Der Abgeordnete Richter hat das Wort: Gegen die „Hunnenrede“ von Kaiser Wilhelm II.

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Am 27. Juli 1900 hielt Kaiser Wilhelm II. seine berüchtigte „Hunnenrede“ in Bremerhaven, als er die Truppen verabschiedete, die nach China eingeschifft wurden. Dort sollten sie zusammen mit den Truppen anderer Mächte (Rußland, Frankreich, Großbritannien, den USA) den Boxeraufstand niederschlagen.

Die Rede des Kaisers war nicht mit seinen Ministern abgesprochen. Zu deren Entsetzen schwang sich der Monarch unter anderem zu dem Ausspruch auf: „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht.“ Die deutschen Truppen sollten sich wie die Hunnen aufführen, und ein Chinese dürfe auf tausend Jahre nicht mehr wagen, einen Deutschen scheel von der Seite anzusehen.

Von offizieller Seite wurde versucht, den Wortlaut der Rede zu entschärfen, was aber nicht gelang. Als von der Front Briefe von Soldaten einliefen und in Blättern unterschiedlichster Richtung veröffentlicht wurden, in denen von Greueln berichtet wurde, die ganz im Sinne der Devise des Kaisers stattgefunden hatten, kam es zu einer großen Debatte im Reichstag. Eugen Richter hielt dabei am 20. November 1900 eine der großen Reden.

Wir bringen Auszüge aus der Rede. Zunächst geißelte Richter, wie Deutschland sich darum gedrängt hatte, den Oberbefehl der Mission zu übernehmen:

Darin stimme ich mit allen Rednern überein, die darüber gesprochen, daß die Uebernahme dieses Oberbefehls ein schwerer politischer Fehler gewesen ist, […] Wir haben diesen Oberbefehl den anderen Staaten aufgedrungen! Es ist nicht richtig, wie gesagt worden ist, daß uns Rußland darum ersucht hat. Nein, der Herr Reichskanzler hat gestern sein Wort sehr vorsichtig gewählt, um nicht mit den amtlichen russischen Erklärungen in Widerspruch zu gerathen. (Heiterkeit links.) […] Meine Herren, Deutschland ist nicht berufen, in Ostasien eine führende Stellung einzunehmen, nicht nach seiner geographischen Lage, nicht nach seiner Stellung in Asien, nicht nach der Bedeutung seines Handels.

Hintergrund der Übernahme des Oberfehls sei in Wirklichkeit die deutsche Eitelkeit, insbesondere die des Günstlings von Wilhelm II., Generalfeldmarschall Waldersee, gewesen:

Der Eindruck der Uebernahme des Oberbefehls wurde dann gesteigert durch die Art und Weise der Inszenirung, der Abreise des Grafen Waldersee, durch den Tamtam oder, wie der Herr Kollege v. Levetzow es gesagt hat, durch den Trara. Das eine ist ebenso richtig wie das andere. (Heiterkeit und Sehr gut! links.) Man hat den Herrn Generalfeldmarschall Waldersee für persönlich daran unbetheiligt gehalten. Ich will das nicht näher untersuchen; es ist aber eigenthümlich, daß aus seiner unmittelbaren Umgebung — es soll sogar ein Reklamebüreau durch seinen Neffen dort errichtet worden sein — die Telegramme an das Wolffsche Büreau gelangten, das Büreau, das unter der Leitung des Auswärtigen Amtes steht, in denen die Rede war von einem Triumphzuge, davon, daß Ovationen, die seit 1870/71 nicht dagewesen seien, ihm dargebracht wären. Da hat man im Volke gesagt: wenn das jetzt schon so anfängt, was soll dann erst geschehen, wenn er wirklich mit Lorbeeren, nicht bloß mit Vorschußlorbeeren zurückkommt. In England hat man diese Inszenirung als Bühnenleistung ersten Ranges bezeichnet (sehr gut! links), und selbst die “Kreuzzeitung“ ist angesichts dieser Vorkommnisse der Meinung gewesen, daß dadurch die militärische Aktion eine gewisse bedenkliche Dramatik erhielt.

Eugen Richter blieb dabei aber nicht stehen, sondern schlug einen weiteren Bogen:

Aber, meine Herren, diese Erscheinung ist doch nicht individuell in diesem Falle. Die ganze Politik wird schon seit längerer Zeit theatralisch, dekorativ inszenirt, mehr als man es früher gewohnt war. Posen, Festlichkeiten, Bespiegelungen in dem, was gewesen ist, sind auf der Tagesordnung.

