Jammerstrophen

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von Alexander Moszkowski, 1922

Wenn ick schon höre: Reichs-Etat,
O Gottogott, wie wird mir da!
Wie wird mir im Jemiete mieß!
Uf alle Fälle kostet’s Kies.
So is et heut, so bleibt in spe
Det A-B-C der Reichs-Idee,
O jemine, o jemine,
Es bleibt nischt drin im Portemannaie!

*

Wenn ick schon höre: Telephon,
O Gottogott, wie wird mir schon!
Bin falsch verbunden jedesmal,
Und zahl’ Gott weiß was pro Quartal,
Und morgen häng’ ich (wetten druff?) —
Mich an der Quasselstrippe uff!

*

Wenn ick schon hör’: der Lenz is nah,
O Gottogott, wie wird mir da!
Een Minimum am Skagerak,
Un finster is am hellen Tag,
Und Abendfrost wie in Davos,
Und Schnee wie bei de Eskimos,
Und lauter Dreck und ja keen Jrien,
Der janze Mensch — een Aspirin!

*

Wenn ick schon höre: Sonntagsruh‘
Halt ick mir beede Ohren zu.
De Wagen alle proppenvoll,
Und Keener weeß, wohin er soll,
Und nischt zu koofen in der Stadt,
Wenn man’s ooch noch so neetig hat,
Und keene Post und keen Barbier,
Und schlechtes Bier und keen Pläsier,
Und keener weeß, wat machste nu?
Und ieberhaupt de Sonntagsruh!

*

Wenn ick schon höre: Komitee!
Tut mir’s in de Kaldaunen weh.
Se sitzen mit verstörtem Sinn,
Und keenem fällt wat rechtes in,
Se sitzen da wie Stücke Holz
Und jeder denkt, der andre soll’s,
Und wenn se jar nischt rausjebracht,
Davon wird dann een Fest jemacht.

*

Wenn ick schon höre: Jubilar!
Dann wird mir koddrig janz und jar.
Da quasseln welche fürchterlich
Und machen jenem mieß vor sich,
Und sabbern ihn uf det Jedeck,
Und fressen ihm det beste weg,
Und erst, wenn alle wieder raus,
Dann bricht der Mann in Jubel aus!

*

Wenn ick schon höre: Aus Prinzip!
Wer mir det sagt, den hab ick lieb.
Er soll mal helfen, aber schnell,
Det tut er niemals, prinzipiell;
Ick will wat pumpen, janz intim,
Er pumpt nischt, is Prinzip bei ihm.
Triffst du den Kerl, tu mir’s zulieb,
Hack ihm ’ne Watsche — aus Prinzip!

*

Wenn ick schon höre: Nobelpreis,
Da überlooft’s mir kalt und heiß.
Se sitzen in dem Jury-Haus
Und knobeln eenen Menschen raus,
Und können keenen findien
Als bloß in Hinter-Indien;
Und knobeln hin und knobeln her
Wo uf der Welt een Dichter wär’,
Nach dem noch nie een Hahn jekräht,
Und der nich mal im Brockhaus steht,
Von dem keen Mensch ’ne Zeile weiß, —
Daher der Name: Knobelpreis!

*

Wenn ick schon wat von „Klima“ hör’,
Denn schüttelt et mir kreuz und quer.
Ja, wissen Se, ick kam dahinter,
Det is beim Klima Sinn und Zweck:
Wir haben kalten Dreck im Winter,
Und dann im Sommer: Warmen Dreck!

*

Wenn ick schon höre: Opern·Star,
Da sträubt sich mir mein Lockenhaar.
Er singt, da wollen Se nu rin,
Nu dalli an die Kasse hin,
Sie stellen sich schon abends uf,
Und rechts Gepuff und links Geknuff,
Und wenn sie sich bis früh jerauft,
Denn heeßt’s: ’s is allens ausverkauft.
Nu könn’ Se draußen bis um zehn
Wie de lackierten Affen stehn,
Der Star singt drin im Opernhaus,
Nu machen Sie sich ’n Schabbes draus.

*

Wenn ick schon höre: Wintersport,
Dann schüttelt et mir immerfort.
Wennste im Bob Rekorde fährst,
Denn numerier de Jlieder erst,
Weil de, wenn de den Preis jewinnst,
De Knochen sonst nich wiederfindst;
De Arme kommen vorjebobst,
De Beene kommen nachjehopst,
Du fliegst im Nu den Bergabhang
Un liejst in Jips sechs Wochen lang.

*

Wenn ick schon höre: Landpartie!
Krieg ick jleich de Melancholie.
Von früh um acht bis Nacht o’clock
Wird jeder Mensch zum Schauerbock;
De Beene in den Leib jerennt,
De Alte zankt, der Junge flennt,
Und Mückenstiche uff’n Deez,
Und eener überjibt sich stets:
Und abend weeß keen Mensch jewiß,
Weshalb er dajewesen is!

*

Wenn ick schon wat von „Zuschlag“ hör,
Denn pieps’ ick nach ’n Trostlikör.
Erst zahlt man, wat zu zahlen is,
Dann kömmt ’n Zuschlag ganz jewiß,
Und hat sich beides aufgesummt,
Denn wird ’n Zuschlag uffjebrummt.
Von diesen Zuschlag, hast’ kapiert?
Wird dir ’n Zuschlag zuaddiert.
So jeht et weiter immerzu
Und immer weiter ruff, bis du
Meschugge wirst am hellen Tag
Vor lauter Zu-Zu-Zu-Zuschlag;
Dir trifft der Schlag, dann fällste hin,
Und da is ooch noch Zu-Schlag drin!

*

Wenn ick schon höre: Sezession,
O Gottogott, wie wird mir schon!
Ick hielt ’nen Knüppel in die Höh’,
Den nahm mir ab der Garderobier,
Der Mann hat mir sofort durchschaut:
Der kritisiert nich, nee, — der haut!

*

Wenn ick schon höre: „Inflation“,
Krieg’ ick’s mit de Krepanze schon.
Wenn ick nischt mehr erschwingen kann:
De Inflation is schuld daran,
Wenn ick nach Bier verjebens schmacht:
Det hat die Inflation jemacht,
Jeht mir der letzte Schuh entzwei,
Da is de Inflation dabei,
Schmeißt mir der Mietwirt aus’m Haus,
Wirft mir de Inflation hinaus,
Und wenn mir’s an de Gurgel worgt,
Det hat de Inflation besorgt.
Wozu det Fremdwort? frage ick,
Wat tut ihr mit Latein euch dick,
Wo man doch hier an dessenstatt
Det jute Deutschwort „pleite“ hat!

*

Wenn ick schon hör’: Nackttänzerin!
Da reiß ick aus und mach mir dünn;
Denn erstens nämlich schäm ick mich,
Und zweetens tanzen kann se nich,
Und drittens tut’s dem Anstand weh,
Und viertens kostet et Entree,
Und fünftens find’ ick’s abjeschmackt,
Und sechstens is se jar nich nackt!

*

Wenn ick schon höre: Bräutigam!
Da wird mir innerlich janz klamm.
Sie hat noch Neigung allenfalls,
Ihm wächst se heut schon aus ’m Hals;
Er kommt wie so een Opferlamm,
Der sojenannte Bräutigam,
Er fühlt sich, wenn man jratuliert,
Verhohnepiept und anjeschmiert,
Und denkt sich bei dem Hochzeitsschmaus:
O Jotte, wär ick da bloß raus!

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