Warum Attac wirklich nichts begriffen hat

Dieser Artikel wurde 3529 mal gelesen.

Das Logo von Attac stellt das Motto "Null durch Null" dar

Soeben sind die „europäischen Aktionstage“ von Blockupy mit vernachlässigbarer Beteiligung der Massen zuendegegangen. Selbstverständlich wird dies von den Organisatoren als großer Sieg zu verkaufen versucht. Man habe Flagge gezeigt. Wieso man zum Flaggezeigen einen solchen Aufriß machen mußte, bleibt ein Geheimnis. Denn dazu hätte auch ein einzelner Demonstrant genügt mit einer Flagge. Mission Accomplished.

Profitabel waren die „Aktionstage“ aber durchaus für Attac, den Hauptorganisator, erfüllten sie doch den Selbstzweck für die Organisation, irgendwie bei einem aktuellen Thema wieder einmal dabei zu sein. Zwar ist man seiner alten Kernforderung so nah wie nur je, der Einführung einer Transaktionssteuer; doch als Schatten des IWF plagt Attac sich dafür nun mit demselben Gebrechen wie das Vorbild herum: Mission Creep. So nimmt sich das Programm  mittlerweile wie ein Gemischtwarenladen des „Guten, Wahren und Schönen“ sozialistischer Weltverbesserung aus.

Dabei hatte Attac 1998 einmal sehr fokussiert angefangen. Es ging fast nur darum, die Wunder der Transaktionssteuer auf Devisengeschäfte (!) anzupreisen. Hierdurch seien die Währungskrisen der 90er Jahre vermeidbar gewesen, hinter denen angeblich die Spekulanten steckten. Und diesen düsteren Gestalten könne man so das Geschäft gehörig vermiesen. Wie man an dem Fokus auf Devisengeschäfte erkennt, hatte Attac zur Eurokrise originär nichts beizutragen. Devisengeschäfte spielen bei einer Einheitswährung keine Rolle, und das ist genau das Problem.

Wie war es nun zu den Krisen der 90er Jahre gekommen? Wenn wir uns einmal nicht auf eine Verschwörung internationaler Spekulanten einlassen, bei der eigentlich nur noch ein Treffen auf einem Prager Friedhof fehlt, gibt es einen einfachen Grund, den Attac bis heute nicht begriffen hat: feste Wechselkurse. All diese Krisen folgten aus dem Versuch von Staaten, ihre jeweiligen Währungen in ein fixes Umtauschverhältnis zu bringen, sei es wie in Südamerika oder Asien zum Dollar oder in Europa als Vorstufe zur Währungsunion im Rahmen des European Exchange Rate Mechanisms.

Solange diese Wechselkurse halbwegs nah an einem Marktpreis lagen, der sich ansonsten eingestellt hätte, war das unproblematisch. Die betreffenden Zentralbanken konnten den Markt ein wenig manipulieren, um einen ganz bestimmten Wechselkurs zu halten. Aber an dem Punkt, wo durch eine ungewöhnliche Entwicklung der Marktpreis deutlich anderswo gelegen hätte als der festgelegte Wechselkurs — so weit weg, daß Zweifel an der Zentralbank aufkamen, hier manipulierend gegensteuern zu können oder zu wollen — brach eine Lawine los. Und unter diesem Druck gingen dann die Zentralbanken in die Knie oder offenbarten ihren Bluff. Mit einer rapiden Abwertung wurden die betreffenden Wirtschaften ins Chaos gestürzt, weil alle Planungen über den Haufen geworfen wurden.

Was steckte hinter der Lawine, die losbrach? David DeRosa schildet in seinem immer noch lesenswerten Buch „In Defense of Free Capital Markets“ aus dem Jahre 2001, wie die Abläufe waren. Den klassischen Fall bildete hier die Peso-Krise 1994. Für eine lange Zeit war der mexikanische Peso an den amerikanischen Dollar gekoppelt gewesen, was auch leidlich funktioniert hatte. Allerdings gingen Investoren weiterhin von einem Restrisiko aus, daß dieser „Peg“ nicht halten würde. Zur Kompensation mußten mexikanische Schuldner eine Prämie anbieten. Diese machte es attraktiv für amerikanische Investoren, die in Fortschreibung der bisherigen Erfahrung auf ein Halten des „Pegs“ vertrauten, Gläubiger in Peso zu werden. Umgekehrt verschuldeten sich Mexikaner in Dollar wegen der geringeren Zinsen. Insgesamt bauten sich auf beiden Seiten riesige Positionen auf, die bei einer Bedrohung des „Pegs“ heikel werden würden.

