Michael Huemer: The Irrationality of Politics

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Im untenstehenden Clip findet sich eine sehr interessante und amüsante Präsentation des Philosophen Michael Huemer über rationale Ignoranz und rationale Irrationalität.

Michael Huemer bringt zwei Beispiele, die er für prima facie irrational hält. Beim zweiten Beispiel, Protektionismus, stimmen wir ihm zu. Das Argument der komparativen Vorteile — übrigens nicht, wie allgemein angenommen, erstmals von David Ricardo, sondern von Robert Torrens formuliert — ist wirklich ein ungemein starkes Argument. Es gibt nur ein stichhaltiges ökonomisches Gegenargument, ironischerweise auch von Robert Torrens, das uns einleuchtet, aber das auch nur in einem reichlich theoretischen Fall gelten würde und sich wegen seiner Konsequenzen, Vorteil eines Landes bei weltweitem Wohlstandsverlust, aus anderen Gründen zurückweisen ließe.

Wir können Michael Huemer auch zustimmen, daß das erste Beispiel, der War on Terror, prima facie irrational erscheint, denken jedoch, daß seine Rechnung das nicht so schlagend beweist, wie er meint. Er stellt beispielsweise die Anzahl der Getöteten durch Terror in den USA den Getöteten durch den War on Terror weltweit, bzw. allen Getöteten in den USA gegenüber. Hier können wir uns folgende Einwände vorstellen:

  1. Man sollte Getötete durch Terror weltweit den Getöteten durch den War on Terror weltweit gegenüberstellen oder jeweils beides für die USA, aber nicht überkreuz. Damit würde man einen Vergleich aufmachen, wie bedroht man sich von dem einen oder dem anderen fühlen sollte als Mensch oder als Amerikaner. Selbst dann wäre noch zu fragen, ob diese Bedrohung wirklich so gleichartig ist. Das Risiko, Opfer von Terroristen zu werden, ist für gewisse Gruppen höher als für andere, entsprechend für das Risiko, Opfer des War on Terror zu werden. Aber das Verhältnis ist nicht für alle dasselbe. Ein amerikanischer Politiker oder Medienvertreter sieht sich eher dem ersten Risiko gegenüber, dem zweiten fast gar nicht, was die besondere Popularität des War on Terror in diesen Gruppen erklären mag. Jemand, der in einem Schulungscamp der Al Qaeda ist, würde das wohl umgekehrt sehen. Mit ihm müßte man auch wenig Mitgefühl haben, weil er sich wissentlich und willentlich das Risiko gesucht hat und je nachdem aufgrund seiner Handlungen nicht den Status eines unschuldigen (!) Opfers reklamieren kann.
  2. Es könnte auch sein, daß nach 2001 die Anzahl der Getöteten durch Terror in den USA so niedrig war, weil es den War on Terror gegeben hat, und daß sie andernfalls höher gelegen hätte. Hier müßte ein Anhänger des War on Terror allerdings eine recht dramatische Alternativhistorie entwerfen.
  3. Ein Baustein zu einer solchen Alternativhistorie könnte sein, daß totalitäre Bewegungen wie die Bin Ladens von einem großen Schwung leben, der das rationale Denken ihrer Anhänger und Sympathisanten wegschwemmt. Unterbindet man diesen Schwung nicht frühzeitig, kann auch eine kleine Gruppe zu einer großen Bewegung und einer entsprechend großen Bedrohung anwachsen. Es wäre nicht stichhaltig vorzurechnen, wie wenige Tote die Nationalsozialisten bis zum Marsch auf die Feldherrnhalle 1923 oder sogar bis 1933 oder 1939 zu verantworten hatten, um daraus herzuleiten, daß die Bedrohung durch sie vernachlässigbar war. Das wäre natürlich erst einmal am vorliegenden Beispiel auszuführen, z. B. wie wahrscheinlich es gewesen wäre, daß Al Qaeda sich an der Spitze des Unmuts im arabischen Frühling hätte stellen können, während sie so zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren und die Ereignisse von der Seitenlinie beobachten mußten.
  4. Eines der Ziele von Bin Laden war es, einen Staat oder mehrere in die Hand zu bekommen. Der War on Terror hat ihm seine Anfangserfolge in der Richtung, beispielsweise in Afghanistan, zunichte gemacht. Auch eine relativ kleine Gruppe kann mit einem Staat sehr viel Unheil anrichten. Die Bolschwiken waren bis 1917 eine Bande von ein paar hundert Leuten, die entsprechend wenig angerichtet hatten. Mit dem russischen Staat konnten sie Millionen ermorden. Man denke sich etwa aus, Bin Laden hätte nicht Afghanistan, sondern Pakistan mit Atomwaffen in die Hand bekommen. Auch hier müßte natürlich mehr erbracht werden, als nur die Möglichkeit aufzuzeigen, die immer besteht. Vielmehr wäre eine nicht vernachlässigbare Wahrscheinlichkeit plausibel zu machen.
  5. Die Einschätzung kann vom Zeitpunkt abhängen. 2002 war es vielleicht angängig, von einem Strukturbruch auszugehen mit einem stark gestiegenen Niveau von Terroranschlägen (die letzten fünfzig Jahre zu betrachten, wäre in dem Fall irrelevant). 2012 erscheint Al Qaeda, besonders nach dem Tod Bin Ladens eher als ein Papiertiger. Man könnte den War on Terror für erfolgreich halten und heute für eine Rückführung wegen der geringeren Bedrohung plädieren, ohne ihn in der Vergangenheit für irrational halten zu müsen.

Das schmälert aber selbst dann die Präsentation nicht, wenn unsere Anmerkungen alle stichhaltig wären. Da Michael Huemer irrationale Ansichten im politischen Bereich diskutieren will, hat er in dem Fall bloß seine eigenen blinden Flecken gezeigt. Nur gut, daß wir keine haben!

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