Der Kaiser – Freisinnige Zeitung, 13. Juni 1888

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Die wenig günstigen Nachrichten über das Befinden des Kaisers lassen jedes politische Tagesinteresse zurücktreten vor der Sorge um den Kaiser. Möge es — das ist heute der einzige Wunsch von vielen Millionen in allen Gauen des Vaterlandes und weit darüber hinaus — der ärztlichen Kunst noch einmal ebenso wie in jenen bangen Tagen nach Ostern gelingen, die Gefahren zu bannen, welche das Leben des heißgeliebten Fürsten bedrohen. Indem uns wiederum die ganze Schwere des Leidens des edlen Dulders vor die Seele geführt wird, gelangt es uns erst voll und ganz zum Bewußtsein, mit welcher unermeßlichen Treue und Hingebung für Volk und Vaterland auch in diesen Tagen Kaiser Friedrich seinen hohen Fürstenberuf in Maßnahmen erfüllt hat, welche von dem Träger der Krone selbst in der Fülle der Gesundheit hohe Thatkraft und energische Entschlossenheit voraussetzen.

Die Ausfahrt des Kaisers am Montag unterblieb, weil der Kräftezustand nicht ganz befriedigend und die Körpertemperatur eine etwas höhere war. Nachmittags gegen 6 Uhr saß der Kaiser längere Zeit auf der vor seinem Schlafzimmer belegenen Terrasse des Schlosses, welche von den Strahlen der Nachmittagssonne beschienen wird.

Ueber die Nacht zum Dienstag berichtet die „Post“, daß die Kaiserin selbst mit Dr. Hovell und dem übrigen Personal den Nachtdienst übernahm. Die Nacht verlief nicht sehr günstig, da die Schlingbeschwerden und vermehrter Eiterausfluß den Schlummer sehr beeinträchtigten. — Das „Berl. Tageblatt“ berichtet folgendes: Der Kaiser, der sich Montag gegen Abend schon sehr matt fühlte, und dessen Körpertemperatur einen leichten Fiebergrad erreichte, begab sich zeitig zu Bett und hatte eine leidliche Nacht. Auswurf und Husten störten weniger, aber das Fieber wich nicht und besteht auch Dienstag Vormittag fort. Der Puls war Dienstag früh bei der Aerztekonsultation, an der wieder sämtliche sieben Aerzte des Kaisers Teil nahmen, schnell und schwach, die Kräfteabnabme eine sehr bedeutende. Der  Widerwille des kaiserlichen Patienten gegen jede Nahrungsaufnahme resultirt ebenso aus Appetitlosigkeit wie aus den   Schlingbeschwerden. Das Allgemeinbefinden ist sonach kein gutes, wenn auch nach Ansicht der Aerzte eine unmittelbare Gefahr noch ausgeschlossen erscheint.

Von Dienstag liegen nachfolgende Mitteilungen des Wolff’schen Telegraphenbureaus vor. Das am Dienstag Morgen ausgegebene Bulletin lautet:

Bei Sr. Majestät dem Kaiser und König haben die Schluckbeschwerden zugenommen, so daß die Ernährung schwierig wird. In Folge dessen fühlt sich Se. Majestät schwächer als bisher.

Mackenzie. Wegner. Krause. Hovell. Bardeleben. Leyden. Senator.  

Dienstag Vormittag: Der Kronprinz kam gestern Abend um 11 Uhr noch nach Friedrichskron, um sich nach dem Befinden Sr. Majestät zu erkundigen. Die Professoren Leyden und Krause werden heute Abend wieder zur Konsultation hierher kommen.

Dienstag Mittag: Se. Majestät der Kaiser verließ trotz der obwaltenden Beschwerden gegen 10 ½ Uhr das Bett, verweilte alsdann einige Zeit auf der Gartenterrasse des Schlosses und fuhr um 12 Uhr im Ponyfuhrwerk im Garten spazieren. — Die Kronprinzessin fuhr um 11 Uhr bei den Majestäten vor und verweilte daselbst eine halbe Stunde. Nach 1 ½ Uhr wird Generalleutnant v. Mischke bei Sr. Majestät Vortrag halten.

Der Hofbericht von Dienstag lautet: Der Kaiser fuhr mittags im Ponyfuhrwerk im Garten spazieren. Zum Frühstück waren die Großherzogin von Sachsen, Herzog und Herzogin Johann Albrecht von Mecklenburg erschienen. Zum Diner sind keine Einladungen ergangen.

