Ein Bild aus dem sozialdemokratischen Zukunftsstaat

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Im Jahre 1891 veröffentlichte Eugen Richter einen kleinen Roman, die „Sozialdemokratischen Zukunftsbilder“, in dem er ausmalte, wie es zuginge, wenn die Sozialdemokraten ihr Programm der vollständigen Verstaatlichung der Wirtschaft umsetzen würden. Dabei ging er vom Programm der Sozialdemokraten aus und dachte konsequent weiter. Und zwar so konsequent, daß er zu einigen gespenstisch genauen Vorhersagen gelangte, z. B. daß der sozialistische Staat den Schießbefehl an der Grenze einführen würde, um seine Untertanen an der Flucht zu hindern.

Ein beliebter Vorwurf an Eugen Richter zu seiner Zeit und seitdem war es zu behaupten, er habe sich nur mit einem Strohmann abgegeben. Das alles habe doch gar nichts mit dem Sozialismus zu tun. Wie genau er aber den Sozialdemokraten auf den Fersen war, illustriert die folgende Stelle aus Kapitel 17 „Aus den Werkstätten“. Hier schildert der ursprünglich begeisterte Erzähler, der langsam den Glauben an den Sozialismus verliert, wie die Arbeitsmoral immer weiter absinkt:

Franz [dem Sohn des Erzählers, der wegen politischer Unzuverlässigkeit von Berlin nach Leipzig zwangsversetzt wurde] ist es leider ähnlich ergangen. Die Zeitung dort wird selten zur richtigen Stunde fertig, obwohl um die Hälfte Setzer mehr als früher an einem Bogen arbeiten. Je später der Abend, desto mehr Fäßchen Bier sind während der Arbeit schon vertrunken, und desto zahlreicher werden die Druckfehler.

Als Franz neulich den erkrankten Metteur vertrat und um etwas mehr Ruhe in der Werkstatt höflichst bat, stimmte das ganze Personal die Marseillaise an unter besonders starker Betonung der Worte: Nieder mit der Tyrannei !“

Doch was wie literarische Freiheit wirkt, ist so nah nach der Wirklichkeit gestaltet wie nur möglich. Denn den Hintergrund bildet eine Szene, die sich in der Offizin oder Werkstatt eines der Führer der „Jungen“ in der sozialdemokratischen Partei abgespielt hatte. Die „Jungen“ wurden Anfang der 1890er Jahre scharf von der Parteiführung bekämpft und letztlich ausgeschlossen, weil sie auf einer revolutionären Ausrichtung bestanden, während die Partei den langen Marsch durch die Institutionen antreten wollte.

Wie die von Eugen Richter herausgegebene „Freisinnige Zeitung“ genüßlich am 9. August 1891 berichtete, hatte sich folgendes zugetragen. Um dabei ein Gefühl für die Dimensionen zu bekommen: eine Mark hatte etwa eine Kaufkraft von 10 Euro heute.  Die Gehilfen erhalten hier einen Wochenlohn von 30 Mark, also etwa 1.500 Mark pro Jahr. Das Durchschnittseinkommen in Deutschland liegt zu der Zeit bei 850 Mark pro Jahr oder 650 Mark pro Jahr für Arbeiter.

Ein Bild aus dem sozialdemokratischen Zukunftsstaat könnte man es nennen, welches sich  am letzten Mittwoch in einer Versammlung des „Vereins der Berliner Buchdrucker und Schriftgießer“ entrollte. Herr Werner, der bekannte Führer der „Jungen“, ist bekanntlich wohlbestallter Buchdruckereibesitzer. In seiner Offizin wird u. a. auch die sozialistische „Berl. Volkstribüne“ gedruckt.

Daß ein Mann von der Stellung, wie Herr Werner sie innerhalb der sozialdemokratischen Partei einnimmt, bestrebt ist, schon unter den obwaltenden Verhältnissen den sozialdemokratischen Zukunftsstaat in seinem Bereiche nach Möglichkeit zu verwirklichen, ist selbstverständlich. So hatte er denn auch, da die Sozialdemokratie eine entschiedene Gegnerin aller Akkordarbeit ist, seine Schriftsetzergehilfen mit einem festen wöchentlichen Lohn von ca. 30 Mk. durchschnittlich angestellt. Auch sonst erfreuten sich natürlich die Herren Gehilfen in der Wernerschen Offizin aller Freiheiten, auf welche die Sozialdemokratie Ansprüche macht.

Aber die Freude dauerte nicht lange. Die Herren machten von ihren Freiheiten einen allzu ausgiebigen Gebrauch. So lieferten sie beispielsweise, wie Herr Werner behauptet, für einen Wochenlohn von 30 Mk. manchmal nur Arbeit in der Höhe von 1,50 Mt. Alle Ermahnungen an die Gehilfen, besser zu arbeiten, erwiesen sich als fruchtlos. Die Herren wiesen derartige Zumutungen entrüstet zurück „im Bewußtstein ihrer Arbeitskraft.“ Als einer der Kompagnons des Herrn Werner die Gehilfen um mehr Ruhe bat, da er bei dem fortwährenden Lärm und Streit nicht mehr arbeiten könnte, „brüllten“, wie Herr Werner sich ausdrückt, die Herren die Marseillaise unter besonderer Betonung des Rufes „Nieder mit der Tyrannei!“

In Folge dieser Vorgänge sah Herr Werner sich veranlaßt, das sozialdemokratische Prinzip über den Haufen zu werfen und Akkordarbeit anzuordnen. Die Folge davon war sofort eine wesentlich vermehrte Arbeitsleistung. Gleichzeitig wurden zwei der Gehilfen, die in der Berliner sozialistischen Bewegung sich besonders hervorthun und die dementsprechend auch in der Offizin des Herrn das große Wort führten, entlassen.

Die Herren betrachteten diese Entlassung als eine Maßregelung und verlangten demgemäß vom Verein der Berliner Buchdrucker und Schriftgießer diejenige Unterstützung, welche Gemaßregelten von dem Verein zu Teil wird. Es entspann sich bei dieser Gelegenheit in der Versammlung eine heftige Debatte, in der Herr Werner in längerer Rede die von uns wiedergegebenen Mitteilungen machte. Die Folge davon war, daß der Verein die Unterstützung der entlassenen Genossen ablehnte. Nur einige besonders überzeugungstreue Genossen stimmten für die Entlassenen.

Eines Kommentars bedarf dieser Bericht, der in drastiscber Weise den Wert der sozialdemokratischen Theorien illustriert unseres Erachtens nicht. Mit den Erfahrungen, die Herr Werner als Buchdruckereibesitzer gemacht, steht vielleicht im Zusammenhang eine Nachricht, die wir in einem Berliner Blatte finden, wonach er den „Jungen“ den Rücken gekehrt hat und mit der Fraktion seinen Frieden machen will.“

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