Grundversorgung ohne Grenzen

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von Henning Helmhusen

Die letzte Wachstumsbranche in Deutschland sind die Öffentlich-Rechtlichen. Auch wenn sie mit einem spärlichen Etat von gerade einmal 9,1 Milliarden Euro pro Jahr — also in etwa der Börsenkapitalisierung von Henkel oder mehr als dem Doppelten der von Lufthansa — auskommen müssen, fällt ihnen immer wieder etwas Neues ein, womit sie uns grundversorgen können. Leider bleiben dabei die besten Programme oft vollkommen unbekannt. Dem möchten wir Abhilfe verschaffen und einen Überblick geben, was sich der Zuschauer demnächst in der Bildröhre brutzeln kann: 

Astro-WDR: Wer noch keinen Stern auf dem Walk of Fame hat, kann sich hier aus denselben lesen lassen. Dazu muß man nur bei der kostenpflichtigen Gebührenleine anrufen und sich die GEZ-Formulare legen lassen, Die Moderatoren im Studio kombinieren das mit leichter Belehrung über Ozonloch und Klimawandel. Ein Glücksgriff gelang dem neuen Sender insbesondere mit der Anwerbung von Madame Teissier. Für schlappe 1,5 Millionen Euro konnte diese den älteren Zuschauern noch wohlbekannte Moderatorin aus der Versenkung hervorgelockt werden. 

ZDF International: Oft werden die Mainzelmacher als provinziell verschrieen. Daß dem nicht so ist, zeigen sie jetzt mit einem eigenen Kanal. Zuschauermagnet ist dabei die Sendung „Goodbye Mainz“, in der ZDF-Redakteure mit der Kamera begleitet werden, die sich nach Schulbesuch, Studium und Berufstätigkeit zum ersten Mal in die Fremde außerhalb von Mainz wagen, beispielsweise nach Wiesbaden oder sogar Frankfurt am Main. Moderiert wird die Sendung von Kurt Beck, der dem Konkurrenzsender SPD Comedy für 2,1 Millionen Euro ausgespannt werden konnte. 

Phoenix Homeshopping Channel: Das Programmkonzept dieses kleinen, aber feinen Spartenprogramms kann nichts weniger als innovativ genannt werden. Um die Antikommerzialität zu wahren, werden nämlich alle Waren grundsätzlich nur mit freundlicher Unterstützung und per Product-Placement vorgestellt. Man will schließlich werbefrei bleiben. Und auch die Palette unterscheidet sich wohltuend von der der profitorientierten Konkurrenz. Hier bekommen die schnellsten Anrufer nicht etwa ein 523teiliges Messerset fast geschenkt dazu, sondern 523 wohlfeile Tipps zum Bau des eigenen Solar- oder Windkraftwerks. Als Moderatoren konnten für gerade einmal 2,3 Millionen Euro Claas und Joko vor einem Karriereknick bewahrt werden. 

BNN – Bavarian Network News: CNN und Al Jazeera müssen sich ab jetzt warm anziehen, denn mit BNN geht ein Nachrichtensender an den Start, der weltweit Zuschauer über das Geschehen in Bayern aufklären soll. Neben Backstage-Berichten von der Super-Hitparade der Volksmusik (Moderation: Michael und Marianne, Gage 3 Millionen Euro) gibt es hier exklusive Homestories aus den wechselnden Haushalten von Horst Seehofer. In einem heißen Bietergefecht mit dem Muttersender BR konnte der vormalige Ministerpräsident Stoiber zum Schnäppchenpreis von 1,7 Mio. Euro abgeworben werden. Er moderiert „Der Situationsstadl“, wo er kontrovers mit Redakteuren des Bayernkuriers über das Weltgeschehen in München und am Flughafen diskutiert. 

ARTE Prolo: Auf Breitenwirkung setzt hingegen das Geisteskind des deutsch-französischen Gemeinschaftssenders. Flakschiff-Sendung ist natürlich „Das perfekte Prolo-Dinner“. Hier treten die Kandidaten mit dem Ziel an, sich gegenseitig bei der Auswahl der Traininghosen und Tiefkühlgerichte in den Schatten zu stellen. Moderiert wird die Sendung dabei für einen ungenannten Betrag von Dieter und Naddel Bohlen. Nicht allein das dient einem guten Zweck, auch die tägliche Sportsendung „Hooligan-TV“ kommt dem Bildungsauftrag nach, genauso wie die Nachmittags-Talkshow „Ballerfrau“ mit Daniela Katzenberger (Honorar: 1,9 Mio. Euro), in der wichtige Fragen des Tages beleuchtet werden wie „Pils oder Alt – was ist besser für die Beauty?“ oder „Permanent Makeup auch für Hirnfurchen?“.

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