Der mexikanische Präsident Carlos Salinas de Gortari von der Partei mit dem lächerlichsten Namen aller Zeiten — PRI oder zu deutsch: der Partei der institutionalisierten Revolution — beging das Jahr 1994 im Vorlauf zu den Wahlen mit einer Ausgabenorgie und einem ebenso großen Haushaltsdefizit. Die Zapatisten der EZLN unter dem Obergefreiten Marcos, die Helden von Attac, leisteten dem Präsidenten mit einem Bürgerkrieg Schützenhilfe bei der Verunsicherung.

Als der mexikanische Staat dann fast zwangsläufig Probleme bekam, seine Schulden zu rollen, krachte das System: Mexikaner versuchten verzweifelt in den Dollar zu kommen, in dem sie sich verschuldet hatten, Amerikaner ihre Peso-Anlagen loszuwerden. Die mit genauso geringen Devisenreserven wie Commitment ausgestattete mexikanische Zentralbank mußte sich nach ersten vergeblichen Versuchen geschlagen geben und den „Peg“ verlassen. Spekulanten konnten sich entgegen der Legende höchstens an diese Entwicklungen anhängen, weil sie dazu über viel zu kleine Summen verfügten. Als Schuldige wurden sie dennoch ausgemacht.

Attac hat diese Zusammenhänge bis heute nicht verstanden, könnte aber eine der Konsequenzen kennen: seit den Krisen der 90er Jahre sind feste Koppelungen von Währungen aus der Mode gekommen. Und so ging die Spekulation von Attac nicht auf, ein zukunftsträchtiges Thema gefunden zu haben. Dies ist auch die materielle Grundlage dafür, wieso Attac wie ein schlecht geführtes Konglomerat versucht, in neue Geschäftsfelder zu diversifizieren. Das eigentliche Businessmodell ist kaputt.

Es gibt allerdings ein Gegenbeispiel zur allgemeinen Tendenz gegen feste Wechselkurse, auch wenn Attac in seiner Blindheit dies nicht erkennen kann: den Euro. Hier sind die Wechselkurse sogar so weit festgelegt, daß es gar keine mehr geben darf. Die Konsequenzen sind aber durchaus ähnlich wie bei der Peso-Krise. Zuerst der Aufbau von massiven Ungleichgewichten und dann deren harte Korrektur: Investoren im Norden, die aus Schulden im Süden herauswollen, die sie im Vertrauen auf den ewigen „Peg“ gewährt haben, und eine Flucht aus dem Süden, vor einem Zerfall des Euros noch in den vergleichsweise sicheren Teil hineinzukommen. Nicht die Solidität des deutschen Staates, der bestenfalls der Einäugige unter den Blinden ist, hat deshalb dazu geführt, daß die Bundesrepublik Deutschland sich mittlerweile für absurde 1,5% und weniger auf zehn Jahre verschulden kann.

Hätte Attac diese Zusammenhänge begriffen, dann müßte man natürlich wie schon von Anbeginn das gesamte Programm einstampfen. Nicht ein Kampf gegen Spekulanten, sondern für hinreichend flexible Wechselkurse mit einem freien Devisenhandel wäre angezeigt. Aber egal, das kapiert Attac sowieso nicht, auch wenn ein schöner Profit herausspringen würde: man könnte wieder über Währungsspekulanten jammern!

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Europa, Globalisierung, Lateinamerika, Staatsverschuldung, Wirtschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Warum Attac wirklich nichts begriffen hat

  1. Pingback: Top-Artikel des Monats: April & Mai 2012 | Freisinnige Zeitung

Schreibe einen Kommentar