Ausgangspunkt für die Theatralik sei der Kaiser selbst:

Meine Herren, dieser Ueberschwang, den wir hierbei bemerkt haben, ist ja auch sonst hervorgetreten in Frühstücksreden und in anderen Reden mannigfacher Art. Der Herr Kriegsminister hat gestern sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß hier Reden des Kaisers zur Diskussion gelangen. Nun, meine Herren, es ist mir lieb, daß diese Frage von der Seite generell zur Sprache gebracht worden ist. Auch ich theile das Bedauern, aber nicht nur das Bedauern darüber, sondern auch das Bedauern über die Ursache, die diese Erscheinung für uns zur Nothwendigkeit gemacht hat. (Sehr gut! links.)

Die Rede sei Ausdruck eines Regierungssystems, das den Reichstag zu übergehen suche:

Woher kommt das? Der gegenwärtige Monarch erläßt, mehr als es frühere Monarchen gethan haben, öffentliche Kundgebungen, öffentliche Kundgebungen programmatischer Art, die Direktiven für die Verwaltung, Einleitungen zu Maßnahmen der Gesetzgebung darstellen; er sucht durch diese Reden Stimmung zu gewinnen im Volke für das, was er beabsichtigt. Nun, wir sind hier die Volksvertreter — sollen wir dazu schweigen, Vogelstraußpolitik treiben, thun, als wenn diese Reden, die für das Volk und an das Volk gehalten werden, die die größte Oeffentlichkeit finden, in authentischer Form im „Reichs-Anzeiger“ erscheinen, nicht auf der Welt wären? Damit würden wir selbst uns eine capitis diminutio zu Schulden kommen lassen, und niemand im Volke, unsere Wähler würden das nicht verstehen. (Sehr richtig! links.)

Die Minister seien dafür verantwortlich, den Kaiser im Zaum zu halten:

Und in der That, wir haben ja auch gestern gesehen, daß der Herr Kriegsminister die sogenannte Hunnenrede zu verantworten übernommen hat, so schwer ihm auch die Aufgabe gefallen ist. (Heiterkeit.) Aber in welche Lage kommen solche Minister damit? Ich hätte wohl neben dem Herrn Staatssekretär Grafen Bülow stehen mögen, als die Rede in Bremerhaven gehalten wurde, in der die Hunnen vorkamen und das Nicht-Pardon-geben; welche Mienen, welche Gesichtsfarbe man dort bei ihm wohl bemerkt haben wird. Der Herr Minister hat ganz deutlich gefühlt, daß er diese Rede eigentlich nicht verantworten kann. (Sehr gut!)

Stattdessen sei versucht worden, die Rede unter den Teppich zu kehren:

Was hat nun der Herr Minister vorgenommen? Er hat sie zu vertuschen gesucht; er hat zuerst den Abschnitt über die Hunnen der Oeffentlichkeit vorzuenthalten gesucht. Es ist nicht möglich gewesen; denn die Redakteure der Bremerhavener Blätter sind fixer gewesen als er. (Heiterkeit.) Der Hunnenabschnitt ist doch in die Oeffentlichkeit gekommen. Der erste Abschnitt, daß kein Pardon gegeben werden sollte, ist durch das Wolff’sche Telegraphenbüreau alsbald verbreitet worden. Dann aber hat man erkannt, daß das auch eigentlich nicht zu verantworten wäre, und so ist noch in der Nacht eine zweite Ausgabe durch das Wolff’sche Büreau an die Zeitungen gegangen, indem man versucht hat, auch den ersten Abschnitt, daß kein Pardon gegeben werde, zu unterdrücken. (Hört! hört! links.)

