Die Türkei auf der Anklagebank

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aus den Berliner Wespen, 18. August 1876

(Originalbericht der Berliner Wespen)

Heute stand vor dem Forum der civilisirten Welt Audienztermin in Sachen gegen die Türkei an.

Dieselbe ist angeklagt, Grausamkeiten aller Art in Bulgarien gegen ihre eigenen Landeskinder verübt zu haben.

Bis zum Eintritt des Gerichtshofes, der unter dem Vorsitz des Geistes der Neuzeit aus der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit, dem Gesetz und dem Fortschritt gebildet ist, herrscht im Publikum eine große Aufregung. Man bemerkt in demselben sämmtliche Culturstaaten und viele Förderer der Civilisation, neben ihnen die berühmtesten und reichsten Kanonengießer und Flintenfabrikanten. Die Presse aller Länder hat ihre Berichterstatter geschickt. Man hört über Barbarei und dergleichen unausgesetzt fluchen. Es treffen jeden Augenblick neue Schreckensnachrichten aus Bulgarien ein, und von rechts und links fallen Verdammungsurtheile auf die Angeklagte.

Mit dem Gericht tritt Ruhe ein. Der Vorsitzende befiehlt dem Gerichtsdiener, die Angeklagte hereinzuführen. Dieselbe erscheint. An der Pracht, mit der sie gekleidet ist, merkt man, daß sie schon seit längerer Zeit keine Schulden bezahlt, fortwährend aber neue Loose contrahirt hat. Sie sieht durchaus nicht verzweifelt aus, sondern blickt frechen Auges, als sei nichts vorgefallen, in die Versammlung.

Der Vorsitzende beginnt das Verhör. Die Angeklagte unter Assistenz ihres Vertheidigers, des Militarismus, beantwortet die Generalfragen rasch und bestimmt.

Vorsitzender. Angeklagte, wie alt sind Sie?

Angeklagte. So alt, wie irgend ein anderer Staat.

Vorsitzender. Welcher Religion?

Angeklagte. Ich bekenne mich zu der einzig wahren Religion, zum Islam. (Gelächter im Zuschauerraum.)

Vorsitzender. Sind Sie schon bestraft?

Angeklagte. Ja, ich wurde von Abdul Aziz regiert.

Der Gesandtschaftssecretair Baring als öffentlicher Ankläger verliest nun seinen amtlichen Bericht aus Philippopel an den Botschafter Elliot. Aus diesem Document geht zur Evidenz hervor, daß die Türkei nach  ihrem Erscheinen in Bulgarien Scheußlichkeiten aller Art begangen, gemordet, verbrannt und geplündert hat.

Das Auditorium begleitet die Verlesung dieser Anklage mit Ausrufen der furchtbarsten Entrüstung und schreit so laut nach Intervention, daß das Gericht nur mit großer Mühe die Ordnung aufrecht zu erhalten vermag. Die Angeklagte bleibt währenddeß völlig ruhig, sie lächelt nur dann und wann in’s Fäustchen und putzt ihren Halbmond von Flecken rein.

Vorsitzender. Türkei, bekennen Sie sich schuldig?

Angeklagte. Nein.

Vorsitzender. Was haben Sie zu Ihrer Vertheidigung anzuführen?

Angeklagte. Ich habe, hoher Gerichtshof, gethan, was alle europäischen Staaten zu thun pflegen, und habe unterlassen, was alle europäischen Staaten zu unterlassen pflegen, wenn sie eine Insurrection unterdrücken. In solchen Fällen wenden sie verschiedene Phrasen an, welche alle Ausschreitungen entschuldigen, rechtfertigen, ja sogar zu militärischen Tugenden stempeln, und diese Phrasen lauten: „C’est la guerre“, „A la guerre comme à la guerre“, „Herstellung der Ordnung.“ „Inter arma silent leges.“ „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ „L’ordre moral“, „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“ und so weiter. Solche und ähnliche Redensarten führe auch ich zu meiner Vertheidigung an. Was dem Europa recht, das ist dem Asien billig. Ich gebe zu, daß ich einen Splitter im Auge habe, aber wenn sich der hochverehrte Ankläger gefälligst im Spiegel sehen würde, so zweifele ich nicht, daß er den Balken im eigenen Auge zu bemerken Gelegenheit fände. Ich beantrage, durch Vernehmung der vorgeschlagenen Entlastungszeugen darüber Beweis zu erheben, daß gewohnheitsrechtlich in allen Staaten insurgirende Landeskinder so behandelt zu werden pflegen, wie die Bulgaren, nur daß meine Soldaten weniger disciplinirt sind als die der europäischen Staaten; ferner ersuche ich um kostenlose Freisprechung und Vertuschung der Anklage in sämmtlichen Regierungsorganen.

