Billige Arbeit und billiges Korn

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Reichsfreund, 14. März 1889

Bismarck und Puttkamer, — Russen, Polen und Chinesen.

Der agrarische Notstand des Arbeitermangels, den wir in den letzten beiden Nummern des Reichsfreundes eingehend erörterten, ist am schlimmsten in Westpreußen, in derjenigen Provinz, die seit einer Reihe von Jahren durch die Zahl der überseeischen Auswanderer alle anderen Provinzen, sogar Posen und Pommern übertraf. In Westpreußen haben in den letzten Wochen mancherlei Beratungen über die Beseitigung dieses Notstandes stattgefunden.

Abenteuerliche Vorschläge tauchten auf. Die alten feudalen Mittel, die Fesselung an die Scholle des Gutsherrn und der Dienstzwang der Bauernkinder, sind nicht zurückzugewinnen. Aber die Möglichkeit, die Personentarife auf den Eisenbahnen zu erhöhen, damit die Arbeiter nicht genug Geld haben, nach dem Westen zur Arbeit zu fahren, schien den Großgrundbesitzern und Domänenpächtern nicht ausgeschlossen.

Früher wurden die nach Westen abziehenden einheimischen Arbeiter einigermaßen ersetzt durch die vom Osten anziehenden russisch-polnischen Arbeiter. Aber diese sind ausgewiesen und dürfen nicht mehr ins Land. Mit der Bitte, die ausgewiesenen Russen und Polen wieder ins Land zu locken, getraute man sich anfänglich kaum, dem allmächtigen Reichskanzler und Ministerpräsidenten [Bismarck] zu nahen. Weit eher hielt man für möglich, ihn zur Herbeischaffung von Chinesen zu bestimmen. Ein Domänenpächter im Krise Pr. Stargard wandte sich dieserhalb an die königliche Regierung zu Marienwerder, und dem Herrn Regierungspräsidenten war der Gedanke so einleuchtend, daß er von dem Hauptvorsteher des Centralvereins westpreußischer Landwirte, dem bekannten Reichstags- und Landtagsabgeordneten und Exminister-Bruder Rittergutsbesitzer Bernhard von Puttkamer auf Plauth, ein Gutachten des Centralvereins über die Einfuhr chinesischer Arbeiter nach Westpreußen einforderte. Klingt dies nicht wirklich abenteuerlich? Kaum ein Vierteljahr ist es her, seit die Thronrede des deutschen Kaisers und preußischen Königs das Deutsche Reich feierlich als an der Aufgabe, den schwarzen Weltteil Afrika für christliche Gesittung zu gewinnen, für beteiligt erklärt hat – und jetzt erfordert eine preußische Regierung Gutachten über den Plan, die durch Unsittlichkeit und Laster aller Art in allen Weltteilen berüchtigten chinesischen Arbeiter aus Asien nach Preußen einzuführen?

Trotzdem die Chinesen die billigsten Arbeiter der Welt sind, scheinen die Agrarier des Centralvereins doch den Plan nicht für ernst genommen zu haben. Aussichtsvoller erschien dem Verwaltungsrate doch noch ein Antrag des landwirtschaftlichen Vereins zu Christburg, „die Staatsregierung zu ersuchen, sie möge veranlassen, daß der Zuzug von Arbeitern aus dem russischen Nachbarlande während der Zeit vom 1. April bis Martini nach denjenigen Kreisen möglichst erleichtert werde, in welchen in Folge der Auswanderung nach dem Westen ein erheblicher Rückgang der Bevölkerungsziffer und in Folge dessen ein fühlbarer Mangel an Arbeitskräften zu bemerken ist.“

Dieser Antrag wurde von vielen Seiten lebhaft befürwortet, und schließlich einstimmig angenommen. Wir wünschen ihm allen Erfolg, zweifeln aber, daß der Herr Reichskanzler, der von vorgefaßten Meinungen sich in der Regel schwer abbringen läßt, darauf eingehen wird, diejenigen Leute auf einige Monate schaarenweise wieder ins Land zu locken, die vor wenigen Jahren rücksichtslos und nicht ohne Härte mit Gewalt schaarenweise aus dem Lande ausgetrieben sind.

