Ein kurzes Wort für den Hofprediger Stöcker

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Im Wahlkampf 1881 ist der Führer gegen die Fortschrittspartei der Hofprediger Adolph Stöcker. Schon seit 1879 hat er sich auf die Hetze gegen die Juden verlegt. Wird er dafür kritisiert, so geriert er sich als unverstanden und in Wirklichkeit von christlicher Nächstenliebe und Sanftmut durchdrungen.

In seinen Attacken sucht Stöcker seine Gegner mit Zitaten zu überführen. Allerdings unterlaufen ihm dabei fortlaufend Unwahrheiten. Aus den Reihen der Fortschrittspartei werden ihm diese Punkt für Punkt anhand seiner Rede vom 22. November 1880 im Preußischen Abgeordnetenhaus in der Debatte über die Antisemitenpetition nachgewiesen. Das Ergebnis wird 1880 in der Broschüre Herrn Stöckers Rede (22. November 1880) im Lichte der Wahrheit veröffentlicht.

Als der Hofprediger sich in einer Nachlese der Reichstagswahl 1882 im Reichstag wieder in Unwahrheiten verstrickt, fertigt ihn Eugen Richter mit diesen Worten ab, die große Heiterkeit auslösen:

„Ich muß in der That sagen, diese beiden Stellen bezeichnen das Verfahren des Herrn Stöcker in einer Weise, daß es mir außerhalb des Hauses gar nicht schwer fallen würde, das mit einem kurzen Wort zu bezeichnen. Ich kann mich parlamentarisch nur dahin ausdrücken, daß der Herr Abgeordnete Stöcker noch nicht in ganz wünschenswerther Weise skrupulös bei der Darstellung thatsächlicher Verhältnisse verfahren ist.“

Stöckers verkürzende und entstellende Weise, seine Gegner zu zitieren, persiflieren die „Berliner Wespen“ 1881 in einem Ratgeber „Der klassische Festnagler“. Zugleich gehen sie ein anderes Motiv der antisemitischen Propaganda an. Am 12. November 1881 haben sich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Hauptstadt gegen die antisemitische Bewegung in der „Notabeln-Erklärung“ gewandt. Einer der Kernsätze hierbei ist:

„An dem Vermächtniß Lessings rütteln Männer, die auf der Kanzel und dem Katheder verkünden sollten, daß unsere Kultur die Isolierung desjenigen Stammes überwunden hat, welcher einst der Welt die Verehrung des einigen Gottes gab.“

Für jeden verständlich sind mit „auf Kanzel und Katheder“ die beiden Männer gemeint, die den Antisemitismus 1879 salonfähig gemacht haben: der Hofprediger Stöcker und der Historiker Heinrich von Treitschke. Das sitzt, und so entspinnt sich bald eine Kampagne von Seiten der Antisemiten gegen Gotthold Ephraim Lessing. Dieser sei ein minderwertiger Dichter gewesen im Solde der Juden.

In verschiedenen Artikeln folgern die „Berliner Wespen“, daß bald auch Goethe und Schiller auf der Abschußliste stehen werden. Hierzu geben sie am 22. Juni 1881 eine Hilfestellung, wie die beiden Klassiker im Stile eines ungenannten Hofpredigers durch zusammengehaspelte Zitate entlarvt werden können:

Der klassische Festnagler.

Ein Handbüchlein für Alle, welche es werden wollen.

Die erste Anregung zu diesem bisher auf dem Büchermarkt fehlenden Werkchen fanden wir in den Reden eines Hofpredigers, dessen Namen zu verschweigen wir uns leider verpflichten mußten. Die Kunst des Nichtgenannten besteht darin, daß er aus den schriftlichen oder mündlichen Aeußerungen seiner Gegner, welche er zu discreditiren für nöthig erachtet, diejenigen Stellen, die ihm für seinen Zweck nicht passen, herausreißt und dann durch geschicktes Zusammenschieben oder Umstellen der Sätze das Compromittirende hervorzaubert.

Nun haben Andere dasselbe versucht, aber doch nicht mit dem erwünschten Erfolg. Es fehlte eben der sichere Leitfaden, mit dessen Hülfe der Laie in den Stand gesetzt werden konnte, sich zum Anschwärzer auszubilden. Von solchen strebsamen Dilettanten sind wir eben auf das längstgefühlte Bedürfniß aufmerksam gemacht worden.

