Zum Befinden des Kaisers – Freisinnige Zeitung, 10. Juni 1888

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Das Befinden des Kaisers ist ein fortgesetzt gutes. Am Freitag hielt sich derselbe viel im Freien auf. Am Nachmittag besichtigte er gelegentlich einer Spazierfahrt das Barackenlager des Lehr-Infanterie-Bataillons bei Bornstedt.

Die Nacht zum Sonnabend verlief befriedigend; der Schlaf war nur wenig durch Husten und Auswurf unterbrochen. Bald nach 10 Uhr begab sich er Kaiser in den Park, um dort zu arbeiten und Spazierfahrten zu unternehmen. Die letzteren stellte der Kaiser indeß wegen der herrschenden Gewitterschwüle und des eintretenden Regens bald ein und zog sich in seine Zimmer zurück. Dort empfing er die Vorträge des Fürsten Radolin und des Generals von Albedyll. Gegen 12 Uhr erschien der Kronprinz zum Besuch.

Ein Kanülenwechsel wird jedenfalls am Sonntag stattfinden. Die neue Kanüle soll aus einer besonderen Aluminiumverbindung bestehen und Vorzüge gegen die früheren aufweisen.

Die Kaiserin hat am Freitag Abend in Begleitung der Prinzessin Victoria ihre Reise in das Ueberschwemmungsgebiet angetreten. Der kaiserliche Sonderzug bestand aus sechs Wagen. Er fuhr von Station Wildpark direkt nach Charlottenburg und über: den Schlesischen Bahnhof nach Westpreußen. In Dirschau langte der Zug am Sonnabend Morgen um 7 Uhr an.  Das Wetter war vorzüglich. Die Kaiserin entstieg mit ihrer Begleitung dem Salonwagen und begab sich nach dem festlich geschmückten Wartesaale I. Klasse, um das Frühstück einzunehmen. Zum Empfange waren erschienen die Spitzen der Behörden. Nach einem Aufenthalt von 25 Minuten bestieg die Kaiserin wieder den Salonwagen und setzte die Reise fort. Auf dem mit Fahnen und Guirlanden geschmückten Perron stand eine dichtgedrängte Menschenmenge, welche die Kaiserin mit lautem „Hurrah“ begrüßte. In Marienburg traf die Kaiserin gegen 8 Uhr ein. Auch hier war der Empfang ein überaus herzlicher. Alle Häuser waren mit Maiengrün und Flieder geschmückt. Die Schulen, die Kriegervereine und die Gewerke bildeten Spalier. Auf der Fahrt in die Stadt saß mit der Kaiserin und der Prinzessin Victoria der Oberpräsident von Ernsthausen im Wagen. Von der Zinne des Marienthors ertönte beim Einzug in die innere Stadt die Nationalhymne. Vor der höheren Töchterschule nahm die Kaiserin von einer Schülerin eine prächtigen Strauß entgegen; auch im Remter des Schlosses überreichten Damen mannigfache Blumenspenden. Hier begrüßte der Sängerchor des Schullehrer-Seminars die Kaiserin mit dem Gesange des Liedes „Gott grüße Dich.“ Hierauf fand die Vorstellung der Behörden, des Hilfskomitees und der Geistlichkeit und eine Besichtigung des Schlosses statt. Alzdann trat die Kaiserin eine Fahrt durch denjenigen Teil der Stadt an, welcher von der Wassersnoth gelitten, bis zum Ufer der Nogat, wo sie sich an Bord eines mit Blumen geschmückten Danpfers begab. Die nach Tausenden zählende Menge begrüßte die Kaiserin aller Orten mit jubelnden Hochrufen. Oft wurden der Kaiserin aus der Volksrnenge auch Grüße an den Kaiser zugerufen. Die Fahrt nach Jonasdorf, wo der Durchbruch der Nogat stattgefunden, dauerte eine halbe Stunde. Das Frühstück wurde am Bord des Dampfers eingenommen. An der Stelle des Nogatbruches erhielt die Kaiserin eine Uebersicht über einen Theil des Ueberschwemmungsgebietes. Im Ganzen waren von der Wassersnoth betroffen 12 Quadratmeilen, 4 ½ stehen noch unter Wasser. Zum Empfang waren Schulkinder aufgestellt und begrüßten Ihre Majestät durch Gesänge. Die Arbeiter standen am Damm. Eine alte Frau that vor der Kaiserin einen Fußfall. Die Kaiserin hörte sehr freundlich das Anliegen an und nahm die Bittschrift an. Dann ging die Fahrt im Wagen durch die reichen Dörfer der Nogatniederung. Ueberall Ehrenpforten, Schulen, Gesang, Glockenläuten. Von Bahnhof Altfelde ging die Fahrt weiter mit der Bahn nach Elbing, wo der Zug 11 Uhr 50 Minuten auf den Perron einfuhr. Die Kaiserin wurde von den Spitzen der Behörden empfangen und von der zahlreich am Bahnhofe anwesenden Publikum euthusiastisch begrüßt. Im Kasinosaale hielt der erste Bürgermeister eine Ansprache an die Kaiserin, die mit den Worten schloß: „Gott segne unsere edle Kaiserin und Königin! Gott erhalte uns unseren geliebten Kaiser und König und gebe ihm bald völlige Genesung!“ Die Kaiserin dankte und bemerkte, daß der Kaiser an dem Unglück, welches diese Gegend heimgesucht sei, den lebhaftesten Anteil genommen habe. Bei Geh. Komm.-Rath Schichau fand ein Diner von 30 Personen statt. Die Abfahrt nach Elbing fand um 2 ½ Uhr statt.

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