Der Herr v. Puttkamer-Plauth, der selbst für den Christburger Antrag lebhaft eintrat, gab bei dieser Gelegenheit eine Enthüllung zum Besten, welche darthut, daß sein Bruder, der verflossene Minister des Innern von Puttkamer, in dieser Frage in seinen Ueberzeugungen auf Seite — der vielgeschmähten Deutschfreisinnigen stand. Der Ministerbruder sagte, wie der Graudenzer „Gesellige“ berichtet:

„Man hat dem Minister v. Puttkamer die Schuld an dem Arbeitermangel in Folge der Ausweisungen in die Schuhe geschoben; doch ist er es gerade gewesen, der den Reichskanzler auf die aus den Ausweisungen für die Landwirtschaft erwachsenden Schäden aufmerksam gemacht hat; der Reichskanzler aber erwiderte: „in vier Wochen müssen 40 000, d. h. Polen hinaus.“

Als die große Reinigung Preußens von Ausländern zuerst in Westpreußen begann, erklärte Minister von Puttkamer im Abgeordnetenhause, das deutsche Volkstum solle vor Ueberflutung gegen das Polentum geschützt werden. Schon im Sommer 1885 machten wir darauf aufmerksam, daß mancher hochkonservative für des Kanzlers Wirtschaftspolitik schwärmende Grundherr in Westpreußen plötzlich in schwere Verlegenheit gesetzt werde, weil man ihm seine Tagelöhner ausgewiesen habe und Ersatzmänner schwer und nur zu erhöhten Löhnen zu beschaffen sind. *

Aber daß Minister v. Puttkamer — natürlich nur wegen der agrarischen Not — seinem Kollegen ernste Vorstellungen gemacht hat, — freilich um ihm nachher wider besseres Wissen wie immer zu gehorchen, konnten wir nicht ahnen. **) Die freisinnige Partei hat von Anfang an rücksichtslos und beharrlich die Ausweisung und die daran anschließenden Maßnahmen des Reichskanzlers bekämpft und sich nicht darum gekümmert, auch dieserhalb als Reichsfeinde behandelt zu werden.

Das Verfahren der preußischen Regierung war ein Bruch mit den glorreichen Ueberlieferungen der Hohenzollern und enthielt eine schwere Schädigung der wirtschaftlichen und nationalen Entwickelung der davon betroffenen Grenzprovinzen.

Für die Vertreibung von 30 000 bis 40 000 österreichischer und russischer Unterthanen, von denen nicht blos ein paar tausend Juden, sondern auch polnisch oder blos deutsch sprechende Katholiken, Protestanten und sonstige Christen lange Jahre redlich und friedlich bei uns gelebt hatten und kein einziger im Verdacht deutschfeindlicher Bestrebungen stand, wußten bei Beratung des von der deutschfreisinnigen Partei eingebrachten Antrages Ausfeld und Genossen in den Beratungen des Reichstags im Januar 1886 die konservativen Redner nichts stichhaltiges anzuführen. „Die nationalliberalen Wortführer aber, Professor Marquardsen und Dr. Bötticher, machten, ohne auch nur den geringsten Beweis dafür zu erbringen, mit hohlem Wortschwall geltend, es handle sich um eine nationale Sache, es stünden nationale Interessen auf dem Spiel — es könne für unsere nationale Weltstellung Folgen haben, wenn sich der Reichstag in einer nationalpolitischen Frage in Gegensatz zu Fürst Bismarck setze! Mit so billigen Redensarten des Knechtsinns giebt diese heruntergekommene Gesellschaft sich und ihre Ueberzeugung preis!“ (Reichsfr. 1886 S. 25.)

Der damalige Reichstag hatte noch keine Kartellmehrheit. Schließlich wurde nach Ablehnung des Antrages der deutschfreisinnigen Partei der nur etwas abschwächende Antrag des Centrums mit allen Stimmen gegen die der Konservativen und Nationalliberalen angenommen. Danach sprach der Reichstag die Ueberzeugung aus, daß die von der preußischen Regierung verfügten Ausweisungen russischer und österreichischer Unterthanen nach ihrem Umfange und nach ihrer Art nicht gerechtfertigt erschienen und mit dem Interesse der Reichsangehörigen nicht vereinbar seien.

Der Beschluß hat nichts geholfen. Der Reichskanzler suchte die Beglückung der Menschheit und die Germanisirung des Ostens auf seine Manier durch die Polengesetze zu erreichen, und tröstet sich, wenn Erfolge bis heute nicht zu erkennen sind, mit der Anerkennung künftiger Jahrhunderte!

