Gorilla über die Descendenzlehre

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Auszug aus einem in einer öffentlichen Affenversammlung gehaltenen Vortrag

Meine verehrten Freunde!

Nicht etwa, um bloß nachzuäffen, ergreife ich das Wort in dieser mir persönlich besonders affrösen Frage. Wie von den Zweihändern, so ist sie auch von uns oft genug in Erwägung gezogen worden, ohne daß es auch uns gelungen ist, zu einem definitiven Resultate zu gelangen. Die Frage ist eine offene geblieben und wird dies wohl auch vorläufig bleiben. Wenn sie aber von den Zweihändern besprochen wird, dann geschieht das niemals ohne Affront für uns, (Hört! Hört!) und daher sehe ich mich nolens volens gezwungen, von Zeit zu Zeit mich wieder mit diesem Gegenstande zu beschäftigen.

Denn nicht ernst und nicht häufig genug können wir gegen die Annahme protestiren, daß die Menschen von uns abstammen! (Lebhafter Beifall.) Durch diese Annahme wäre zugegeben, daß wir uns nicht eben zu unserm Vortheil verändert hätten. (Erneuerter Beifall.) Wer die Menschen kennt, wird dies bestätigen, (Ein Schimpanse: Sehr richtig!) wir aber haben keine Lust, als Urmenschen zu gelten, so lange wir uns der Ueberzeugung nicht zu verschließen vermögen, daß unsere Nachkommen nach so vielen Seiten hin aus der Art geschlagen sind. (Bravo!)

Weshalb ich persönlich keinen der Unseren an den Menschen gefressen habe, das will ich in kurzen Worten darthun, um gleichzeitig zu zeigen, daß ich nicht etwa durch gekränkte Eitelkeit zu meinem Protest geführt werde. Die Menschen sind mir eben nicht sympathisch, weil sie die Pietät nicht kennen, das ist Alles. Sie lachen über uns, über uns, die sie doch für ihre Vorfahren halten. (Rufe: Pfui!) Goethe spricht mit Mißachtung von uns, indem er an irgend einer Stelle sagt: „Bewund’rung von Kindern und Affen“, und den Ersteren wird heute noch eine Strophe eingepaukt, welche lautet:

„Der Affe gar possirlich ist, zumal, wenn er vom Apfel frißt“.

(Unruhe.) Weshalb wir besonders possirlich sind, wenn wir uns dem Apfelgenuß hingeben, das weiß ich nicht. Ich kann mir nicht denken, daß Adam possirlich ausgesehen hat, als er „vom Apfel aß“, — ich will das häßliche Fremdwort „fressen“ hinunter schlucken, — und dann sind wir doch ebensowenig „gar possirlich“. Ferner nennen sie ihre Betrunkenheit kurzweg Affe. (Ein Pavian: Lächerlich!) Ja, das ist das richtige Wort. Denn wer hätte schon einen betrunkenen Affen gesehen? Würde einer von uns auf einen grünen Zweig kommen, wenn er betrunken wäre? Der Affe, der betrunken wäre, fiele wahrlich nicht weit vom Stamme! (Sehr wahr! Beifall.) 

So viel über meinen Standpunkt gegenüber den Menschen, welche von uns abzustammen behaupten und doch ihre Urväter pietätslos beschimpfen. (Sehr gut!) Aber ich könnte mich mit affenmäßiger Geschwindigkeit darüber hinwegschwingen, wenn ich in den Menschen heute noch eine Spur von unserem innersten Wesen entdeckte. Denn an dem Aufrechtgehen und an der quantitativen Differenz des Gehirns liegt es doch wahrlich nicht. (Zustimmung.) Es giebt Gorillas, sagt Virchow sehr richtig, bei denen der Schädelinhalt beinahe 600 Kubikzentimeter erreicht. (Hört! Hört!) Der Charakter entscheidet! (Rauschender Beifall.) Meine verehrten Freunde, man spricht von Menschenliebe und Menschenhaß, aber nur von Affenliebe. Es giebt keinen Affenhaß. (Sehr gut!) Der Haß ist eine Charaktereigenthümlichkeit der Menschen. Die Menschen lieben den Haß. (Gelächter. Hulman, der Heilige: Vortrefflich!) Sehen Sie sich die Menschen an, wie sie sich verfolgen, schädigen, gegenseitig martern und tödten, wie sie sich betrügen und belügen, wie sie sich vor Eitelkeit und Eigennutz verzehren, wie sie ihren ganzen Witz auf die Erfindung von Mordinstrumenten lenken! So tief es mich schmerzt, daß die Menschen in ihren Zoologischen Gärten und ähnlichen Instituten Kerker, angefüllt mit den lieben Unsrigen, unterhalten, (Ein Mandril: Abscheulich!) so ist es mir doch auch lieb, daß sie damit ein Bild der Eintracht, welche unter den Affen herrscht, vor sich haben, ein sie beschämendes Bild, denn da finden sie keine Spur von Haß und Verfolgung, sondern nur harmloses zärtliches Beisammensein, häufig sogar ein allzu zärtliches. (Heiterkeit). Ich will letzteres nicht billigen, (Oho! Unruhe) aber gerne will ich es gelten lassen, denn mir scheint ein Zuviel erfreulich, wo das Zuwenig unter den Menschen schon Verfolgung und Feindschaft bedeutet.

Aber, meine verehrten Brüder, wenn die persönlichen Beziehungen der Menschen zueinander derartige sind, daß sie in keinem Punkt die Berechtigung haben, von uns abstammen zu wollen, so spricht gegen dieselbe ihr übriges Gebahren nur noch lauter und deutlicher. (Hört! Hört!) Ich bin ein alter Affe, aber noch ist mir weder ein Pavian, noch ein Gibbon, weder ein Orang-Utan, noch ein Makak vorgekommen, der sich mit allen Vieren gegen die Freiheit gesträubt hätte. (Rauschender Beifall.) Ich will Ihnen nicht wünschen, jemals unter die Menschen zu gerathen, aber wenn dies geschähe, so würden Sie mit Schrecken wahrnehmen, wie diese sogenannten Herren der Schöpfung heute bei dem bloßen Schall der Worte „Freiheit und Fortschritt“ in Bestürzung gerathen. (Sensation.) Und diese Herren wollen von uns abstammen? Es ist geradezu keck, aufdringlich, empörend, eine Menschenschande! (Langanhaltender Beifall. Mehrere Affen eilen fort, fangen Salamander und reiben sie zu Ehren des geehrten Redners.)

aus den Berliner Wespen, 9. März 1883

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