Nachrichten aus Berlin, Juni 1881

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aus der Allgemeinen Zeitung des Judenthums, 21. Juni 1881

Berlin, 6. Juni. Im 6. Berliner Wahlkreise hielt das (fortschrittliche) Mitglied des Reichstages Prof. Dr. Günther aus Nürnberg einen Vortrag über die jetzige politische Lage, in welchem derselbe die „auf die Entflammung des gemeinen Neides spekulirenden Antisemiten“ geißelte. Er sei überzeugt, daß viele der Leute, die sich in die Genossenschaft von Leuten, wie Henrici und Ruppel haben locken lassen, sich bald schämen werden, für eine so schmähliche Agitation Handlangerdienste geleistet zu haben. (Stürmischer Beifall.) Die Fortschrittspartei werde sich sammeln und zeigen, daß es einer Anzahl Ruhestörer nicht gelingen werde, die Prinzipien, die das  freisinnige Bürgerthum seit Jahrzehnten beseelt, plötzlich über Bord zu werfen. (Beifall.)

Berlin, 12. Juni. (Privatmitth.) Zwei Vorgänge ziehen augenblicklich unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich. Der erste ist, das; am 10. d. sich hier ein Comité constituirte, welches einen Aufruf zu Sammlungen zum Besten der nothleidenden Juden in Rußland erlassen hat. Dem Comité gehören u. A. an: der Oberbürgermeister v. Forckenbeck, der Bürgermeister Duncker, der Rector der Universität Professor Hofmann, die Abgg. Dr. Lasker, Loewe (Berlin), Rickert, die Prediger Schmeidler, Lisco, Thomas, Stadtrath Magnus, Geh. Commerzienrath Delbrück, Banquier Julius Bleichroeder etc. Es ist also hervorzuheben, daß dieser Schritt von hochstehenden Mannern aller Confessionen und Stände ausgeht und nicht allein einen Akt der Barmherzigkeit bedeutet, sondern auch einen nachdrücklichen Protest gegen die schmähliche Judenverfolgung in Südrußland. Die vorzüglichsten Männer Deutschlands, besonders Berlins, bekunden hiermit abermals, daß sie den ganzen Antisemitismus verurtheilen.  Das zweite wichtige Moment bildet der aus den Akten wieder hervorgeholte rumänische Haudelzvertrag. Man wird sich erinnern, daß diese Angelegenheit vor drei Jahren im Reichstage berathen wurde und dort Schwierigkeiten begegnete, weil den Juden nicht gleiche Rechte wie den übrigen Kaufleuten zugestanden werden sollten. Man wünschte im Reichstage in dieser Richtung eine unzweideutige Fassung des Vertrages, weil man bei den vorgelegten Bestimmungen die Möglichkeit einer Benachtheiligung deutscher Kaufleute voraussetzen könnte. Trotz lebhafter Befürwortung der unveränderten Annahme des Vertrages durch den damaligen Staatssecretär des Auswärtigen, Staatsminister v. Bülow, wurde der Vertrag an eine Commission verwiesen, von welcher er dann nicht erledigt wurde. In der Sitzung des Bundesraths vom 11. d. legte nun der Reichskanzler diese Handelsconvention vom 14. November 1877 wieder vor und der Bundesrath beschloß, sie dem Reichstage wieder vorzulegen. In der hinzugefügten Denkschrift heißt es zum Schluß: „Was endlich die Berathung der Handelsconvention im Jahre 1878 im Schoße des Reichstages erörterte Frage der Gleichberechtigung der Angehörigen der verschiedenen Glaubensbekenntnisse in Rumänien betrifft, so darf daran erinnert werden, daß diese Frage durch Artikel 44 des Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878 und die im Auschluß hieran vollzogene Aenderung der rumänischen Verfassung ihre Erledigung gefunden hat.“ Wir brauchen kaum hinzuzufügen, daß wir auf diese letzte Berufung kein Gewicht legen können. Rumänien hat sich dem Art. 44 des Berliner Vertrages nicht gefügt, sondern nur die Möglichkeit zugestanden, einzelnen Juden unter schweren Bedingungen mit Zustimmung der beiden Kammern das individuelle Bürgerrecht zu gewähren, und in der Regel verwerfen die beiden Kammern die desfallsigen Gesuche, so daß bis jetzt nur äußerst wenige Personen ausnahmsweise der Bewilligung sich zu erfreuen haben. Es wird also der Wortlaut der Convention genau zu prüfen sein.

Berlin, 14 Juni. Der oben erwähnte“Aufruf“ lautet folgendermaßen:

Aufruf.

Die entsetzlichen Vorgänge im südlichen Rußland haben weithin Trauer und Schrecken hervorgerufen. In großen Städten, wie in Kiew und Jelisawethgrad, in weiten Landstrichen sind die Juden in Pöbelaufständen auf einmal überfallen, viele von ihnen sind grausam gemißhandelt, ihre Wohnungen geplündert; Gotteshäuser sind zerstört; selbst Menschenleben werden beklagt. Verglichen mit diesen Vorgängen erscheint der Krieg als ein geordneter Rechtszustand Noch ist das Ende des Frenels nicht abzusehen. Nicht abzuschätzen ist der angerichtete Schaden, groß die Zahl der aus ihrem Obdach und Erwerb Vertriebenen. Sofortige und reichliche Hülfe thut Noth, Hiilfe von Allen, welche helfen können und wollen.