Der Tonfall der Rede reize zu Brutalitäten an, und es sei falsch, die Auseinandersetzung mit der Religion zu verquicken:

Was nun die Ankündigung, dieser Feldzug müsse ein Feldzug der Rache sein, betrifft, so ist meines Erachtens das Nöthige darüber gestern gesagt worden, daß diese Aeußerung christlicher Anschauung nicht entspricht. (Sehr richtig! links.) Es ist aber bei dieser Gelegenheit bemerkt worden vom Herrn Abgeordneten Dr. Lieber, diese Aeußerung mißfalle ihm um so mehr, als andererseits in dieser Rede das religiöse Moment des Feldzugs so richtig und so warm betont werde. In dieser Beziehung bin ich nicht derselben Ansicht wie der Herr Kollege Lieber; ich meine, daß die Betonung des religiösen Moments zunächst ein politischer Fehler ist. […] Ueberhaupt meine ich: man soll Politik und Religion nicht miteinander verquicken. (Sehr richtig! links.) Geschieht dies, so wird nicht bloß die Politik, sondern auch die Religion verdorben. (Sehr gut! links.)

Und dann ging Eugen Richter den Kaiser frontal an:

Nun komme ich zur Aeußerung: „Pardon wird nicht gegeben! benehmt Euch so, daß auf tausend Jahre die Chinesen es nicht wagen, einen Deutschen auch nur von der Seite scheel anzusehen.“ Ja, wenn das Letztere wörtlich zu nehmen ist, so müßte jeder Handel mit China künftig aufhören; denn ein Chinese, der es nicht wagt, die Deutschen von der Seite auch nur scheel anzusehen, kann doch auch nicht grade große Lust haben, ein Handelsgeschäft mit ihnen anzuknüpfen.

Der Ausspruch des Kaisers sei der Grund für das brutale Vorgehen der deutschen Truppen, wie es in den Briefen der deutschen Soldaten berichtet wurde:

Es ist aber mit Recht bemerkt worden, die Soldatenbriefe und alle die Vorgänge würden nicht die Aufmerksamkeit erregen, wenn man nicht dazu veranlaßt worden wäre, zu untersuchen, wie weit jene Vorgänge eine Folge jener Parole sind. (Sehr richtig! links.) Der Herr Kriegsminister wäre nun in der Lage gewesen, mit einem Schlage zu widerlegen, daß eine solche Parole „Pardon wird nicht gegeben“ nicht besteht, wenn er uns chinesische Kriegsgefangene nachweisen könnte. (Sehr richtig! links. Heiterkeit.) Unzweifelhaft sind doch viele Chinesen gefangen worden; denn bei der geringen Widerstandskraft der chinesischen Truppen ist das anzunehmen; man hat aber bisher nichts gehört, daß chinesische Gefangene irgend wohin in Gewahrsam gebracht worden sind.

Es sei unrichtig, den Inhalt der Briefe als Prahlerei abzutun, es handele sich um die Schilderung von Kriegsverbrechen:

Es ist gesagt worden: Renommisterei! Herr v. Levetzow sagt: ich habe auch einen Krieg erlebt, und da mögen die Soldaten ähnlich geprahlt haben. Das kommt vor. Aber in früheren Kriegen ist es, glaube ich, nicht vorgekommen, daß der oberste Kriegsherr vorher gesagt hat: Pardon wird nicht gegeben. (Sehr richtig! links.) Das ist der Grund, warum wir den Dingen jetzt viel mehr nachgehen müssen als früher. […] Es handelt sich nicht um den Exzeß eines einzelnen Soldaten, es handelt sich um die Befehle der Oberen, die wehrlosen Chinesen zu 60, 70, 100, 150 Mann einige Stunden nach beendigtem Gefecht an die Mauer zu stellen und niederschießen oder mit dem Bajonnett erstechen zu lassen. (Hört! hört! links.) Das ist ein übereinstimmender Thatbestand, der von den verschiedensten Orten in diesen Soldatenbriefen gemeldet wird. Meine Herren, es ist nicht der miles gloriosus, der so schreibt. Wenn man diese Briefe ansieht, findet man umgekehrt, daß die Leute damit gar nicht prahlen (sehr richtig!) sondern Abscheu, Ekel, zum mindesten Mitleid darüber zum Ausdruck bringen (sehr gut! links), daß sie zu solchen Exekutionen kommandirt werden, und je eher je lieber wünschen, wie es in einem Briefe heißt, „daß dieses Schlachten ein Ende haben möchte“. Es handelt sich also gar nicht darum, hier eine Sentimentalität zum Ausdruck zu bringen, ein besonderes Zartgefühl; nein, es handelt sich um die einfache Frage, solche Massenexekutionen gegen Wehrlose zu vermeiden.

Die Erklärungen der Regierung machten es nicht besser:

Nun hat der Herr Kriegsminister der Sache einen welthistorischen Hintergrund gegeben (Heiterkeit links), der eigentlich alle Vorwürfe erst recht bestätigt, die hier gemacht worden sind. Er hat dieses Niederschießen nicht zurückgeführt auf einzelne Paragraphen des Militärstrafgesetzbuches, sondern er hat gesagt: „Das ist die Vergeltung der Weltgeschichte! (Heiterkeit.) Die Mongolen haben vor 1 ½-Tausend Jahren so gegen uns gehaust, — jetzt kommen wir und vergelten das in Ostasien“. (Heiterkeit.) Er hat gesagt: „Gottes Mühlen mahlen langsam aber sicher“. — Die Gottheit wenigstens hätte ich bei dieser Gelegenheit aus dem Spiel gelassen. (Heiterkeit. Sehr gut! links.) Attila freilich, dem die Truppen nacheifern sollen, erhielt auch den Namen „Gottesgeißel“. Soll Graf Waldersee die Gottesgeißel sein von der andern Seite? (Heiterkeit links.)  Nun, was würde aus der Welt werden, wenn man noch nach tausend Jahren rächen wollte, was Völker untereinander verbrochen haben? Dann würde die ganze Welt mit Männermord und Krieg fortgesetzt überzogen! (Sehr richtig! links.)

Und dann führte Eugen Richter Reichskanzler Bülow gegen den Kaiser an:

Und was nun dieses „es wird kein Pardon gegeben werden“ anbetrifft, so ist es besonders interessant, daß der Herr Reichskanzler selbst in seiner Note von Mitte September hervorgehoben hat, man erstrebe nur die Bestrafung der Hauptanstifter und -übelthäter, nicht aber der ausführenden Elemente; denn „Massenexekutionen widersprechen dem zivilisirten Gewissen“. Damit hat er ein Urtheil gesprochen über das Wort „es wird kein Pardon gegeben“ und über die Massenexekutionen, die gegenwärtig gegen ausführende Elemente in China stattfinden.

Deutschland habe kein Interesse daran, Land in China zu erobern:

Die Ausführungen des Herrn Reichskanzlers haben das gestern ziemlich scharf pointirt, daß im gegebenen Falle auch Deutschland mit weiterem Landerwerb vorgehen könnte. Ich bin dieser Meinung nicht; ich bin der Meinung, der Platz an der Sonne ist schon heiß genug für uns in Kiautschou, daß wir gar keine Neigung empfinden können, das Territorium oder die Interessensphäre nach irgend einer Richtung zu erweitern.

Die ganze Politik habe einen Zug zum Absolutistischen:

Die Durchführung der Ministerverantwortlichkeit ist aber eine Nothwendigkeit jetzt mehr als je. Leugnen wir doch nicht: ganz abgesehen von den gegenwärtigen Ministern, — es geht ein absolutistischer Zug durch das Reich. Das tritt bald an dieser, bald an jener Stelle zu Tage, bald im Großen, bald im Kleinen hervor. Man sieht den Reichstag als nothwendiges Uebel an, das man sich gefallen lassen muß, dessen Wirksamkeit aber, sowie es irgend angeht, man möglichst einschränkt.

Die Vorgehensweise lasse Schlimmes für die Zukunft ahnen:

Gerade gegenwärtig ist die Frage der Ministerverantwortlichkeit eine besonders dringende aus dem Grunde, weil der auswärtigen Politik, welche naturgemäß einen viel freieren Spielraum der Regierung giebt als irgend ein anderer Zweig, jetzt Ziele gesteckt werden, die unter Umständen verhängnißvoll werden können für das Volk und für das Land. (Sehr richtig! links.) Die Worte „Weltpolitik“, „Weltreich“, “ Weltherrschaft“ sind in den letzten Monaten im Anschluß an die Chinaereignisse noch mehr hervorgetreten in hohem Munde, als es bisher der Fall gewesen; ja, wir haben es schon erlebt, daß, wie mir berichtet wird, bei der Eröffnung des Reichstags in der Domkirche der Hofprediger Ohly gesagt hat, daß wir jetzt in eine neue Epoche der Weltgeschichte eingetreten sind (hört! hört! links), in eine Zeit der Welteroberung: das deutsche Wesen müsse sieghaft die Welt durchdringen, die Welt solle am deutschen Wesen genesen. Wenn ein Hofprediger so spricht, so weiß er nach der Art dieser Herren, daß er damit Gesinnungen und Stimmungen entspricht, die an höherer Stelle vorwalten. (Sehr richtig! links.)

