Weltgeschichte

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Stets bei einer Zeitenwende
Nach der Länderkarte greift man,
Was sich da geändert fände
Mit den Blicken überschweift man;
Und da sieht man: die Rumänen
Sind von rechts nach links schraffiert,
Während wieder die Hellenen
Meist von links nach rechts liniiert;
Aber in Bulgarien, merke,
Da verläuft’s horizontal.
Während wiederum der Terke
Liniiert ist vertikal,
Solche Karte, auf der Platte
Zinkgeätzt und stahlgestichelt,
Wird, wie man es nötig hätte,
So gestrichelt, – so gestrichelt.
Wenn wir dann noch weiter leben,
Kommt ein neues Blatt heraus,
Da radiert und kratzt man eben
Wieder ein paar Strichel aus;
Banden wüten, Schlachten toben,
Völkerbrand und Massakrierung,
Das ergibt dann, unten, oben,
Eine andere Schraffierung.
Schändung, Greuel und Gezeter,
Pulver, Schwert und Dynamit,
Das bedeutet, daß man später —
Ein paar neue Strichel sieht.
Und den Völkern knackt die Schwarte,
Und Europa macht Spektakel,
Resultat: auf dieser Karte,
Ein paar neue Krikelkrakel.
Immer neue Varianten
Gibt’s beim Sengen und beim Morden,
Und die älteren Atlanten
Sind dann immer falsch geworden;
Unablässig wird die vorige
Karte wieder umgewühlt,
Ein Beweis, daß die Historie
Stets mit falschen Karten spielt.

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