Zum Befinden des Kaisers – Freisinnige Zeitung, 12. Juni 1888

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Am Sonnabend gegen Abend konferirte der Kaiser etwa dreiviertel Stunden mit dem Justizminister v. Friedberg. Der Kanülewechsel, der im Lauf des Tages vorgenommen wurde, ging glücklich von Statten; Mackenzie führte die neue Kanüle rasch und sicher ein.

Am Sonntag ist folgendes Bulletin ausgegeben worden:

Bei Sr. Majestät dem Kaiser und König sind in den letzten Tagen von Neuem leichte Schlingbeschwerden aufgetreten, jedoch hat dies keinen wesentlichen Einfluß auf des Allgemeinbefinden gehabt.

Mackenzie. Wegner. Krause. Leyden. Senator. Bardeleben.  

Der Kaiser, der eine befriedigende Nacht verbracht hatte, verließ nach der Konferenz der Aerzte um 10 Uhr das Bett, begab sich alsbald in den Park und nahm die regelmäßigen Vorträge entgegen. Um 1 Uhr 11 Minuten traf der Reichskanzler auf der Station Wildpark ein. Seine Konferenz mit dem Kaiser dauerte bis 3 Uhr. Um 5 Uhr stattete der Kronprinz dem Kaiser einen Besuch ab. Um 6 Uhr fuhren der Kaiser und die Kaiserin in geschlossenem Wagen nach Bornstedt, begleitet von den Prinzessinnen Töchtern und Dr. Mackenzie.

Noch am Abend gegen 8 Uhr saß der Kaiser an seinem Arbeitstisch und beschäftigte sich mit Regierungsangelegenheiten.

Kaiser Friedrich als Kronprinz 1874

Die Nacht zum Montag hat für den Kaiser einen ruhigen Verlauf gehabt. Die Schlingbeschwerden sind noch nicht ganz gehoben, der Appetit dagegen ist besser, und die Nahrungsaufnahme genügend. Dr. Mackenzie setzte in Gegenwart des Generalarztes Dr. v. Wegner und der Professoren Krause und Bardeleben wieder eine neue Kanüle ein, und zwar eine silberne. Der Kaiser konnte sich um 10 ½ Uhr gestärkt erheben und den Park aufsuchen. Er fuhr im Ponywagen spazieren. Im Laufe des Vormittags nahm er Vorträge entgegen und empfing den Besuch einiger Mitglieder der königlichen Familie. Mittags erschien wieder der Staatsminister Dr. Friedberg. Zum Mittagessen waren keine Einladungen ergangen. Für den Nachmittag war eine Spazierfahrt in Aussicht genommen.

Schlingbeschwerden hat der Kaiser auch früher schon gehabt. Dieselben währten einige Tage und verschwanden dann  wieder. Um die hierdurch eintretende Trockenheit im Halse zu beseitigen, nimmt der Kaiser in kurzen Pausen einen Schluck Milch mit etwas Whisky ve[r]setzt.

Um die Einathmung der Luft zu erleichtern, soll, wie die „Post“ mitteilt, die neue Kanüle mit einer zweiten Oeffnung versehen sein, in der ein kleines Mundstück sitzt. An diesem Mundstück wird ein Schlauch befestigt, der in einen Ball ausläuft. Bei etwaigen Athmungsbeschwerden kann mit der Hand durch Zusammendrücken des Balles frische Luft von außen eingeführt werden.

Die Kanüle bereitet den Aerzten augenblicklich einige Schwierigkeiten. Dieselben haben, wie die „Nationalzeitung“ meldet, ihren Grund nicht mehr darin, daß der Luftweg zu eng ist, sondern die Luftröhre hat sich im Gegenteil so erweitert, daß die Kanüle sie nicht mehr ausfüllt und der von oben kommende Eiter an ihr vorbei in die tieferen Luftwege fließen kann. Dies suchen die Aerzte dadurch zu verhindern, daß um die Kanüle ein Gummiring angebracht wird, welcher mittels eines feinen, innerhalb der Kanüle eingeführten Röhrchens aufgeblasen wird. Dadurch wird der zwischen Kanüle und Luftröhrenwand vorhandene Hohlraum ausgefüllt, und es kann kein Eiter von oben in die Tiefe fließen. Zu silbernen Kanülen mußte man deshalb wieder zurückkehren, weil Aluminium schwer zu bearbeiten ist, sich nicht löthen noch schweißen läßt.

Dr. Hovell ist Montag Nachmittag von London zurückgekehrt.

Die Familie Mackenzies ist von der Kaiserin Viktoria eingeladen worden, auf einige Tage nach Potsdam zum Besuch zu kommen. Die Kaiserin, deren Schreiben mit großer Liebenswürdigkeit abgefaßt ist, sagt darin, daß sie mit dieser Einladung auch einem Wunsche des Kaisers folge, welcher wohl einsehe, wie störend seine Krankheit in das glückliche Familienleben des Arztes eingreife. Die Kaiserin überläßt es den Damen Mackenzies, um welche Zeit sie die Einladung anzunehmen gedenken, und schließt mit der Versicherung, daß sie erfreut sein werde, auf diese Weise einen Teil ihrer Dankesschuld an Dr. Mackenzie abzutragen.

In einem Dankschreiben des Kaisers Friedrich an die Großloge der englischen Freimaurer, welche eine Beileidsadresse wegen des Todes des Kaisers Wilhelm übersandten, heißt es — dasselbe ist an den Prinzen von Wales als Großmeister gerichtet — „Unter seinem (des Kaisers Wilhelm) Protektorat hat die Freimaurerei die Benennung der „königlichen Kunst“ gehörig aufrecht gehalten. Rein und erhaben in Gemüt, in Wort und That und die Brüder beseelend, die ihm auf der Bahn zur Weisheit, Schönheit und Kraft nachahmen, blieb es bis zu seinem Eingange in den ewigen Osten ein leuchtendes Muster für alle Brüder Freimaurer, die, obwohl sie über der ganzen Welt verstreut sind, vereinigt in der königlichen Kunst sind. Wie der verblichene Kaiser Wilhelm, werde ich nicht ermangeln, wie bislang, der Freimaurerei mein aufrichtiges Interesse zu widmen.“

Die Kaiserin ist in der Nacht zum Sonntag wenige Minuten nach 12 Uhr im besten Wohlsein auf der Station Wildpark eingetroffen. Sie begab sich sofort zu Wagen nach Schloß Friedrichskron. Die Kaiserin äußerte sich gegen die Umgebung höchst befriedigt über den Verlauf des Tages.

 

Siehe auch unsere Berichterstattung zu den letzten Tagen des Kaisers Friedrich:

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