Der Kaiser habe eine übersteigerte Vorstellung von seiner Wichtigkeit:

Der Herr Reichskanzler sagte gestern: die Hohenzollern werden keine Bonapartes sein. Nun, aber jener Satz in der bekannten Rede, daß jenseits des Ozeans keine Entscheidungen in einer wichtigen Angelegenheit getroffen werden dürfen ohne den Deutschen Kaiser, hat einen Inhalt, der meines Wissens selbst von keinem Bonaparte jemals in dieser Weise ausgesprochen ist. (Sehr gut! links.)

Wenn man so viel von Geschichte rede, solle man daraus wenigstens etwas lernen:

Der Herr Reichskanzler sagte gestern: die Lehren in der deutschen Geschichte sind nicht ohne Nutzen gewesen, um von solchen Wegen abzurathen. Mag sein: in der deutschen Geschichte; aber aus der römischen Geschichte — so weit scheint man im Studium nicht gekommen zu sein, da hat man die Lehren nicht gezogen. (Heiterkeit links.) Man hat ja gerade auf das römische Reich als Vorbild exemplifizirt bei der Limesfeier auf der Saalburg am 11. Oktober. Da wurde ausdrücklich gesagt: unserem Volke möge in Zukunft beschieden sein, so maßgebend zu werden, wie es einst das römische Weltreich war, dessen Imperator der Welt seinen Willen aufzwang. (Hört! hört! links.) Nun, die Saalburg war kein besonders geeigneter Ort für einen solchen Ausspruch; denn der Limes wurde zur Vertheidigung gezogen, als die Eroberungskraft des römischen Reichs aufgehört hatte. (Sehr gut! links.) Bald wurde der Grenzwall von den Germanen überschwemmt, und das römische Reich stürzte nach nicht langer Zeit elend zusammen.

Der Imperialismus, auf den sich Deutschland verlegen solle, sei bereits am Ende:

Ich meine aber auch, daß die Erfahrungen des letzten Jahres gerade geeignet sind, diejenigen, welche noch Phantasien nachgegangen sind über Weltreich und Weltherrschaft, zu ernüchtern. Was haben denn die Engländer mit ihrem Imperialismus für Erfahrungen gemacht? Zwei Milliarden hat ihnen der südafrikanische Krieg gekostet und 40 000 ihrer besten Truppen! Und was haben sie erreicht? Sie haben sich nur ein neues Irland da unten geschaffen, noch schwieriger zu behandeln als das europäische Irland! Und was haben die Amerikaner auf den Philippinen erreicht? Trotz einer ständigen großen Armee, trotz großer finanzieller Aufwendungen können sie dort keinen dauernden Friedenszustand schaffen.

Der Imperialismus werde besonders von Geschäftsleuten abgelehnt:

Handel und Wandel sind gegenwärtig in Deutschland in einer rückläufigen Konjunktur begriffen. — (Sehr richtig! links.) Darüber kann doch kein Zweifel sein, daß dazu beigetragen haben der südafrikanische Krieg und die Chinawirren. (Sehr richtig! links.) Spricht man mit Leuten aus den Erwerbskreisen, so hört man: ach, wenn doch diese Kriege endlich zu Ende wären, wenn man zu einem leidlichen Friedensschlusse käme! In jenen Kreisen herrscht nicht die mindeste Sehnsucht, nicht die mindeste Neigung zu neuen überseeischen Verwickelungen, namentlich nicht nach solchen, an denen Deutschland in ersterer Reihe betheiligt wäre.

Und Eugen Richter schloß seine Rede mit der Mahnung:

Darum, meine Herren, die Zukunft Deutschlands liegt wahrhaftig nicht auf dem Wasser, die Zukunft Deutschlands liegt im Lande selbst (sehr richtig! links) und da bieten sich so viel schwierige und große Ausgaben für die Regierungen dar, deren Lösung weit fruchtbringender ist und viel dankbarer empfunden wird als alle überseeischen Probleme in Ostasien oder sonst wo. (Lebhafter Beifall links.)

 

Siehe auch: Der Abgeordnete Richter hat das Wort: Gegen das Sozialistengesetz

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