So entstand dieses Handbüchlein, aus welchem wir hiermit eine kleine Probe mittheilen wollen. Man wird an dieser die Hofprediger-Methode rasch begreifen und mit Leichtigkeit zur Anwendung bringen. Um z. B. Schiller und Goethe in den Augen einer reactionären Mit- und Nachwelt als „fortschrittliche Republikaner“ zu verdächtigen, eine Confiscation ihrer Werke herbeizuführen etc. etc., sagt man öffentlich:

Meine Herren, ich habe noch gestern in den Gedichten des Schiller geblättert und u. A. eine Stelle gefunden, welche Ihnen die Augen öffnen wird. Es geht daraus hervor, daß Schiller stets ein Feind der Ordnung gewesen ist und heute ohne Zweifel ein Nihilist wie Forckenbeck oder Richter wäre. Hören Sie aus der „Glocke“ nur folgende Stelle, die doch nichts ist, als eine Nihilisten-Proclamation. Sie lautet:

„Ruh’ge Bürger!
Greift zur Wehr’!
Nichts Heiliges ist mehr!
Zur Eigenhülfe schrecklich greift
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Daß sich Herz und Auge weide!“ 

In demselben Liede macht er auch seinem Republikanismus in den direkt gegen den Herrscher gerichteten Versen Luft:

„Er irrt allein,
Der schwarze (!) Fürst,
Liebeleer
Und wie aus offnem Höllenrachen
Brüllend!
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der Mann muß hinaus!“

Weiterhin wirft Schiller dann die Maske vollständig ab, indem er, als Feind alles Bestehenden verrathend, mit dürren Worten sagt:

„Das Auge des Gesetzes wacht,
Da kann sich kein Gebild gestalten.“ 

Dagegen preist er den Aufstand, den Umsturz, die Commune, indem er fortfährt:

„Wenn sich die Völker selbst befrei’n,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Und alle Laster walten frei:
 Da giebt es einen guten Klang!“

Wir wenden uns mit Abscheu von diesem gleich Lessing vielfach überschätzten Herrn nunmehr zu Goethe, der ja gleichfalls in liberalen Kreisen und Fortschritts-Ringen besonders beliebt ist. Meine Herren, ich finde in seinen Schriften die unwiderlegbarsten Beweise dafür, daß ihm fast kein Verbrechen ganz fremd gewesen, und darin allein finde ich die Erklärung für die eben angedeutete Beliebtheit. In seinem nur zu oft gegebenen „Faust“ sagt er z. B. einmal:

„Und eine Magd im Putz, das ist nun mein Geschmack,
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen.
Soll ich mit dir das Zimmer theilen?“

Ich meine, ein halbwegs gesitteter Mensch weiß an Feiertagen was Besseres als den Verkehr unter vier Augen mit einer Magd. Hier finden wir neben dem Gegentheil die Frivolität des offenen Eingestehens, Man könnte Goethe indeß gerade wegen dieser Offenheit die Sittenlosigkeit verzeihen, wenn er nicht auch ein Gotteslästerer wäre. Dies geht daraus hervor, daß er Faust beim Uebersetzen der Bibel sagen läßt:

„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen?“

Ja, Gotteslästerung nenne ich es, wenn der „Gelehrte“ ein Mädchen, ohne Zweifel jene „Magd im Putz“, fragt, ob er es wagen dürfe, in ihrer Gesellschaft die Bibel zu übersetzen!

Daß Goethe auch ein Verächter des Priesterstandes ist, ist wohl selbstverständlich. Einmal sagt er:

„Die Mutter ließ einen Pfaffen kommen,
Der hatte kaum den Spaß vernommen,
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus!“

Woher soll wohl das Volk den Respekt vor seinen Seelenhirten hernehmen, wenn ein Klassiker ihm sagt, daß einer derselben wie ein Nilpferd aussieht?

Ich mache nur noch auf die Rohheit der Gesinnung und des Ausdrucks aufmerksam, die allerdings zum Atheismus gehört. Einmal macht Mephistopheles (ein jüdischer Name wie Feigeles, Pinkeles etc.) Faust Vorwürfe darüber, daß er Gretchen verlassen habe, die doch so verliebt in ihn sei. Da ruft der saubere Doctor:

„Ich bin ihr nah’, und wär’ ich noch so fern,
Das also war des Pudels Kern!“

Er nennt seine holde Geliebte einen Pudel! Meine Herren, ich brauche wohl Nichts hinzuzufügen, ich glaube, die Herren Schiller und Goethe, wie es meine Absicht war, gehörig festgenagelt zu haben.

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