Aus der Freisinnigen Zeitung vom 20. Mai 1891

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Gegenüber den Judenverfolgungen auf Korfu bemüht sich die griechische Regierung auf das Ernstlichste, die Ruhe endlich wieder herzustellen, und nach Meldungen vom Montag scheint das Vorgehen des neuen Präfekten nach dieser Richtung auch thatsächlich wenigstens einen teilweisen Erfolg gehabt zu haben. Ein Teil der Juden sollen ihre Geschäfte unter militärischem Schutz bereits wieder aufgenommen haben. Eine völlige Beruhigung ist indessen noch nicht erzielt; denn trotz des verhängten Belagerungszustandes sind nach dem Triester „Zittadino“ am Dienstag neuerdings Ausschreitungen versucht worden. Ein jüdischer Bürger sei auf dem Wege zur Apotheke durch einen Messerstich getötet worden. Die Regierung hat 12 000 Frks. behufs Unterstützung der jüdischen Bewohner auf Korfu bewilligt.

Der „Times“ zufolge ist die eingetretene Wendung den ernsten Vorstellungen der deutschen, englischen, italienischen und österreichisch-ungarischen Regierung in Athen zu danken. Nach einer Zuschrift der „Polit. Korr.“ aus Athen besteht die diplomatische Aktion in Betreff der Judenexzesse in Korfu darin, daß die Vertreter der Mächte, bei aller Anerkennung des guten Willens der griechischen Behörden in Bezug auf die Unterdrückung der Unruhen, Angesichts der überaus ernsten Konsularberichte sich zur Einbringung freundschaftlicher Vorstellungen bei dem Athener Kabinete veranlaßt sahen. Um der königlichen Regierung keine Schwierigkeiten zu bereiten, wurde von dem ursprünglich beabsichtigten Kollektivvorgehen der fremden Vertreter Abstand genommen. Der österreichisch-ungarische, der deutsche und der englische Gesandte haben ihre Vorstellungen bereits vorgebracht, auch der türkische Gesandte und der französische Geschäftsträger sind von ihren Regierungen zu gleichem Vorgehen angewiesen worden. Der Vertreter Englands hat überdies wegen des auf Korfu vorgefallenen Versuches, das Haus eines englischen Unterthanen in Brand zu stecken, Protest eingelegt.

Wir haben bereits kürzlich gemeldet, daß die Unruhen auf Korfu zum großen Teil auf Hetzflugblätter österreichischer Antisemiten zurückzuführen sind. In Bestätigung dessen meldet der „Herold“ aus Athen, daß der Vorsteher der jüdischen Gemeinde dem Ministerpräsidenten Delyannis einige von den Hetzbildern vorlegte, die jetzt zu Tausenden in Griechenland cirkuliren. Dieselben stellen einen greisen Rabbiner dar, wie er in der Synagoge Christenmädchen abschlachtet, während die Umstehenden sich mit deren Blut bespritzen. Es ist bezeichnend, daß die. deutschen antisemitischen Blätter die aus Wien offiziös dementirte Nachricht, daß auf Korfu wirklich ein Ritualmord an einem Christenmädchen verübt sei, hartnäckig aufrecht erhalten, trotzdem ein Beweis dafür nach keiner Seite erbracht ist.

Der am Sonntag in Triest eingetroffene Lloyddampfer brachte aus Korfu neun jüdische Familien bestehend aus 50 Personen mit, welche ihr Hab und Gut im Stiche gelassen hatten, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Die Flüchtlinge wurden vorläufig im israelitischen Spital untergebracht. Ihre Erzählungen bestätigen alles bisher über die Lage der Juden in Korfu gemeldete. Im Beginn der Unruhen wurden sie bedrückt durch die aus etwa 850 Mann bestehende, größtenteils aus Eingeborenen zusammengesetzte Garnison, welche geneigt war, mit den Plünderern gemeinsame Sache zu machen. Erst am 13. Mai traf ein Kriegsschiff mit der geringen Verstärkung von 90 Mann Infanterie und 9 Mann Kavallerie ein. Mit größter Sehnsucht erwarten die Juden die Ankunft des italienischen Generalkonsuls Bario, der ein sehr humaner Mann ist, während der seine Stelle vertretende Vizekonsul als offener Antisemit bekannt ist, der den italienischen Unterthanen jüdischer Konfession jeden Schutz verweigert. Die meisten Juden sind geneigt, die Insel zu verlassen, doch teils fehlen ihnen die Mittel zur Reise, teils fürchten sie den Verlust ihrer Habe. Ein in Triest gebildetes Hilfskomitee erhält reichliche Unterstützungsgelder von Juden und Christen, auch von den dort ansässigen Griechen.

Während die Volkserregung in Korfu im Schwinden begriffen ist, scheint sie in Thessalien und Euböa neu aufbrechen zu wollen. So wird nach verschiedenen Meldungen in Larissa, Volow, Arta und Chalkis der Ausbruch großer Feindseligkeiten gegen die Juden befürchtet.

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