Der Staat liebt Dich

Dieser Artikel wurde 1750 mal gelesen.

von Henning Helmhusen

Wenn ich mich mit Moses, Mohammed oder Buddha vergleiche, dann kann ich mich wirklich nicht beklagen. Weder musste ich auf einen Berg steigen noch in einer Höhle schlafen oder gar unter einem Baum meditieren. Bei mir klingelte bloß eines Tages der Postbote und sagte, er habe eine größere Lieferung. 

„Größere Lieferung“ war eine milde Untertreibung. Denn als er fertig war, stand meine Wohnung so mit Paketen voll, dass ich mich kaum bewegen konnte. Noch verblüffter war ich, als ich mir den Inhalt anschaute: Bände mit Gesetzestexten, Bände mit Kommentaren, Bände mit Verordnungen. Nur langsam dämmerte mir, dass sich mir an diesem Tag das Höchste Wesen offenbart hatte. 

Jeder, der schon einmal in die Verlegenheit gekommen ist, Stifter einer neuen Glaubensgemeinschaft zu werden, wird mir bestätigen, dass dies eine nicht unbeträchtliche Umstellung bedeutet. Also fragte ich zur Sicherheit beim Ordnungsamt nach, was als nächstes zu tun sei. 

Die Antwort des Beamten war nicht sehr hilfreich: „Staatsgläubigkeit ist keine Religion, wenigstens keine staatlich anerkannte!“ 

„Doch“, und ich war selbst erstaunt, wie auf einmal eine übersinnliche Kraft durch mich zu sprechen begann: „doch, der Staat ist allwissend, er ist allmächtig und er ist allgütig.“ Und ich fuhr unverzüglich mit dem Schöpfungsmythos fort: „Zu Anfang war die Erde wüst und leer. Aber dann machte der Staat den Menschen. Und am siebten Tag schuf er den Ladenschluss. Und er fand, dass es gut sei —“ 

Der Beamte unterbrach mich: „Spinner wie Sie haben wir gerne. Sie wissen, was wir letztens mit Jesus gemacht haben?“ 

Ich zuckte zusammen. Dass die Sache auch ein böses Ende nehmen könnte, daran hatte ich bis dahin überhaupt nicht gedacht. 

In den nächsten Tagen wiegte ich mich zuerst noch in Sicherheit, als meine neuen Schäflein begierig zuhörten, wie ich von dem bald nahenden Himmelreich schwärmte, dass Politiker über Wasser gehen könnten und aus den Wasserkränen Wein strömen würde. 

Aber als ich dann darauf pochte, dem Staat zu geben, was des Staates sei, nämlich alles, da zürnten sie. Nicht einmal die Drohung mit dem jüngsten Gericht mit Barbara Salesch oder einer Fatwa des Bundespräsidenten konnte sie besänftigen. Wo ich hinsah: Steuersünder, Neoliberale, Staatslästerer und Anarchisten. 

Und sie alle trampelten auf meine religiösen Gefühle und schrien: „Kreuzigt ihn!“ 

„Staat, warum hast Du mich verlassen?“ entfuhr es mir da. 

Denn mein Schicksal als Märtyrer schien ab da besiegelt. Doch wie jede solch absurde Geschichte zu enden pflegt, wachte ich plötzlich schweißgebadet auf, und alles war bloß ein Traum.

Dieser Beitrag wurde unter Etatismus, Henning Helmhusen, Religion, Satire veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar