Kaiser Friedrich † – Freisinnige Zeitung, 16. Juni 1888

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„Unser Fritz“ .. als seiner wir bedurften, als des verwaisten Volkes vieltausendstimmiger Sehnsuchtsschrei ihn herbeigerufen, den Sohn und Erben des ersten Deutschen Kaisers, hatte er sich aufgerafft, treu dem Zuge seines Herzens und gehorsam dem Gebote der Pflicht, aufgerafft von dem Schmerzenslager, der todeswunde Held, der in des Südens ewigem Lenz Schutz und Rettung gesucht vor dem tückischen Feind. Fort stürmte er über verschneite Alpenpässe mit athemloser Hast, bis er in kalter Winternacht die Heimat endlich wieder sah, nach langer und in schwerer Zeit. Aber heiß umflutete ihn der Liebe entfesselter Strom, wie einen Gottgesandten und Wiedergeborenen begrüßte ihn sein Volk voll heiliger Andacht und mit überquellender Dankbarkeit. Je zaghafter die Hoffnung gewesen, um so überwältigender war die Erfüllung: ein Wunder durch des Himmels Gnade schien geschehen. Und als das Volk zum ersten Male den neuen Kaiser in seiner Mitte sah, mit jauchzendem Gruß ihn umdrängte, seinen Weg auf jedem Schritte hemmend, sich nicht sättigen konnte an dem so lang entbehrten und so heiß ersehnten Anblick und sich nicht zu fassen vermochte vor Entzücken und Seligkeit, da schien alles Leid vom Volk und Vaterland genommen. Verheißungsvoll erklangen die Ostergloeken und verkündeten die frohe Botschaft der Gnade, und alles segnete den milden Herrscher, der mit des Fürsten schönstem Vorrecht seine Herrschaft begonnen. Ein himmlischer Friede schien die Engelsschwingen auszubreiten über der ganzen Welt, allerorten ward Deutschlands neuer Kaiser wie ein Freund und Mittler begrüßt und willkommen geheißen. Der Sohn hatte des Vaters Erbschaft angetreten.

Ein solcher Vater und ein solcher Sohn! Mit welch freudigem Stolze hatten bei diesem Anblick unsere Herzen immer geschlagen. Wie dankbar waren wir, daß der Vater sein herrliches Leben voll und ganz, fast über die Grenze der Natur hinaus, ausleben durfte, und uns vergönnt war, ohne Sorge dem Ende entgegen zu sehen: unser Trost und unsere Hoffnung blieb der Sohn. Und so fest und innig war seines Volkes Hoffnung mit ihm verwachsen, daß über dem, was noch von ihm erwartet wurde, alles fast vergessen schien, was er schon vollbracht. Wenn sein Volk mit liebevoller Bewunderung an ihm empor blickte und sich aufrichtete, sah es mehr noch das Bild des zukünftigen Mannes, als das des gegemwärtigen, so edel und erhaben auch dieses schon war. Niemals noch sind auf den Erben eines Thrones größere und gerechtere Hoffnungen gesetzt worden, und keiner auch hat sich umfassender und gewissenhafter auf seine Sendung vorbereitet. „Unser Fritz“ sagte das Volk, stolz und zärtlich, im glücklichen Bewußtsein dieses sicheren Besitzes. Ein Held war „unser Fritz“: der auf blutigen Schlachtfeldern Gefahr und Not mit den Seinen geteilt und inmitten aller Schrecknisse auch für den Geringsten ein ermutigendes Wort und ein freundliches Lächeln fand. Ein sieggekrönter, lorbeergeschmückter Held war „unser Fritz“, dessen Stimme im Rat der erprobtesten Feldherren Gehör und Gewicht hatte. Und doch hielt er diesen Preis nicht für den höchsten. Höher noch schaute er die Werte des Friedens; den Ruhm des Gelehrten, des Künstlers Meisterschaft bewunderte er aufrichtig und förderte er mit seinem Verständnis. Nichts Menschliches auch war ihm fremd, am wenigsten aber die Menschlichkeit sebst, die kleinsten Dinge erschienen ihm wichtig, wenn sie das allgemeine Wohl befördertem, und für alles Leid. schlug sein mitfühlendes und hilfsbereites Herz. Und fröhlich nun es auch, dieses warme Herz, und empfänglich für harmlose und gemütliche Heiterkeit. Wie liebenswürdig und bescheiden aber war „unser Fritz“, wie zurückhaltend in seiner schwierigen Stellung, deren Pflichten er auf das stengste erfüllte, ohne jemals Rechte für sich in Anspruch zu nehmen. Er diente, wann und wo es verlangt ward, und schien keinen Augenblick daran zu denken, daß er einst zu herrschen berufen sei. Das Volk aber fühlte und wußte doch, was es von ihm zu halten hatte, und jede Beschwerde erhoffte Abhilfe von „unserem Fritz“, der ein Sohn dieser Zeit, für ihre Forderungen und Bedürfnisse Ohr und Auge besaß.