Helfen ist eine Freude. In diese Hülfe mischt sich leider die Empfindung der Scham. Hier walten nicht zerstörende Mächte der Natur, nicht große Krisen der Geschichte, die Glück und Leben als Opfer zu fordern ein Recht haben. Es ist die entfesselte Rohheit der Menschennatur, die wir längst gebändigt wähnten. Die Barbarei des Mittelalters lebt wieder auf und das Fortschreiten der Humanität steht in Frage. Grauenvoll beleuchtet diese Katastrophe die ungeahnte Tragweite eines verhängnißvollen Treibens. — Wir fragen nicht, wer den aufgegangenen Samen ausgestreut habe, wir untersuchen nicht, wie Wahnwitz und Nichtswürdigkeit sich in die Schuld theilen; wir wünschen zu helfen, so weit Hülfe möglich ist. Daß dies leider nur zum kleinsten Theil der Fall ist, kann uns nicht abhalten, das Wenige zu thun. Wir bitten Alle, die diesen Jammer empfinden, dies auch mit der That zu beweisen.

Außer den Unterzeichneten sind zur Empfangnahme von Beiträgen bereit: die Bankhäuser: Delbrück, Leo u. Co., Mauerstr. 61/62, Frege u. Co., Jägerstr. 15 und Platho u. Wolff, Breitestr.

Berlin, den 3. Juni 1881.

Dr. Abraham, Sanitäts-Rath. Dr. Berthold Auerbach. Dr. Barth, Professor an der Universität, J. Baswitz. Professor Dr. theol. Baumgarten, Mitglied des Reichstages. Dr. Bernstein, Privat-Dozent. Professor Dr. Bertram, Stadtschulrath. Julius Bleichröder. G. von Bunsen, Mitglied dez Reichstages. Dr. Cauer, Stadtschulrath. Delbrück, Geh. Commerzien-Rath. Dietmar, Stadtverordneter. Geh. Reg.-Rath Duncker, Bürgermeister. Eberty, Stadtsyndicus. Adolph Eichmann, Rentier. Dr. von Forckenbeck, Mitglied des Reichstages. Dr. Frankl, Rabbinatsassessor. Frentzel, Commerzien.Rath. Justiz-Rath Freund, Mitglied des Reichstages. S. Friedländer, Commerzien-Rath. Professor Dr. Goldschmidt, Geh. Justiz-Rath. Herm. B. H. Goldschmidt. Dr. Hänel, Professor a. d. Universität. August Heckmann, Geh. Commerzien- Rath. Herz, Geh. Commerzien- Rath. Dr. Hirschberg, Professor an der Universität. Professor Dr. Hofmann, Rector an der Universität. Dr. Hoßbach, Prediger. Dr. Fr. Kapp. Prof. Dr. Karsten, Mitglied d. Reichstages. Prof. Dr. Kirchhoff, Geh. Rath. Dr. Körte, Geh. Sanitäts-Rath. Lachmann, Geheimer Commerzien-Rath. Dr. Langerhans, Mitglied des Abg.-Hauses. Dr. Eduard Lasker, Mitglied d. Reichstages. Dr. Lazarus, Professor an der Universität. Lesse, Justizrath. M. G. Levy. E. Leyden, Geheimer Medizinal-Rath. L. Liebermann, Stadtverordneter. Dr. Lisco, Prediger. Dr. W. Loewe-Calbe, Mitglied des Reichstages u. d. Landtages. Löwenherz, Regierungs-Rath. Stadtrath Magnus, Geheimer Commerzien-Rath. Makower, Justiz-Rath. Dr. Mendel, Mitglied d. Reichstages. Justiz-Rath Meyer, Stadtverordneter. Dr. Josef Meyer, Professor a. d. Universität. Möllhausen, Justiz-Rath. Dr. Mommsen, Prof. a. d. Universität. Prediger Neßler, Mitglied d. Reichstages u. d. Landtages. Sanitäts- Rath. Dr. Neumann. J. Neumann. J. Platho. Rickert, Mitglied d. Reichstages u. d. Landtages. Dr. Ritter, Prediger. Dr. Scherer, Prof. a d. Universität. Schmeidler, Prediger. Schröder, Kammergerichtsrath. Dr. Schulze-Delitzsch, Mitglied des Reichstages. Freiherr Schenk von Stauffenberg, Mitglied des Reichstages. Dr. W. Straßmann, Mitglied des Abgeordnetenhauses. Dr. Thomas, Prediger. Rechtsanwalt A. Träger, Mitglied d. Reichstages und des Landtages. Dr. Ungerleider, Rabbinats-Assessor. Professor Dr. Virchow, Geheimer Medizinalrath. von Wilmowski, Justizrath Wolff, Stadtrath. Rechtsanwalt Dr, jur.Wolfsson, Mitglied des Reichstages. Stadtsyndikus Zelle, Mitglied des Abgeordnetenhauses. Dr. Zunz.

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