Das Befinden des Kaisers – Freisinnige Zeitung, 6. Juni 1888

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Die Ausfahrt, die der Kaiser am Montag kurz nach 6 Uhr unternahm, ging über Bornstedt. Bornim, Lindstedt und Charlottenhof und war um 7 Uhr beendet. Nachher verweilte der Kaiser noch einige Zeit im Park.

Die Nacht zum Dienstag brachte dem Kaiser einen ruhigen, wenig unterbrochenen Schlaf. Um 10 Uhr verließ er das Bett und begab sich auf die Terrasse des Schlosses, welche die Kaiserin in eine Laube hat verwandeln lassen. Der Kopfschmerz, an welchem der Kaiser am Montag in Folge der Hitze litt, war am Dienstag verschwunden. Dagegen ist immer noch ein leichtes Gefühl von Ermattung vorhanden, welches indessen, wie man hofft, bei der angewandten Schonung und Ruhe bald wieder einem zunehmenden Kräftegefühl weichen wird. Um 9 Uhr fand die ärztliche Konferenz statt, an der außer Dr. Mackenzie, Dr. Hovell und Generalarzt Dr. v. Wegner, auch die Professoren Leyden und Krause teilnahmen. Im Laufe des Vormittags nahm der Kaiser die Vorträge des Generals v. Albedyll, des Generaladjudanten v. Mischke, des Oberstallmeisters v. Rauch und des Fürsten Radolin entgegen. Um 1 ¼ Uhr traf der Reichskanzler Fürst Bismarck auf Station Wildpark ein und fuhr im kaiserlichen Wagen nach Schloß Friedrichskron. Der Reichskanzler verweilte bis 3 Uhr 45 Min. im Schloß Friedrichskron und fuhr dann nach Berlin zurück.

Eine Stunde nach der Konferenz legte sich der Kaiser zur Ruhe. Derselbe befindet sich trotz der zahlreichen Audienzen wohl und frisch. Der Reichskanzler war zum Lunch geladen und nahm denselben nach beendeter Konferenz mit Ihrer Majestät. — Dr. Hovell hat die Nachricht vom Tode seines Vaters erhalten, und muß sich in Folge dessen gleich nach London begeben. Professor Dr. Krause wird die Vertretung desselben übernehmen.

Für Dienstag Nachmittag steht ein Ausflug des Kaisers nach Bornstedt in Aussicht.

Ueber das Grundleiden des Kaisers wird mehreren Zeitungen von ärztlicher Seite Folgendes berichtet, dessen Bedeutung für das Gesammtleiden wir nicht zu beurteilen vermögen: „In San Remo zeigte sich beim Kaiser bei einer der zahlreichen Untersuchungen des Kehlkopfes und Halses wildes Fleisch, dessen Farbe alle Aerzte des Kaisers zu der Annahme bewog, daß man es mit einem Krebsgebilde zu thun habe. Diese Erscheinung dauerte bis Ende April, war also noch länger als sechs Wochen nach der Uebersiedelung des Kaisers nach Charlottenburg vorhanden. Dann begannen diese Auswüchse zu verschwinden; sie verloren sich gänzlich. Mitte Mai trat das wilde Fleisch wieder auf, ist aber jetzt seit vier bis fünf Tagen in einem Verfalle, so daß man mit Sicherheit darauf rechnen kann, es werde in drei bis vier Tagen ganz verschwunden sein.“

Ueber die Ernährung des Kaisers berichtet die „Voss. Ztg.“: Um 7 Uhr morgens genießt der Kaiser jetzt Kakao mit Ei, Zwieback und Butter. Um 9 Uhr 30 Minuten trinkt er ein Viertel Liter Milch mit Whisky, worauf er eine Stunde später etwas kaltes Fleisch mit Butterbrot oder drei Eier genießt und etwas Wein dazu trinkt. Um 11 Uhr 30 Minuten nimmt er wieder Milch mit Whisky; daran schließt sich um 1 Uhr das Mittagessen; 1 ½ Stunde später wird abermals ein Viertel Liter Milch in der genannten Mischung genommen, und um 5 Uhr nachmittags drei Eier und etwas Wein, um 6 Uhr nochmals Milch und um halb 8 Uhr endlich das Abendessen. Die Folgen dieser genau geregelten Ernährung sind sehr günstige. Von der krankhaften Blässe, die das Antlitz des Kaisers nach dem letzten Krankheitsanfall in Charlottenburg deckte, ist nichts mehr wahrzunehmen. Die früher eingefallenen Wangen beginnen wieder sich zu füllen und jene Straffheit der Glieder, die den Kaiser sonst kennzeichnete, stellt sich allmählig wieder ein.

Auf seinem Gute Bornstedt beabsichtigt der Kaiser später täglich einige Zeit zu verweilen. Aus diesem Anlaß sind die Zimmer des Administrators zum Aufenthalt des Kaisers hergerichtet und mit Blumen aller Art und Topfgewächsen ausgestattet worden. Auf ihrer Ausfahrt am Montag hat die Kaiserin diese Zimmer selbst in Augenschein und hier und da noch Abänderungen befohlen.

Besondere Freundschaftsversicherungen des Zaren soll, wie die „Magdeb. Ztg.“ wissen will, der Botschafter General v. Schweinitz bei seinem Besuch am Sonntag Kaiser Friedrich überbracht haben.

Siehe auch unsere Berichterstattung zu den letzten Tagen des Kaisers Friedrich:

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