Der Kaiser – Freisinnige Zeitung, 14. Juni 1888

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Kaiser Friedrich 1865 als Kronprinz mit seiner Frau Viktoria und ihren Kindern Wilhelm (Kaiser Wilhelm II.), Sigismund, Heinrich und Charlotte

Wie geht es dem Kaiser? Wiederum schwebt, wie in jenen Apriltagen, diese bange Frage auf allen Lippen. Geflüstert geht sie von Mund zu Mund, zuweilen voll zuversichtlicher Hoffnung und dann wiederum mit verzweifelnder Sorge. Im Gewühl des lärmenden Tages wandelt sie die Straßen auf und nieder. An jedem Ort, in Haus und Werkstatt ist sie heimisch, sie begleitet die Arbeit der Hände und der Gedanken, legt mit den Müden sich nieder und weckt den Schläfer am Morgen auf. Seit dem Erscheinen des ersten ungünstigen Bulletins am Dienstag Mittag vereinigt sich in Berlin bei Jung und Alt in allen Schichten der Bevölkerung, in der Werkstatt, auf dem Büreau, im Kontor, an der Börse, in den Redaktionen, auf den Straßen das Tagesinteresse in dieser einzigen Frage. Wer irgend auch noch so entfernte Beziehungen in Posdam und im Schloß Friedrichskron hat, wird um Nachrichten bestürmt. An jede Meldung knüpfen sich neue Betrachtungen, Hoffnungen und Befürchtungen. So ist es in Berlin. und kaum anders wird es auch überall im Lande   sein, überall, wo treue Herzen für Kaiser Friedrich schlagen. Seit Dienstag Abend lauten die Nachrichten über das augenblickliche Befinden des Kaisers weniger ungünstig. Aber nachfolgende, durch das Wolff’sche Telegraphenbureau verbreitete Mitteilung, welche offenbar auf Dr. Mackenzie selbst zurückzuführen ist, läßt kaum noch einen Zweifel bestehen, daß die tückische Krankheit, mit welcher der edle Herrscher nunmehr seit Jahresfrist zu kämpfen hat, in einen noch gefahrvolleren Abschnitt getreten ist.. Fortan müssen dem kaiserlichen Dulder die Speisen, ebenso wie bisher schon die Luft, auf künstlichem Wege zugeführt werden. Die erwähnte Mitteilung lautet wie folgt:

„Da bei der augenblicklichen Lage Sr. Majestät die Einführung einer Ernährungssonde mit einiger Gefahr verbunden ist, so hat Sir Morell Mackenzie seine Zustimmung zur Anwendung dieses Instrumentes erst gegeben, als von allen Aerzten einstimmig zugegeben war, daß die Methode notwendig wäre, um das Leben zu verlängern, da Patienten öfters noch einige Monate und selbst länger gelebt haben, wenn die Ernährung durch eine Sonde erfolgte. — Bereits am Sonnabend Morgen hat Sir Morell Mackenzie eine Tamponkanüle eingesetzt, da sich eine Verbindung zwischen Kehlkopf und Speiseröhre gebildet hatte. Die Ernährung Sr. Majestät erfolgt durch Sir Morell Mackenzie mehmals im Laufe des Tages und zwar mit konzentrirter Milch, Sahne, Whiskey etc.“

Am Dienstag Nachmittag besserte sich, wie wir in einem Teil unserer Leser bereits mitteilten, der Zustand des Kaisers, nachdem derselbe am Morgen recht bedenklich erschienen war. Speisen wurden in genügender Menge durch eine Magenpumpe oder Schlundsonde durch Mackenzie eingeführt. Der Kaiser fühlte sich dadurch etwas gestärkt, auch hatte derselbe am Nachmittag zwei Stunden geschlafen. Von 6 ½ bis 7 ½ Uhr abends brachte der Kaiser auf der Terrasse zu. Die geplante Ausfahrt unterblieb indessen. Die Professoren Bardeleben, Leyden und Krause trafen nach 10 Uhr nochmals in Schloß Friedrichskron ein, nachdem sie von der Abendkonsultation schon nach Berlin zurückgekehrt waren. Leyden und Krause kehrten gegen Mitternacht nach Berlin zurück, während Prof. Bardeleben in Friedrichskron zurückblieb. Die Nachricht des Wolffschen Bureaus, daß die Professoren Krause . und Leyden am Dienstag noch nach 10 Uhr abends abermals zum Kaiser berufen worden seien, wird anderweitig dementirt. Nur Prof. Bardeleben sei telegraphisch berufen worden.

Das Fieber war am Dienstag Abend nur wenig über 38° gestiegen, während nach der „Nationalzeitung“ das Fieber am Montag Abend die Temperatur von 39° erreichte.

In der Nacht zum Mittwoch verblieb auch die Kaiserin im Krankenzimmer. Um 11 Uhr erschien die Kronprinzessin im Schloß Friedrichskron, um sich nach dem Befinden des Kaisers zu erkundigen. Während das nachfolgende amtliche Bulletin von einer guten Nachtruhe spricht, berichten einige Berliner Blätter, daß die erste Hälfte der verwichenen Nacht ungünstig gewesen sei.

Das amtliche Bulletin lautet:

Mittwoch, morgens 11 Uhr: Bei Sr. Majestät dem Kaiser und König ist noch einer guten Nachtruhe das Atmen leicht und ruhig. Die Ernährung geht leichter von Statten und der Kräftezustand ist besser.

Morell Mackenzie. v. Wegner. Krause. Hovell. Leyden. Bardeleben. Senator. 

Auch von anderer Seite wird uns mitgeteilt: Die Nacht war ziemlich gut und das Fieber gering. Dem Kaiser geht es wesentlich besser, sodaß eine Abendkonsultation der Aerzte nicht für erforderlich angesehen wurde.