Berufen war der Sohn, des ruhebedürftigen Vaters Werk zu vollenden und zu verklären in der Fülle männlicher Kraft. Aber, ach! Diese Kraft war geknickt lange vor der Zeit, und des Toten gebrochenes Auge schien mit dem letzten Schmerz nach einem Sterbenden noch ausgeblickt zu haben. Und schmerzvoll sah auch des Volkes Blick dem Kommenden entgegen. Aber freudestrahlend hob er sich, als die herrliche Gestalt des ritterlichen Helden unter den Seinen, aufrecht und ungebeugt, um Hauptes Länge wieder emporragte; neue Kraft und frischen Lebensmut gewann sie in der heimatlichen Luft. Zum Guten schien alles sich zu wenden. Nicht umsonst hatte das Volk gehofft und geharrt. War auch des Kaisers Mund zum Schweigen verurteilt, es vernahm seine Stimme doch voll und bestimmt, und seines Herzens innigster Schlag war aus jedem seiner Worte hörbar. Kaiser Friedrich löste ein, was „unser Fritz“ versprochen. Aber er auch wollte seines Volkes Stimme hören, furchtlos und ohne Scheu sollte es zu ihm sprechen, sonder Rückhalt und voll Vertrauen. Mit mannhaftem Entschlusse löste er selbst die Ketten und Riegel, die seines Volkes Stimme bisher verschlossen gehalten. Es war sein letzter Wunsch, und er sollte unerfüllt bleiben, nie wird er mehr seines Volkes Stimme hören, dem er seinen letzten Willen als ein heiliges Vermächtnis hinterlassen. Es war ein schöner Traum, zu schön zum Wahren. Umsonst der liebenden Gemahlin hingebende Aufopferung, vergeblich die Anstrengungen der erfindungsreichen Wissenschaft, ohnmächtig des Volkes heiße Gebete, das Verhängnis blieb unabwendbar, und zwischen zwei Särgen trauert, niedergeschmettert von des Schicksals Wucht, jammernd und klagend, das deutsche Volk. Der eine birgt seinen Stolz und Ruhm, der andere umschließt seine schönsten und teuersten Hoffnungen. Eisiger Wintersturm umbrauste mit schauerlichem Grabgesang den ersten, auf den zweiten strahlt des Sommers volle Pracht den Abschiedsgruß hernieder. Kaiser Friedrich ist von uns geschieden, wie jene sagenhaften Helden, die nur vorübergezogen, um eine lichte Spur zurück zu lassen. Unauslöschlich wird er fortleben in seines Volkes und der ganzen Welt Gedächtnis als das Bild des deutschen Frühlings. Für alle Zeiten steht neben dem ehrwürdigen greisen Vater die leuchtende jugendliche Gestalt des Sohnes, neben dem Begründer des Reiches der Held seiner Zukunft. In dem Banner, das er seinem Volke vorantrug, rauschte Deutschlands Morgenluft. Ach, daß dem Kaiser Friedrich versagt war, alle Hoffnungen, die auf „unsern Fritz“ gesetzt wurden, zur Wahrheit zu machen! Wie kurze Zeit er die Krone getragen, ihre Bitternisse sind ihm nicht erspart geblieben, und ob felsenfest auch seines Volkes treue Liebe, der trüben Stunden manche würden noch gefolgt sein und harte Kämpfe ihn erwartet haben. Dem allen war seine Kraft nicht mehr gewachsen, er konnte uns nicht mehr führen, nur den Weg hat er mit heldenmütiger Pflichttreue uns noch gezeigt. Und diesen Weg werden wir gehen in seinem Gedächtnis und ihm zu Ehren, nicht mehr unter ihm, aber mit ihm wollen wir durch eigene Kraft erringen, was er uns zu gewähren nicht vermochte. Und er soll unserer Zukunft Bild und Banner bleiben:

Kaiser Friedrich ist gestorben, um ewig als „unser Fritz“ fortzuleben!

 

Siehe auch unsere Berichterstattung zu den letzten Tagen des Kaisers Friedrich:

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