Vom Krankenlager des Kaisers Friedrich – Freisinnige Zeitung, 15. Juni 1888

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Schon hatte sich die schlimmste Besorgnis um das teure Leben unseres vielgeliebten Kaisers angesichts der übereinstimmend günstigeren Nachrichten von Mittwoch Abend gemindert. Sämtliche Berliner Morgenblätter brachten im Gegensatz zum vorhergehenden Tage am Donnerstag Morgen beruhigendere Nachrichten. Da schreckte das um 11 Uhr vormittags in Berlin bekannt werdende ärztliche Bulletin alle Gemüter auf. Der letzte Schimmer von Hoffnung schien nunmehr zu verblassen. Extrablätter trugen die betrübende Botschaft, daß Kaiser Friedrich mit ermattender Kraft um das Leben ringt, von Straße zu Straße. Den Gedanken, daß ein Leben, auf das das Volk so viel Hoffnungen gebaut, im Erlöschen begriffen sei, wollten die Gemüter nicht fassen, so oft auch schon frühere ungünstige Nachrichten darauf vorbereitet hatten.

Nur leise regte sich die Hoffnung wieder, als mittags durch das Wolffsche Telegraphenbureau bekannt wurde, zuerst, daß es ein klein wenig besser gehe, und einige Stunden darauf, daß die Besserung anhalte.

Während die offiziösen Mittheilungen über die Ursache der plötzlichen schlimmen Wendung keine Andeutung enthielten, ergab sich nunmehr, daß die Lunge in Mitleidenschaft gezogen und ein hoher Fiebergrad zunehmende Entkräftung hervorruft. Wie oft war im Februar und im April eine solche Wendung befürchtet worden, aber immer hatte sich damals die Befürchtung Gottlob nicht bestätigt.

Nach dem Erscheinen der Abendblätter erhielten wir ein Privattelegramm aus Wildpark, wonach der Kaiser am Nachmittag wieder Nahrung zu sich genommen hat und das Befinden sich im Vergleich mit Donnerstag Morgen gebessert hat. (Siehe unten.)

Ueber Mittwoch war noch berichtet worden, daß der Kaiser seine anfängliche Abneigung gegen die Ernährung durch die Sonde vollständig überwunden habe; auch habe der Kaiser festere Speisen, zerkleinertes Fleisch, Geflügel, ohne Sonde zu sich genommen. Unrichtig ist die Nachricht, daß der Kaiser den König von Schweden auf der Terrasse vor dem Schloß empfangen hat. Zur Abendkonsultation trafen Prof. Leyden, Krause und Prof. Bardeleben ein. Prof. Bardeleben blieb im Schlosse. Auch war dort eine barmherzige Schwester zur Pflege des Kaisers eingetroffen. Von Mittwoch Abend war noch gemeldet worden, daß Fieber, welches am Dienstag aufgetreten, sei durch eine Ansammlung von Eiter verursacht. Nach Entleerung desselben fühlte sich der Kaiser wohler und war das Fieber schwächer.

Mitteilungen von Wolff’s Telegraphenbureau.

Das Donnerstag Vormittag 10 Uhr ausgegebene amtliche Bülletin lautet:

Der Zustand Sr. Majestät des Kaisers und Königs hat sich seit dem gestrigen Abend wesentlich verschlimmert. Die Kräfte sind im Sinken.

Morrell Mackenzie. v. Wegner. Krause. Hovell. Leyden. Senator. Bardeleben.

Potsdam. Donnerstag Vormittag 11 ½ Uhr: Der Kronprinz und die Kronprinzessin sind augenblicklich in Schloß Friedrichskron. Ihre Majestät die Kaiserin weilt seit 4 Uhr morgens am Bette Ihres Kaiserlichen Gemahls, dessen Befinden seit 10 ½ Uhr vormittags ein klein wenig besser ist. Prinz Heinrich ist von Erdmannsdorf hier eingetroffen und im Stadtschlosse abgestiegen. Die Erbprinzessin von Meiningen wird in Schloß Friedrichskron erwartet. Der Justizminister v. Friedberg ist soeben dort eingetroffen.

Potsdam. Nachmittag 2 Uhr. Die seit vormittags eingetretene Besserung in dem Befinden Sr. Majestät des Kaisers hält an. Der Erbprinz von Meiningen, der Reichskanzler, der russische Botschafter sind im Schloß Friedrichskron eingetroffen.

Privattelegramm der „Freisinnigen Zeitung“.

Wildpark, abends 5 Uhr 25 Min.

Der Kaiser hat am Nachmittag wieder Nahrung zu sich genommen. In Folge davon war das Befinden auch besser, als bei der Morgenkonsultation. Fieber gering. Der Kronprinz, die Kronprinzessin, der Prinz und Prinzessin von Meiningen verweilten um 5 Uhr noch im Schlosse. – Prinz Heinrich trifft erst heute Abend im Schlosse ein. – Fürst Bismarck und Minister v. Friedberg verließen gegen 4 Uhr, der Kriegsminister gegen 5 Uhr das Schloß.

Die Kaiserin Viktoria weilte seit Donnerstag 4 Uhr morgens am Krankenbett. In den Nebengemächern hielten sich die Kinder und Anverwandte auf. Die Kaiserin, eine Heldin und Dulderin, wich keinen Augenblick von der Seite ihres Gemahls.

Die Kaiserin Augusta, sowie die Mitglieder der königlichen Familien, welche sich gegenwärtig von Berlin abwesend und auf Reisen befinden, sind nach dem Hofbericht am Donnerstag Vormittag telegraphisch von dem Befinden des Monarchen in Kenntnis gesetzt worden. Am Mittag sind auch die übrigen vorstehend nicht aufgeführten Mitglieder der königlichen Familie, welche in Berlin weilten, auf Schloß Friedrichskron erschienen.

[Kaiser Friedrich verstarb am 15. Juni 1888 um 11:12 vormittags im Kreise seiner Familie. Er wurde 56 Jahre 7 Monate und 28 Tage alt und war für 99 Tage deutscher Kaiser.]

Siehe auch unsere Berichterstattung zu den letzten Tagen des Kaisers Friedrich:

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