Der dümmste Kerl der Welt

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von Alexander Moszkowski, 1912

Es war im Jahre so und so, und die Reichspost befand sich gerade auf dem Höhepunkte der Findigkeit; sie fand die unauffindbarsten Menschen und Firmen, entzifferte Adressen, an denen zehn Schreibsachverständige hätten verrückt werden können, sie las die Gedanken der gedankenlosesten Absender, kurzum sie fand alles und noch einiges. Die Briefschreiber hatten hieraus einen wahren Sport entwickelt, indem sie die berühmte Postfindigkeit immer härteren Proben unterwarfen, in der Hoffnung, endlich einmal einen unbestellbaren Brief konstruieren zu können; Dies gelang indes nur in einigen wenigen Fällen, in denen die Adresse ganz klar und deutlich ausgeschrieben war; sobald die Adresse anfing, unvollständig, rätselhaft oder hieroglyphisch zu werden, warf sich der Scharfsinn der Behörde mit aller Vehemenz auf das Problem, das regelmäßig in um so kürzerer Frist gelöst wurde, je verzwickter es auf den ersten Blick erscheinen mochte.

Da begab es sich, daß beim Hauptpostamt in Berlin ein Brief eintraf, der die Aufschrift trug: „An den dümmsten Kerl der Welt.“

Der betreffende Oberbeamte entschied sofort, daß alle Anstrengungen gemacht werden müßten, um auch dieses ebenso neuen wie ungeheuerlichen Problems Herr zu werden. Eine besondere Kommission wurde gebildet, der die Aufgabe zufiel, den dümmsten Kerl zu ermitteln. Sie arbeitete mit Hilfe der gewiegtesten Privatdetektivs und brachte schließlich eine Liste hervorragend dummer Individuen zustande, aus denen die engere Wahl schließlich drei Persönlichkeiten, als für den Fall zunächst in Betracht kommend, heraushob, nämlich: Erstens einen Bauern in der Uckermark, der notorisch die größten Kartoffeln hatte, zweitens einen Bildhauer, der sich grundsätzlich nur an solchen Konkurrenzen beteiligte, in denen Reinhold Begas als Mitbewerber auftrat, und drittens einen Berliner Rentier, der gegen die Veranlagung zur Vermögenssteuer reklamiert hatte, weil sie ihm zu niedrig erschienen war und er darin eine Benachteiligung des Fiskus erblickte.

Die beiden Erstgenannten verweigerten die Annahme des Briefes unter Protest. Sie wiesen insbesondere darauf hin, daß das Schreiben nicht einmal frankiert wäre, und erklärten es für gänzlich unter ihrer Würde, angesichts einer so frechen Adresse auch noch Strafporto zu bezahlen.

Auch der Dritte, der Rentier Melchior Brägenweich, war zuerst gewaltig entrüstet, als ihm der Postbote den Brief unter die Nase hielt. Ihn plagte indes die Neugier, den impertinenten Absender kennen zu lernen, und so entschloß er sich denn, das Strafporto zu bezahlen und den Brief in Empfang zu nehmen. Dann öffnete er das Kuvert und las:

„Teurer Unbekannter!

Empfange zunächst besten Dank des Unterzeichneten für Deine unglaubliche Gutmütigkeit, mit der Du Dich selbst als den richtigen Adressaten des Vorliegenden bekannt hast. Mir hast Du damit einen wesentlichen Dienst geleistet; die Sache ist nämlich die:

Wir befanden uns neulich in fideler Studentengesellschaft, und einer meiner Kumpane brachte das Gespräch auf das Wesen der menschlichen Dummheit. Ich stellte dabei die Behauptung auf, daß es mir gelingen würde, den dümmsten Kerl in ganz Deutschland mit Sicherheit zu ermitteln, und diese Behauptung führte zu einer Wette um den Betrag von hundert Mark.

In dem Momente, wo Du dieses liest, hat die postalische Findigkeit bereits alles geleistet, was ich von ihr zu erwarten berechtigt war. Dies schmälert indes nicht die Anerkennung für Dich selbst, der Du, hiermit als Auserwählter unter zweiundsechzig Millionen Deutscher herzlich begrüßt wirst von

Hans Hellmaier, stud. phil.“

Der Rentier Melchior Brägenweich raste vor Zorn über diesen Schimpf, und noch am nämlichen Tage strengte er zwei Beleidigungsklagen an, die eine gegen die Postverwaltung, die andere gegen den Studiosus, der seine volle Wohnungsadresse unter seinen Namen gesetzt hatte.

Das Gericht beschloß, die beiden Streitfälle miteinander zu verbinden. Nach langer Beratung erfolgte  das Urteil, das den Kläger abwies und ihn in die Kosten verurteilte.

In der Begründung hieß es:

Davon, daß die Post den Kläger beleidigt haben könnte, kann gar nicht die Rede sein. Aufgabe der Post ist es lediglich, die Merkmale zu erforschen, die zur Ermittelung des Adressaten führen können; die Beweisaufnahme hat ergeben, daß die Post dieser Pflicht voll und ganz entsprochen hat; denn der Kläger hat sich nicht nur durch Annahme des Briefes zur Richtigkeit der Adresse bekannt, er ist sogar noch weiter gegangen, indem er dieses Bekenntnis durch Zahlung des Portozuschlags besonders bekräftigte. Er beging weiterhin die Torheit, diesen Prozeß einzuleiten, wodurch dem Absender der Name des Empfängers bekannt werden mußte. Herr Brägenweich hat also das Menschenmögliche geleistet, um dem Studiosus zum Gewinn seiner Wette zu verhelfen. Der Gerichtshof ist zu der Ansicht gelangt, daß hier ein nicht zu überbietender Gipfel der Dummheit vorliegt und daß der Studiosus Hellmaier den Wahrheitsbeweis erbracht hätte, wenn er ihn überhaupt zu führen gehabt hätte.

Dies ist aber nicht einmal der Fall. Als der beklagte Studiosus seinen Brief in die Welt hinaussandte, wußte er noch gar nicht, an wen er schrieb, er kannte den Kläger nicht, hatte von dessen Existenz nicht die leiseste Ahnung, konnte ihn mithin auch gar nicht beleidigen. Fühlt sich aber der Kläger subjektiv dennoch getroffen, so erklärt er damit öffentlich, daß seine Person mit dem dümmsten Kerl in ganz Deutschland identisch sei, daß der Absender mithin berechtigt war, jene Adresse für seine Mitteilung zu wählen.

Am nächsten Tage erhielt der Unglückliche die nachstehenden Zeilen von der Hand des übermütigen Bruder Studio:

„Sehr geehrter Herr Brägenweich!

Soeben ist mir vom Verlierer der fällige Wettbetrag ausbezahlt worden. Dem Wunsche meiner Freunde entsprechend habe ich mich entschlossen, die gewonnenen hundert Mark zur Veranstaltung einer solennen Kneiperei mit Ananasbowle anzuwenden. Es geziemt uns hierbei, mit sympathischer Empfindung des Mannes zu gedenken, ohne dessen intellektuelle Mitwirkung diese Bowle niemals zustande gekommen wäre. Sie sind deshalb freundlichst für morgen abend nach unserem Vereinslokal eingeladen und werden gebeten, das Ehrenpräsidium zu übernehmen.“

Der also Eingeladene warf den Brief in die Ecke. „Das ist doch ein unglaublicher Mensch,“ rief er aus, „erst macht er sich über mich lustig, dann will er mich — wieder zum Präsidenten haben, daraus kann der Teufel klug werden, — ich nicht!“

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