Zum Befinden des Kaisers – Freisinnige Zeitung, 9. Juni 1888

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Am Donnerstag hat der Kaiser wegen der ungünstigen Witterung nicht im Freien verweilt.

Kaiser Friedrich, 1888

Die Nacht zum Freitag verlief verhältnismäßig befriedigend; der Schlaf war durch Husten und Auswurf weniger gestört als in der vorhergehenden Nacht. Schon um 6 ½ Uhr morgens begab sich die Kaiserin in das Gemach ihres Gemahls und verweilte längere Zeit am Bett sitzend. Um 9 Uhr vormittags erschien wie gewöhnlich Professor Leyden von Berlin in Friedrichskron zur Aerzte-Konferenz. Die Aerzte werden, wie verlautete, ihr Hauptbestreben darauf richten, den etwas verminderten Appetit wieder zu heben. Die Stimmung des Kaisers ist freundlich; er ist stets bemüht, seine Umgebung aufzuheitern, und lächelnd giebt er zu verstehen, daß es ihm ganz gut gehe. Um 10 Uhr verließ der Monarch das Bett. Von 10 ¾ bis 11 ¾ Uhr fuhr er im Schloßpark von Friedrichskron spazieren, hörte hierauf den Vortrag des Hausministers Grafen zu Stolberg und machte sodann eine Spazierfahrt im Schloßpark von Sanssouci. Am Nachmittag sollte wieder eine Ausfahrt stattfinden.

Die Aerzte sind, wie der „Lokal-Anz.“ hört, der Ansicht, daß wieder etwas von dem wilden Fleisch im Loslösen begriffen sei, ein Prozeß, der immer auf das Befinden des hohen Patienten von ungünstigem Einflusse, aber eben seinem ganzen Charakter nach auch nur vorübergehender Natur ist. Ernstliche Besorgnisse liegen momentan nicht vor.

Auf seinen Spazierfahrten im Park von Friedrichskron benutzt Kaiser Friedrich nicht mehr den kleinen, besonders zu diesem Zweck gebauten Wagen, den ein schottischer Pony zog, sondern einen größeren Korbwagen, der mit weichen Polstern, die mit blauer Seide überzogen sind, ausgelegt ist. Es ist derselbe Wagen, dessen sich Kaiser Wilhelm auf seinen Fahrten durch den Garten von Babelsberg bediente. Doch sind, wie der „Börsen-Kurier“ mitteilt, verschiedene Reparaturen und Neueinrichtungen an dem Gefährt vorgenommen worden, um es für den hohen Patienten so bequem wie möglich zu machen.

Gegen das Werfen von Blumensträußen in den Wagen des Kaisers hat die königliche Polizeidirektion in Potsdam eine Polizeiverordnung erlassen und ein solches Werfen als einen öffentlichen Unfug dargestellt. Der Kaiser hat dagegen angeordnet, daß der Kutscher seines Wagens langsam zu fahren hat, wenn er bemerkt, daß Personen Blumen abgeben wollen; auch ist der Kutscher angewiesen, solche in Empfang zu nehmen.

Siehe auch unsere Berichterstattung zu den letzten Tagen des Kaisers Friedrich:

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