Diesen Trost wollen wir ihm gönnen. Vor der Hand aber haben seine getreuesten Anhänger, seine Freunde und Vettern, den Schaden von seiner Politik zu tragen. Vetter Bernhard Puttkamer klagt, das Aufhören des Arbeitermangels sei noch gar nicht abzusehen, die großen Bauten von Deichen, Kanälen, Eisenbahnen, Chausseen lockten die Gutsarbeiter fort; im vergangenen Herbst hätten Tausende von Centnern Rüben und Kartoffeln in der Erde bleiben müssen, weil auch für teures Geld keine Arbeiter zu bekommen waren. Dazu die massenhafte Auswanderung nach Amerika, der mit keinen Mitteln zu steuern sei. Sind doch von dem Gute des Herrn von Puttkamer „im Laufe der Jahre hundert Familien, und gerade die besten, ausgewandert, obgleich sie sehr gut gestellt waren und ihnen sogar allerhand Wohlfahrtseinrichtungen gewährt wurden.“

Nun freilich, auch die bestgestellten Landarbeiter der Großgrundbesitzer ziehen die Aussicht, im freien Amerika selbst Grundbesitzer, wohl gar Großgrundbesitzer zu werden, dem Gutstagelöhnerleben in den von den Puttkamers und ihrer Vetternschaft regierten Provinzen des preußischen Ostens vor. Helfen kann nur eine Umkehr unserer ganzen Politik. Die Grenzen sind zu öffnen, damit billige Arbeit und billiges Korn vom Osten ins Land kommt, die Lebensmittelzölle sind aufzuheben, freiheitliche Gesetze zu geben, die Junkervorrechte zu beseitigen. Dann wird es wieder schöner im deutschen Vaterlande!

*) Nr. 36 1885 S. 285

**) Wir verweisen namentlich auf die Verhandlungen des Reichstags vom 15. und 16. Januar 1886. (Reichsfreund 1886, Nr. 4 Seite 26.)

Hintergrund

Der Artikel ist der von Eugen Richter mitherausgegebenen Wochenzeitung „Der Reichsfreund“ entnommen. Der Titel des Blattes spielt ironisch auf den Dauervorwurf an, die Deutschfreisinnigen seien „Reichsfeinde“. Dieser ungezeichnete Beitrag könnte möglicherweise von Eugen Richter selbst stammen, denn um dieselbe Zeit erscheinen auch ähnliche Leitartikel in der „Freisinnigen Zeitung“, und diese werden meist von ihm verfaßt.

Es geht um die Polenausweisungen und deren Folgen, die ab 1885 stattgefunden haben. Anfang 1886 gelingt es einer Mehrheit aus Deutschfreisinnigen, süddeutschen Demokraten, Zentrum, Polen und Sozialdemokraten eine Resolution gegen die Abschiebungen im Reichstag zu verabschieden, die aber wirkungslos bleibt, weil Bismarck an seiner Politik festhalten möchte. Die betreffenden Parteien werden dafür als „Reichsfeinde“ von offiziöser Seite angegriffen. Erst nach Bismarcks Abgang kommt es zu einer gewissen Lockerung mit temporären Aufenthaltsgenehmigungen, wie sie von den Junkern gefordert wird.

Bismarcks Innenminister in Preußen, Robert Viktor von Puttkamer, kommt in dem Artikel zu gut weg. Er mag die Abschiebung der polnischen Landarbeiter als ungünstig angesehen haben, dafür versucht er der Aktion eine antisemitische Stoßrichtung zu geben und möchte sich auf die jüdischen Ausländer konzentrieren, was wieder Bismarck zu dem Zeitpunkt nicht in den Kram paßt. Vermutlich möchte der Kanzler mit den Ausweisungen nämlich einen Keil zwischen Polen und Zentrum im Reichstag treiben, indem er letztere auf einen „nationalen“ Kurs verpflichtet und so als möglichen Koalitionspartner gefügig macht. Gleichzeitig wird von Bismarck eine Beilegung des „Kulturkampfs“ mit der katholischen Kirche betrieben, was dazu passen würde.

Die Chinesen kommen hier wie in den Artikeln der „Freisinnigen Zeitung“ sehr schlecht weg, wohl aber mehr um die Widersinnigkeit zu betonen, chinesische Arbeiter importieren zu wollen, während man gerade anständige Einwanderer aus Rußland und Österreich-Ungarn abgeschoben hat. Man läßt sich dabei wohl ohne eigene Anschauung von der antichinesischen Propaganda in den USA anstecken, die 1882 zum Chinese Exclusion Act geführt hat. Es versteht sich von selbst, daß wir eine solche Einschätzung der Chinesen nicht teilen.

Siehe auch:

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