Am Nachmittag hatten sich, wie wir zuverlässig erfahren, die Schlingbeschwerden etwas vermindert, doch zeigte der Kaiser wenig Appetit.

Konsultation der Aerzte. Die Konferenz der Aerzte, an der außer Dr. Mackenzie, Generalarzt von Wegner und Dr. Hovell die Berliner Aerzte Leyden, Senator, Krause und Bardeleben teilnahmen, dauerte von 9 Uhr 5 Minuten bis 9 Uhr 55 Minuten. Um 10 Uhr 4 Minuten fuhren die Professoren Leyden, Senator und Bardeleben von Station Wildpark aus nach Berlin zurück. Professor Krause verblieb aber noch in Schloß Friedrichskron.

Ueber die Schlingbeschwerden wird der „Nationalzeitung“ mitgeteilt: „Bei der Aufnahme flüssiger Nahrung verschluckt sich der Kaiser zuweilen, d. h. es fließt von der Nahrung auch etwas in den Kehlkopf und ruft starke, krampfartige Hustenanfälle hervor. Wenn dies schon für einen gesunden Menschen unangenehm ist, so ist es für eine Patienten mit krankem Kehlkopf besonders belästigend. In Folge dessen bereitet die Aufnahme von Nahrung, welche jetzt ohnehin auf flüssige und breiige Speisen beschränkt ist, gewisse Schwierigkeiten und erfordert besondere Vorsichtsmaßregeln.“ Die „Post“ bemerkt zu den Schlingbeschwerden: „Das Bulletin läßt keinen Zweifel mehr übrig, daß wir vor einer neuen Krisis stehen, die noch viel ernster aufzufassen ist, als die in Charlottenburg. Es scheint jetzt doch die Speiseröhre in Mitleidenschaft gezogen zu sein, da die Ernährung, wie das Bulletin besagt, „Schwierigkeiten“ bereitet. Ob gegen diese „Schwierigkeiten“ die Anwendung einer Schlundsonde zu erwarten ist, mittels der die Nährstoffe dem Magen direkt zugeführt werden, ist aus dem Bulletin nicht ersichtlich.“

Ueber das örtliche Leiden des Kaisers entnehmen wir der „Nationalzeitung“ nachfolgende Mitteilungen, die augenscheinlich von einer ärztlichen Seite kommen, welche seit Wochen an den Konsultationen des Kaisers nicht beteiligt gewesen ist. Dies ergiebt sich schon in Bezug auf die Wucherungen, welche aus der durch die Tracheotomie geschaffenen Luftröhrenwunde hervorwuchsen. Diese Wucherungen haben sich bekanntlich nicht als Krebsgebilde, sondern als wildes Fleisch ergeben, dessen Heilung Anfang Juni erfolgte. Bei dem Interesse, welches indessen in diesem Augenblick alle Aeußerungen der Presse über das Befinden des Kaisers haben, geben wir die Ausführungen der „Nationalzeitung“ wie folgt, wieder: „Vor etwa vierzehn Tagen hatten die Aerzte des Kaisers die Frage erörtert, wie sich der weitere Verlauf der Krankheit wohl gestalten würde, da angenommen werden mußte, daß das Grundleiden nicht stillstehen werde. Wie wir erfahren, hatte sie sich im Allgemeinen dahin verständigt, daß, soweit der damalige Krankheitsbefund ein Urteil zulasse, das Grundleiden zunächst nicht nach hinten auf die Speiseröhre, sondern eher nach vorne sich ausbreiten werde. Thatsächlich ist letzteres auch eingetreten. Es wuchsen aus der durch die Tracheotomie geschaffenen Luftröhrenöffnung Wucherungen hervor, welche sich etwa fingerbreit wie ein Ring um die Wundränder legten. Um Verletzungen dieser sehr weichen Gewebe nach Möglichkeit zu vermeiden, wurde das Schild der Kanüle immer größer gemacht, damit dasselbe noch auf der äußeren gesunden Haut ruhen könne. Leider scheint die Krankheit nun auch nach anderer Richtung sich fortbewegt und nach hinten übergegriffen zu haben, und es ist die Besorgnis nicht zu bannen, daß die Wand der Speiseröhre affizirt sei.“

 

Siehe auch unsere Berichterstattung zu den letzten Tagen des Kaisers Friedrich:

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