Wie man Geld überweist, ohne es zu überweisen

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Herr T. lebt in New York. Er hat Schwarzgeld „offshore“ in der Karibik, sagen wir 60 Millionen Dollar. Dabei könnte es sich um Gewinne aus kriminellen Machenschaften handeln oder um Schmiergelder, die ihm gezahlt wurden, oder einfach um Geld, das er nicht bei der Steuer deklarieren wollte. Der wesentliche Punkt ist hierbei, daß das Geld nicht ans Tageslicht kommen darf, weil sonst Fragen gestellt würden. Es ist eben Schwarzgeld. Dazu muß es nicht einmal durch die Aktivitäten von Herrn T. geworden sein. Auch möglich wäre es etwa, daß er mit Geld bezahlt wurde, das bereits schwarz war, beispielsweise als die verdeckte Nebenzahlung zu einer offenen Zahlung bei einem Deal.

Nun ist es für Herrn T. sicherlich angenehmer, Geld in der Karibik zu haben, als keines. Aber dennoch hat das seine Grenzen. Solange er das Geld „offshore“ in der Karibik einsetzt, läßt es sich gut gebrauchen, „onshore“ in den USA ist es hingegen wertlos. Man müßte demnach einen Weg finden, wie man über das Geld in den USA verfügen kann, es müßte in anderen Worten gewaschen werden. Dazu müssen zwei Dinge bewerkstelligt werden: das Geld muß transferiert werden und es muß mit einer anständigen Legende versehen werden.

Allein der Transfer aus der Karibik in die USA stellt schon ein Problem dar. Größere Beträge in Koffern durch den Zoll zu bringen, sollte nicht einfach sein. Und das Geld einfach zu überweisen, wäre selten dumm, denn damit entsteht eine breite Papierspur, die nicht unbemerkt bleiben sollte. Und dann kämen eben die Fragen. Wie nun vorgehen, um die 60 Millionen zu waschen? Herr T. befindet sich derzeit in einer angespannten finanziellen Lage und könnte das Geld sehr gut gebrauchen.

Es gibt sicherlich viele Möglichkeiten, wie Herr T. vorgehen könnte. Eine wäre etwa die folgende: Herr T. sucht sich jemanden, Herrn R., der das umgekehrte Problem hat, weil er Geld in die Karibik bringen möchte. Beispielsweise würde er gerne bei einem Scheidungsverfahren sein offizielles Vermögen reduzieren. Das Geld kann in den USA dabei nicht spurlos verschwinden, weil das auffällig wäre. Hier würde also auch eine Legende gebraucht werden. Aber dazu später mehr.

Herr T. hat 60 Millionen „offshore“ in der Karibik und möchte 60 Millionen „onshore“ in den USA haben. Herr R. hat 60 Millionen in den USA und möchte 60 Millionen in der Karibik haben. Der erste Versuch wäre es, daß beide ihr Geld transferieren. Nur ist das wie gesagt nicht so einfach.

Doch es gibt auch noch eine andere Möglichkeit, die zum selben Resultat führt: Herr T. zahlt 60 Millionen „offshore“ in der Karibik an Herrn R. Und Herr R. zahlt „onshore“ 60 Millionen an Herrn T. Zur ersten Transaktion würden wohl keine Fragen gestellt werden, weil diese ganz „offshore“ stattfindet. Bei der zweiten muß man sich noch etwas überlegen. Aber was klar ist: es fließt kein Geld über die Grenze. Das beseitigt also schon einmal ein sehr großes Problem.

Es bleibt jedoch wie gesagt noch eine andere Schwierigkeit: Sichtbar ist die Zahlung von 60 Millionen durch Herrn R. an Herrn T. in den USA. Das erscheint als ein einseitiges „Geschenk“ ohne Gegenleistung, was Fragen aufwerfen würde. Ein Verdacht wäre also unausweichlich. Wie könnte man das nun umgehen?

