Der arme Mann und der reiche Mann

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Berliner Wespen, 2. März 1883

 

Freiwillig gouvernemental socialistische Novelle.

 

I.

Das goldene Zeitalter war in den Schatten gestellt, das bimetallistische hatte begonnen.

Täglich wurde es besser. Industrie und Handel erhoben das gesenkte Haupt. Die Sitte war längst verstaatlicht und von neuer Glorie umgeben. Ein gescheidter Haufen hatte Dubois-Reymond eben verbrannt und auch die Werke Darwin’s waren zugleich in die Flammen geworfen. Zu dieser Feuerlichkeit, welche am Johannistisch stattgefunden hatte, war die Militärmusik gern bewilligt worden.

Das Volk las nur noch Arbeitsbücher.

Plötzlich gab es einen armen Mann. Auf der untersten Steuerstufe geboren, hatte er sich mühsam bis zur zweituntersten emporgearbeitet. Hier aber hatte er sich verheirathet, und seine Frau erfreute ihn so häufig mit der Geburt eines Kindes, daß er nicht mehr weiter konnte. Es half ihm nun wenig, daß er in seiner Unpfändbarkeit die Beseitigung der zwei untersten Steuerstufen erlebte. Der arme Mann ward immer ärmer, er hatte gestern auch sein Pfeifchen auf das Leihamt getragen, welches der Volksmund als „Patrimonium der Enterbten“ bezeichnete.

Er eilte an den verstaatlichten Fluß. Hier hob er einen verstaatlichten Stein auf, um ihn sich um den Hals zu binden. Da, im entscheidenden Moment, stürzte Professor Wagner herbei und ergriff den Verzweifelten am Kopf und Kragen, die derselbe längst verloren hatte.

II.

Professor Wagner nahm sich des armen Mannes eifrig an. Zuerst mit heftigen Vorwürfen. „Armes Opfer der liberalen Mißwirthschaft!“ rief er wiederholt. „Welch ein Glück, daß der Mensch irrt, so lang er strebt. Ich strebte, irrte, kam in Folge dessen hierher und finde Dich. Sei ohne Sorge, armer Manns Du sollst nicht mehr Trost im Wasser, sondern nur noch in besseren, trinkbareren Flüssigkeiten suchen. Dir soll von jetzt an der Wein an den Hals gehen!“

So kam es auch, denn Professor Wagner wußte den reichen Mann zu finden.

„Geh’ nach Hause“, sagte er zu dem Armen. „Dorthin schicke ich Dir meine sämmtlichen Schriften, die lese und erwarte das Weitere. Hier hast Du vorläufig etwas von dem Ertrage der verstaatlichten Eisenbahnen.“ Damit gab er ihm Geld, so viel er mit der rechten Hand der Socialdemokratie fassen konnte.

Der arme Mann nahm sich eine verstaatlichte Droschke erster Classe und fuhr nach Hause.

III.

Der reiche Mann wälzte sich in seinem Salon auf den sammetnen Kissen, nachdem er in Austern, Poularden und Trüffeln förmlich gewüthet hatte. Aus den Eiskübeln streckten die Champagnerflaschen neugierig den Silberhals, als wollten sie fragen: Noch immer durstig? In den eisernen Geldschränken vermehrte sich das Kapital coloradokäferhaft, legte sich Zins auf Zins. Wundervolle Vasen, mit dem Schweiß der Armuth gefüllt, standen überall umher und verriethen den Nabob, aber auch die Unhaltbarkeit der socialen Zustände. 37 Diener bevölkerten Foyer und Antichambre und ballten die Fäuste. Der Ofen war mit feinem Nußbaumholz geheizt. Es herrschte tiefe Stille, nur dann und wann unterbrach sie ein Papagei, indem er behauptete, das Gold sei nur Chimäre.

Da trat Professor Wagner in’s Zimmer. Der reiche Mann sprang auf und erbleichte. Heiliger Crispin! rief er und sank in die schwellenden Kissen zurück.

Ja, sagte der Professor, die Crispinspolitik beginnt. Mit bloßen Redensarten kommt man nicht weiter in der Finanzpolitik, jetzt gilt es, mit den Mitteln der wohlhabenden Klassen die socialen Schäden der unteren Classen zu heilen!

Der reiche Mann wollte etwas erwiedern, aber der Professor hieß ihn schweigen, überhäufte ihn mit Steuern, nahm ihm Alles, was er hatte, und brachte es dem armen Mann.

IV.

Der reiche Mann war verarmt. Er hatte seine Salons verlassen und war immer tiefer gesunken. Nun bewohnte er einen Keller. Hier verhungerte der Papagei, den man ihm gelassen hatte, und der den armen Mann eine Zeit lang durch Gastspiele in den Reichshallen zu ernähren vermochte. Aber das Publikum verlangte immer nach anderen dressirten Thieren und hatte dem Papagei endlich mit einem verächtlichen Toujours perdrix den Rücken gekehrt. Auch waren die dressirten Thiere verstaatlicht worden und warfen nur noch wenig ab.

Der verarmte reiche Mann veräußerte die Leiche seines seligen Vogels an das verstaatlichte Aquarium und kaufte für den Erlös bei dem verstaatlichten Mehles einen einschläfrigen Revolver. Aber in demselben Augenblick, da er die Mordwaffe gegen seine Brust richtete, stürzte Professor Wagner herbei und brachte ihn vom Tode zum Leben.

Du hast mir Alles genommen, sagte traurig der Ex-Reiche, meinen Tod konntest Du mir doch lassen!

Dir soll geholfen werden, rief der Professor, keine Widerrede, oder ich lese Dir meine Schriften vor!

Der Ex-Reiche schwieg erschüttert, der Professor aber ging zu dem reichgewordenen Armen, nahm demselben Alles wieder ab und brachte es Jenem, so daß Alles wieder war, wie es früher gewesen.

Da fing die Geschichte wieder von vorn an.

Moral.

Der reiche Mann und der arme Mann sollen ganz ruhig sein. Ja, wenn der Professor Wagner nicht wäre!

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