Der Kaiser richtete sich, als die Aerzte zur Konsultation in sein Schlafzimmer traten, selbst in seinem Bett auf. Es wurde ihm wieder etwa 1 Liter Milch, mit Whisky vermischt, eingeführt. Die Nahrung wurde gut vertragen. Gegen 11 Uhr verließ der Kaiser das Bett und verweilte von 11 ½ Uhr ab einige Zeit auf der Terrasse, arbeitete auch dort mit dem Chef des Civilkabinets. Um 12 ¼ Uhr fand der Empfang des Königs von Schweden statt, welcher sich etwa 20 Minuten im Schloß aufhielt. Um 2 Uhr 48 Minuten traf Fürst Bismarck zum Vortrag in Friedrichskron ein.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck verließ um 4 ¾ Uhr Schloß Friedrichskron und fuhr zu Wagen nach Potsdam und von dort mit der Eisenbahn nach Berlin.

Die „Post“ spricht die Hoffnung aus, daß in wenigen Tagen das Niveau des Zustandes der Charlottenburger Zeit wieder erreicht werden würde.

Ueber die Art der künstlichen Ernährung weiß die „Nationalzeitung“ folgendes zu berichten: „Es wurde am Dienstag Abend mittels eines durch den Mund eingeführten weichen Gummirohrs dem Kaiser eine ziemliche Menge Milch in den Magen eingeführt. Der zur Anwendung gelangte Apparat ist keineswegs eine Magenpumpe oder Schlundsonde, sondern nur ein kurzes Rohr, das über die erkrankte Stelle der Speiseröhre hinwegreicht, um diese, sowie den Kehlkopf von der Mitbewegung beim Schluckakte auszuschließen und in Ruhe zu lassen.“ Die Ernährung des Kaisers geschieht durch Milch, Bouillon, Whisky u. s. w.

Während der Kaiser mit der tückischen Krankheit einen schweren Kampf zu kämpfen hat, trägt sich, wie die „Post“ schreibt, „sein ungebeugter Geist mit weitgehenden Plänen zu seines Volkes Wohl. Seine Arbeitskraft und -Lust trotzt allen Angriffen der Krankheit.“

Der König von Schweden ist um 12 ¼ Uhr von dem Kaiser und der Kaiserin in Friedrichskron empfangen worden und fuhr alsdann zu den kronprinzlichen Herrschaften nach dem Marmorpalais. Dort fand um 1 Uhr Familien-Dejeuner und Marschalltafel statt, an welchem der König von Schweden, die Großherzogin von Sachsen, die Erbprinzessin von Meiningen und deren Gefolge, sowie der Herzog und die Herzogin Johann Albrecht von Mecklenburg theilnahmen. Von hier begab sich der König von Schweden mit dem Dampfer „Alexandra“ nach Wannsee und von dort per Extrazug nach Berlin zurück.

Ueber den Empfang des Königs von Schweden durch den Kaiser in Friedrichskron wird der „Post“ folgendes nähere berichtet: Der Kaiser trug Uniform. Der König war mit dem schwedischen Gesandten auf der großen Avenue an der Gartenseite vorgefahren. Im Muschelsaal erwarteten ihn Fürst Radolin, Graf Lyncker, Graf Seckendorff, Generaladjutant v. Winterfeld, Flügeladjutant Major v. Lippe. Mit dem König erschienen schwedische Herren. Im blauen Salon Friedrichs des Großen harrte Ihre Majestät die Kaiserin mit den Prinzessinnen. Der Begrüßung folgte längere Konversation von 15 Minuten, dann der Besuch bei dem Kaiser.

König Oskar ll. von Schweden traf Dienstag Abend 10 Uhr 40 Minuten aus dem Bahnhofe Friedrichstraße auö England hier ein. Jeder amtliche Empfang war abgelehnt. Zur Begrüßung waren der Kronprinz und der Erbprinz von Sachsen-Meiningen, sowie der schwedische Gesandte und die Mitglieder der Gesandtschaft auf dem Bahnhofe anwesend. Der Salonwagen war dem Zuge angehängt; der König, welcher in Reisekleidung und einem niedrigen Filzhut erschien, trat heraus und umarmte und küßte den Kronprinzen, der über der großen Generals-Uniform das Band des Seraphinen-Ordens trug. Auf dem Perron hatten sich zahlreiche Schweden und Norweger eingefunden, die ihren Monarchen mit freudigem Zurufe begrüßten. Der König und der Kronprinz verabschiedeten sich von einander, der letztere kehrte nach Potsdam zurück, während König Oskar nach der Wohnung seines Gesandten, Bellevuestraße 8, fuhr, um dort sein Absteigequartier zu nehmen. Am Mittwoch Vormittag gegen 11 Ahr machte der König eine kurze Ausfahrt, auf welcher er der Prinzessin Friedrich Karl einen Besuch abstattete. Um 11 1/2 Uhr begab sich der König nach Potsdam.

Generaladjutant von Mischke, auf welchen der Kaiser persönlich bekanntlich große Stücke hält, hat auf des Kaisers Wunsch Wohnung im Schloß Friedrichtzkron genommen.

Der Prinz von Wales hat am Dienstag in Folge der Nachrichten über das Befinden des Kaisers Friedrich die Prozession anläßlich des Rennens in Ascot abbestellt.

In Washington versicherte Präsident Cleveland dem deutschen Gesandten Grafen Arco-Valley die tiefe Teilnahme Amerikas für Kaiser Friedrich.

 

Siehe auch unsere Berichterstattung zu den letzten Tagen des Kaisers Friedrich:

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