändlerische Einwand natürlich ziehen, daß beide Seiten bei einem Zoll verlieren. Aber was wenn man diesen Trugschluß gar nicht macht?

Dann stellt sich die Lage so dar: Land A schädigt sich und Land B mit seinem Zoll. Reagiert Land B mit einem weiteren Zoll darauf, dann schadet es auch wieder beiden Ländern. Aber wie es die Länder schädigt, hängt von deren jeweiliger Größe ab und davon, auf was die Zölle gelegt werden.

Es ist bei einem Zoll von Land B durchaus möglich, daß der Schaden fast ganz von Land A getragen wird. Wenn der Zoll etwa auf etwas gelegt wird, für das Land B der Hauptabnehmer ist, es aber für Land B auch viele andere Bezugsquellen gibt, dann wird die Auswirkung für Land B zwar schädlich, aber gering sein. Für Land A würde sie hingegen vielleicht katastrophal sein.

Land B könnte also den Zoll (oder auch nur die Drohung damit) dazu einsetzen, Land A von seinem Zoll abzubringen. Wenn der Schaden für Land A durch den Zoll von Land B hoch genug ist, könnte das gelingen. Und wenn es eine gute Chance gibt, daß das passiert, dann ist ein Zoll von Land B als Reaktion auf den Zoll von Land A durchaus eine sinnvolle Vorgehensweise. Das Ergebnis könnte nämlich sein, daß beide Zölle verschwinden. Hingegen würde in dem Fall ein Verzicht auf eine Reaktion zu einem schlechteren Ergebnis führen.

Alles hängt davon ab, ob man mit dem Gegenzoll zum Ziel kommen kann. Das Ziel ist dabei nicht nach einem protektionistischen Trugschluß ein Gewinn durch den Zoll, sondern politischer Druck auf Land A. Dazu ist auch genau genommen gar nicht erheblich, ob Land B sich mit seinem Zoll nicht auch schädigt. Ein Zoll, der hauptsächlich nur Land A trifft, wäre nur wohl vorzuziehen. Abzuwägen wäre zudem der Schaden während des Handelskriegs gegenüber dem Vorteil, den man bei einem Erfolg hat.

Es hängt also von den genauen Gegebenheiten ab, ob es eine gute Chance gibt, daß beide Zölle fallen. Wenn nicht, dann wäre die beste Lösung für Land B nicht mit einem Zoll zu antworten. Doch, wie bereits eingangs bemerkt, geht es nicht darum zu beweisen, daß ein Handelskrieg in jedem Fall sinnvoll ist, sondern bloß, daß es solche Fälle geben kann. In einem bestimmten Fall kann man sich nicht auf ein Prinzip berufen, das immer gilt.

Ganz analog ist es auch mit Handelsverträgen. Wenn durch weiteren Bestand von Zöllen eine Aufhebung von Zöllen auf der anderen Seite nicht angereizt werden kann, ist es die beste Möglichkeit, einseitig vorzugehen. Aber wenn man mit einem Zoll ein Druckmittel hat, daß auch weitere Zölle auf der anderen Seite fallen, dann kann ein Handelsvertrag durchaus zu einem besseren Resultat führen.

Sicherlich hätte Großbritannien 1860 einseitig Zölle für Importe aus Frankreich streichen können. Damit wäre der Schaden durch diese Zölle für beide Seiten weggefallen. Aber mit dem Cobden-Chevalier-Vertrag fielen zusätzlich auch französische Zölle und der mit ihnen verbundene Schaden. Das war besser.

Hinzu kommt hier, daß aufgrund protektionistischer Trugschlüsse eine beiderseitige Beseitigung von Zöllen meist politisch leichter fällt als eine einseitige. Wenn man also das bessere Resultat sogar leichter erreicht, spricht einiges für Handelsverträge. Das schnelle Argument, daß man doch nur Freihandel mit allen Ländern machen sollte, stimmt nicht. Nur wenn man keine Aussicht hat, durch Verträge auch Zölle anderswo zu streichen, ist das die beste Lösung. Die pauschale Verurteilung von Handelsabkommen aus „freihändlerischen Prinzipien“ ist von daher nicht stimmig, so oft sie auch immer wieder vorgebracht wird.

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