Eurokrise 1891

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Handel und Verkehr.

Wochenbericht der Deutschen Genossenschaftsbank von Soergel, Parrisius & Co. in Berlin.

[Aus: Freisinnige Zeitung: 17. Mai 1891]

Die Börse ist unliebsam durch die portugiesische Finanzkrisis überrascht worden. Auch die Diskonterhöhung der Bank von England und der Reichsbank, sowie die sich bemerkbar machende Versteifung des Geldmarktes lassen die allgemeinen Verhältnisse für die Börse nicht als erfreulich erscheinen.

Die Mißstimmung, welche die Börse auf spekulativem Gebiete beherrscht, blieb auch auf die Anlagewerte nicht ohne Einfluß, und so vermochten sich selbst unsere deutschen Fonds, sowie die heimischen Pfand- und Rentenbriefe nicht zu behaupten. Immerhin zeigt sich, daß das Publikum umso mehr auf unsere erstklassigen inländischen Anlagepapiere zurückgreift, je größeren Schaden es an dem Besitz fremder Fonds erlitten hat. Selbst die Renten der gut situirten europäischen Länder haben trotz der Kursrückgänge der letzten Zeit noch immer so hohe Preise, daß unsere deutschen Werte mit Rücksicht auf ihre Sicherheit und Verzinsung dagegen billig erscheinen. — Von fremden Fonds erlitten Portugiesen einen jähen Kurssturz; daneben wurden Griechen und Argentinier zu niedrigeren Kursen angeboten. Im Zeitgeschäft liegen namentlich Italiener flau, welche andauernd verkauft werden; auch Ungarn, Egypter und Russen vermochten sich nicht zu behaupten. — In ausländischen Eisenbahnprioritäten fanden nur mäßige Umsätze  statt. Oesterreichische Gold-Obligationen hielten sich fest, während Silberprioritäten in Folge des Valuta-Rückganges etwas schwächer lagen. Russische Prioritäten schließen ausnahmslos prozentweise niedriger als vorige Woche.

Auf dem Eisenbahnaktienmarkt gaben Aufträge für Wiener Rechnung wiederholt Anregung zu lebhaften Umsätzen in österreichischen  Transportwerten, unter denen namentlich Lombarden, Staatsbahnen und Duxer in Betracht kamen. — In Schweizer Bahnen vollzog sich bei fester Tendenz ein ruhiges Geschäft. Mittelmeer-Aktien lagen schwach; ebenso waren Warschau-Wiener zu nachgebenden Kursen angeboten. Inländische Bahnen waren anfänglich gut behauptet; zum Schluß der Woche mußten sich aber besonders die beiden östlichen Bahnen, der allgemeinen Tendenz folgend, Kursermäßigungen gefallen lassen.

Spekulative Bankaktien wurden in großen Summen realisirt und gelangten in noch größeren Beträgen als Blanko-Abgaben zum Verlauf. Am stärksten hatten Diskonto-Kommandit zu leiden, daneben aber büßten auch alle anderen auf Zeit gehandelten Bank-Aktien mehrere Prozent ein. Im  Kasseverkehr waren die Umsätze nur klein und auch die Kursveränderungen nur von geringer Bedeutung.

Im Gegensatz zu den übrigen Gebieten der Börse zeigte der Montanmarkt eine recht feste Haltung. Erst seit gestern erfuhren auch die Kurse der Montanwerte eine, immerhin nur mäßige Abschwächung. — Für die übrigen Industriepapiere bestand nur minimales Interesse. Die Umsätze mußten trotz geringfügiger Verkäufe größtenteils nachgeben.

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