Generalstreik

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von Alexander Moszkowski, 1912

„Jetzt haben wir die Bourgeoisie, aber gründlich! An die Wand wird sie gedrückt, daß sie quietscht! Wir Proletarier aller Länder …“

— „Erlaube mal, Melchior, du bist doch gar kein Proletarier?“

„Das ist vollkommen egal. Ich empfinde proletarisch; in meinen Adern rieselt rrrevolutionäres Blut. Hast du eine Zigarre für mich?“

— „Und was für eine!“ (ich öffnete meine Kiste); „sieh mal hier diese Henry Clay, neueste Ernte; ein Götterkraut, das den rötesten Genossen mit der Weltordnung versöhnen kann. Hier ist Feuer. Aber nun laufe nicht wie ein Wahnsinniger im Zimmer umher, sondern setze dich ruhig dort in den Fauteuil und erkläre mir die Geschichte. Was ist eigentlich los? Ihr Sozialdemokraten habt euch wieder einmal gespalten; Alte, — Junge, — Revisionisten, — Radikale, also wie heißt’s diesmal?“

„Hand an die Gurgel! heißt’s diesmal. Wir haben die Partei der Anarcho-Sozialisten begründet. Erbebe, feiger Fronsklave! — Deine Zigarre ist übrigens  exzellent; — schon das bloße Wort „Anarcho“ jagt dir einen Grusel über den Leib! Was wir wollen? Ich werde dir zunächst sagen, was wir nicht wollen: warten wollen wir nicht mehr; mit Wahlmumpitz wollen wir nicht mehr die Zeit vertrödeln; parlamenteln wollen wir nicht mehr. Aber handeln wollen wir, zum großen Schlage ausholen und den Kapitalstaat tödlich treffen wollen wir!“

— „Mit Dynamit?“

„I bewahre. Das Dynamit ist längst überwunden; Dynamit gehört zum alten Eisen. Wir machen es mit dem Generalstreik. Mensch, setz nicht so ein blödes Gesicht auf, kannst du dir gar nicht vorstellen, was das ist? Also paß auf: der Generalstreik verhält sich zu einem gewöhnlichen Streik wie die Völkerwanderung zu einer Landpartie, wie der Brand von Rom zu einem Glühwürmchen, wie der gewaltige Vesuv zu dieser elenden Zigarre. Er bricht aus, an einem Tage, an allen Orten zugleich, in allen Gewerkschaften, und dann …“

— „Stehen alle Räder still; kennimus.“

„Das ganze bürgerliche Leben steht still. Dein Verstand wird auch still stehen. Du kannst nicht mehr essen, nicht mehr trinken, nicht mehr atmen, nicht mehr vegetieren, du kannst dich nur noch unterwerfen …“

— „Sagt Friedeberg, oder Kautsky.“

„Sagen wir Anarcho-Sozialisten. Schon frühmorgens spürst du, daß du am Nullpunkt des Daseins angelangt bist. Du willst Frühstück, — es gibt keins. Die Dienstmädchen streiken.“

— „Geh ich ins Kaffeehaus.“

„Verrückt! Die Kellner streiken. Du bekommst nicht.“

— „Dann koche ich mir meinen Kaffee selbst auf der Spiritusmaschine; möchte wissen, wer mich daran hindern will.“

„Robinson in Berliner Ausgabe! Geht aber nicht. Du hast das Gebäck vergessen: die Bäcker streiken.“

— „Ich werde mir für diesen Fall einen halben Zentner knusperige Kakes im Hause halten; die werden nicht altbacken.“

„Wohl bekomm’s! Aber die Morgenzeitung bleibt aus! Die Setzer streiken; stelle dir vor: eine Welt ohne Journale! Es kann da vorgehen, was da will, du erfährst es nicht. Das ist der geistige Tod.“

— „Nein, das ist das geistige Leben! Loskommen von den tausend Neuigkeiten, die mich nichts angehen! Übrigens, es geht ja gar nichts vor; wenn alles streikt, ist doch überall Feierabend.“

„Ich meine: im Ausland.“

— „Mit anderen Worten, ich werde ein paar Tage lang nicht erfahren, welche Bockstreiche, Greuel, Tölpeleien und Gemeinheiten im Kaukasus, in Skandinavien, in Ungarn, in Mazedonien vorfallen. Das macht pro Tag mindestens eine Stunde Nervenverstimmung weniger. Diese Zeit benutze ich zum Spazierengehen.“

„Und wenn du dich müde gelaufen hast, willst du fahren. Aber alle Kutscher und Kondukteure streiken, der öffentliche Verkehr stockt komplett …“

— „Und ich komme zum erstenmal über’n Potsdamer Platz, ohne meine Knochen zu riskieren, und schneller durch die Leipzigerstraße als sonst mit der Elektrischen, und brauche an keiner Haltestelle Geduldproben zu absolvieren.“

„Stelle dir nur vor, was es bedeutet, nicht verreisen zu können: alles Eisenbahnpersonal streikt.“

— „Wohl ihm und mir: wenn es in Berlin erst so schön wird, wie du schilderst, will ich gar nicht verreisen!“

„Du erwartest Briefe, sie bleiben aus.“

— „Brauche ich sie nicht zu beantworten.“

„Deine Verwandten im Ausland wollen dir Nachricht geben, das können sie nicht.“

— „Vorzüglich; die pumpen mich sonst doch nur an.“

„Abends willst du ein Schauspiel besuchen; unmöglich: die Beleuchtung versagt und die Theaterarbeiter streiken.“

— „Dann lese ich mir das Stück, dessen schlechte Aufführung unterbleibt, zu Hause im Polsterstuhl durch, spare fünf Mark Entree und zwei Mark Nebenkosten, drücke mich in keiner Garderobe herum, und genieße das Drama intellektuell in mustergültiger Darstellung.“

„Jawohl! mit hungrigem Magen! Der Generalstreik unterbindet die Fleischversorgung und die Gasleitung.“

— „Ich schwärme für Konserven; und mein Petroleum wird mir kein Anarcho-Sozialist konfiszieren.“

„Aber die Straßen werden des Nachts in ägyptischer Finsternis erstarren.“

— „Ich kenne einen Menschen, der sich schon immer gewünscht hat, mit dem Nachtzwang der Großstadt zu brechen, dem Qualm der Kneipen, der Bars und Kabaretts zu entfliehen und mit den Hühnern zu Bett zu gehen. Dem Mann kann geholfen werden. Und nun gehe hin und proklamiere den Generalstreik. Wenn ihr ihn durchsetzt, spendiere ich euch ein Austernfrühstück!“

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