Der Gerich[t]shof erholt sich nur langsam von dem Eindruck, den die Frechheit der Angeklagten auf ihn macht. Die Vertreter der Civilisation im Zuschauerraum lassen Zeichen des Mißfallens laut werden.

Es werden nun die Belastungszeugen eingeführt: eine entsetzliche Schaar vernichteter Familien, standrechtlich Erschossener, Beraubter und Verarmter, Besitzer verwüsteter Felder und unschuldig eingekerkerter Opfer. Der Geist der Neuzeit verhüllt sich. Die Gerechtigkeit will aus der Haut fahren. Die Cultur schreit zum Himmel. Die Menschlichkeit verzweifelt. Der Fortschritt auf allen Gebieten menschlichen Denkens, Könnens und Wissens fällt in Ohnmacht.

Nun werden die Entlastungszeugen ausgerufen. Es sind dies:

  1. Die Engländer im Pendschab. (Ihr Nichterscheinen wird durch Geschäfte aller Art entschuldigt.)
  2. Die Franzosen in Algier, in Mexiko, in China und in Paris nach der Besiegung der Commüne. (Entschuldigen ihr Fehlen mit den Vorbereitungen zur nächsten Industrieausstellung.)
  3. Die Russen in Polen und im Kaukasus. (Verweigern fortbleibend jede Auskunft.)
  4. Die Oesterreicher in Ungarn und Wien 1848. (Erklären in einer dem Gerichtshof eingehändigten Zuschrift, daß sie nicht erscheinen,. weil sie über die Berichte aus Bulgarien sprachlos geworden seien.)
  5. Die Deutschen in Baden 48 und Dresden 49. (Sind fortgeblieben, weil sie sich der Insurrection nicht gern erinnern, welche zu einer ganz ungelegenen Zeit zur Erlangung eines einigen Deutschlands und Einführung der Reichsverfassung ausgebrochen sei.)

In Folge des Ausbleibens der Entlastungszeugen verlangt der Vertheidiger, der oben erwähnte Militarismus, Vertagung der Verhandlung. Derselbe weist darauf hin, daß selbst im Falle die Anklage Wahres behaupte, es sich doch nur um Bürger handle. Bürger hätten nicht das Recht zu insurgiren und zu kämpfen, — nur dann, wenn der Bürger in veredelter Form als Soldat erscheine, stände ihm das Recht zu, auf Befehl seiner Vorgesetzten Unbilden zurückzuweisen.

Darauf wird die Verhandlung unterbrochen und auf ein späteres besseres Jahrhundert vertagt. Die Angeklagte muß dem Antrage des Vertheidigers gemäß bis auf Weiteres entlassen werden. Sie entfernt sich am Arm ihres alten Verehrers Disraeli, des nunmehrigen Earl von Beaconsfield. Die öffentliche Meinung macht den Versuch, die jedem Recht und Gesetz Hohn sprechende Barbarin zu lynchen, doch gelingt ihr dies nicht, da ihr nur einige Leitartikel und etliche Bierbänke zu Gebote stehen. Sie schreit verzweifelt nach der Gerechtigkeit, welche aber nirgends zu finden ist. Hülferufe aus Bulgarien und den anderen türkischen Provinzen werden von den geheimen Abmachungen der Großmächte übertönt. Das Durcheinander löst sich, während die Türkei entkommt, in eine wüste, grauenvolle und unerträgliche Ordnung auf.

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