Das Befinden des Kaisers – Freisinnige Zeitung, 8. Juni 1888

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Ueber das Befinden des Kaisers berichtet Wolffs Telegraphenbureau Mittwoch Abend: Der Kaiser hatte einen guten Tag. Derselbe schlief am Nachmittag etwa 1 ½ Stunden und widmete sich dann der Erledigung von Staatsgeschäften. Um 6 Uhr begaben sich die Majestäten im offenen Wagen nach Alt-Geltow zur Besichtigung der dortigen Kirche und wurden auf dem Wege dorthin enthusiastisch begrüßt. In Alt-Geltow wurden sie von der ganzen Gemeinde vor der Kirche erwartet und von dem Orts- und Kirchenvorstande in die Kirche geführt. Der Kaiser bezeugte über den Bau, der auf seine Kosten jetzt neu ausgeführt ist, lebhafte Befriedigung. Die Rückkehr nach Schloß Friedrichskron erfolgte um 7 Uhr.

Der Kaiser sah, wie uns noch besonders berichtet wird, sehr wohl aus und schien freudig gestimmt.

Der Kaiser hat die Nacht zum Donnerstag weniger gut geschlafen, da er häufiger als sonst durch Husten und Auswurf gestört wurde. In Folge dessen blieb der Kaiser auf Anraten der Aerzte bis gegen 11 Uhr Vormittags im Bett. Gegen Mittag empfing er den Chef des Militärkabinets und den Kriegsminister sowie den Oberstallmeister von Rauch und den Fürsten Radolin zum Vortrag. Zum Diner waren keine Einladungen ergangen.

Der Verlauf der Nächte gestaltet sich, wie die „Post“ berichtet, in letzter Zeit, d. h. seit sich der Kaiser in Schloß Friedrichskron befindet, gewöhnlich so, daß der erste Teil derselben, bis Mitternacht, zu wünschen übrig läßt, während gegen Morgen erquickender, ruhiger Schlummer eintritt, der wenig vom Husten unterbrochen wird und auch in Bezug auf den Stand der Temperatur normal verläuft. Erst gegen Morgen erfährt die Körpertemperatur eine, bis jetzt glücklicherweise nicht bedenkliche Steigerung. Der Hustenreiz ist jetzt wieder vermehrt und die Eiterabsonderung reichlicher. Die schon so oft bewunderte kräftige Konstitution des Monarchen wird aber, wie die Aerzte hoffen, bald auch diese, durch die Luftveränderung und Uebersiedelung hervorgerufenen Störungen überwinden.

Die Kaiserin wird nach den nunmehr getroffenen Dispositionen Freitag Abend 10 Uhr in Begleitung der Prinzessin Viktoria die bereits seit einiger Zeit beabsichtigte Reise in das Ueberschwemmungsgebiet nach Westpreußen antreten.

In Bezug auf die Abhaltung von Festlichkeiten hat der zweite Vorsitzende des westfälischen Schützenbundes beim königlichen Hofmarschallamt angefragt, ob es wohl im Hinblick auf die momentane Lage angebracht sei, auf eine Aufhebung des projektirten Bundesschießens hinzuwirken. Veranlaßt war  diese Anfrage dadurch, daß der Magistrat in Bielefeld die Stiftung eines Ehrenpreises für dieses Bundesschießen abgelehnt hat, da es ihm mit Rücksicht auf den Tod des Kaisers Wilhelm und die schwere Erkrankung des Kaisers Friedrich nicht angemessen erscheine, daß das Fest in diesem Sommer abgehalten würde. Auf die Anfrage ist dem Vorsitzenden Rendant Lindewirt zu Bielefeld durch den Geh. Kabinetsrat v. Wilmowski eröffnet worden, „daß die Abhaltung des Festes keinen Bedenken unterliegt.“

Siehe auch unsere Berichterstattung zu den letzten Tagen des Kaisers Friedrich:

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