Auch hier gibt es wahrscheinlich wieder viele Möglichkeiten, aber eine wäre es, das „Geschenk“ in eine andere Transaktion zu verpacken, wo es nicht als Geschenk, sondern als ein zwar vielleicht erstaunlicher, aber immerhin denkbarer Gewinn erscheint. Dazu suche man sich etwas, für das sich ein Marktpreis nicht leicht bestimmen läßt. Schlecht wären etwa börsengehandelte Wertpapiere. Zwar etwas besser, aber ebenfalls eher schlecht, wären kleinere Immobilien. Reihenhäuser in ähnlichen Lagen werden häufig verkauft und gekauft, ein Sachverständiger kann demnach eine ungefähre Schätzung abgeben.

Aber es gibt andere Güter, für die das nicht gilt. Was ist ein seltenes Kunstwerk wert? Für den Liebhaber, dem genau dieses noch in seiner Sammlung fehlt und der sich verguckt hat, ist es vielleicht das Doppelte wert, was andere dafür zahlen würden. Und eine ganz ähnliche Idee wären exklusive Immobilien, die selten gehandelt werden. Jemand kann nicht leben, wenn es nicht diese Villa ist, und er bezahlt deshalb gerne auch das Doppelte dafür, was sie anderen wert erscheint.

Herr T. und Herr R. können das nun dazu nutzen, aus einem suspekten „Geschenk“ eine normale Transaktion zu machen. Im ersten Zug kauft sich Herr T. eine ausgefallene Immobilie für 40 Millionen Dollar. Vielleicht hat er hier ein Schnäppchen gefunden, er ist schließlich als sehr gewiefter Dealmaker bekannt und hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Er und kein anderer hat den wirklichen Wert der Immobilie verstanden. Auch hat er ein paar künstlerische Ideen, wie er das Haus aufmotzen kann. Es wird etwas renoviert und neu dekoriert. Auch wenn das wenig kostet, bringt es vielleicht plötzlich einen ungeahnten Wert zum Vorschein. Kann doch sein.

Herr R. kauft Herrn T. nun die Immobilie nach einer gewissen Zeit für 100 Millionen ab. Damit hat Herr T. die 60 Millionen als Gewinn und nicht als „Geschenk“ erhalten. In der Presse läßt er sich dafür als Genie feiern, denn dieser große Aufschlag wurde mitten in einer gewaltigen Immobilienkrise gezahlt. Aber Herr T. ist eben ein Macher, und Herr R. fand das Haus einfach unwiderstehlich, besonders durch das künstlerische Zutun von Herrn T., weshalb er es nur einmal betreten und später dann abreißen lassen wird.

Natürlich hat das alles ein Geschmäckle, aber nachweisen kann man Herrn T. und Herrn R. nichts. Es könnte wirklich so sein, wie es erscheint, ein hervorragender Deal von Herrn T. Und da die andere Transaktion in der Karibik nicht bekannt ist, kann man den beiden kaum auf die Spur kommen. Wenn sie sehr geschickt sind, haben sie die Gegenseite „offshore“ auch etwas verwickelter gestaltet: in mehrere Transaktionen aufgespalten oder auch über weitere Mittelsmänner geleitet. Vielleicht ging das auch gar nicht über die Karibik, sondern über ein anderes intransparentes Land.

Hier etwas nachzuweisen, dürfte fast unmöglich sein. Es müßte ja auch gar nicht so sein, daß überhaupt von Herrn T. an Herrn R. in der Karibik etwas gezahlt wurde. Jemand anders könnte das getan haben. Und damit wäre das „Geschenk“ an Herrn T. vielleicht für geleistete Dienste oder als Bestechung durchgeleitet worden. Und es kann eben auch einfach sein, daß gar nichts dahintersteckt, der eine Phantasiepreise zahlt und der andere ein Genie des Deals ist.

Wichtige Anmerkung

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind selbstverständlich rein zufälliger Natur. Natürlich soll das alles keine Anspielung sein etwa auf diesen Artikel. Der Geschäftsmann darin hat sich übrigens auch bei Kunstwerken mit den Preisen sehr vertan. Wir gehen davon aus, daß er einfach ein sehr schlechtes Händchen für das Geschäftliche hat.

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