Touren während der Sommerhetze 1881

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Wir haben hier eine gewisse Schwäche für spanische Könige. Unlängst wünschten wir etwa Juan Carlos Alfonso Víctor María de Borbón y Borbón-Dos Sicilias eine rasche Gesundung nach seinem Jagdunfall.

König Alfons XII. von Spanien, Quelle: Wikipedia

Und hier ist nun ein Name, den man sich unbedingt auch merken sollte: Alfonso Francisco de Asís Fernando Pío Juan María de la Concepción Gregorio Pelayo de Borbón y Borbón. Weniger Gedächtnisstarke dürfen ihn auch einfach König Alfons XII. von Spanien nennen.

Warum?

Wir schreiben das Jahr 1881. Am 13. März wird Zar Alexander II. bei einem Attentat der Narodnaja Wolja ermordert. Dies ist nicht nur tragisch, weil der Zar nur Tage davon entfernt war, Rußland zu liberalisieren und ein Parlament zu gewähren, sondern auch, weil sein Sohn, der das Attentat miterlebt hat, ab nun in die genau entgegensetzte Richtung steuert und auf Repression setzt. Es führt auch dazu, daß eine Kette von Pogromen beginnt, die sich über die nächsten drei Jahre erstrecken wird. Den Juden wird unter anderem das Attentat gegen Zaren angehängt. Ein zweitägiges Pogrom findet am 15. und 16. April 1881 in Jelisawetgrad statt, ein dreitägiges in Kiew vom 26. bis 28. April 1881.

Der russische Staat und das Militär lavieren zwischen Unterdrückung der Ausschreitungen aus Sorge um die allgemeine Ordnung und offener Unterstützung. Aber auch revolutionäre Gruppen fördern die Pogrome, weil sie sich davon versprechen, daß die Verfolgung der Juden sich zu einer Verfolgung aller Reichen und Mächtigen ausdehnt, wiewohl die drangsalierten Juden nicht unbedingt zu den Reichen und schon gar nicht zu den Mächtigen zählen.

Die zivilisierte Welt ist empört. Es kommt zu Sammlungen für die Verfolgten, so beispielsweise nach einem Aufruf von Persönlichkeiten des Berliner öffentlichen Lebens am 3. Juni 1881. In Deutschland hat sich mittlerweile allerdings auch eine antisemitische Bewegung formiert. In einer Petition an den Reichskanzler, die am 13. April 1881 überreicht wird, ist eine ihrer Hauptforderungen, eine Zuwanderung von Juden zu unterbinden. Reichskanzler Bismarck unterstützt zwar diese Petition formal nicht, zeigt sich aber wohlwollend gegen die Antisemiten, die er gut im Wahlkampf gegen die Fortschrittspartei gebrauchen kann. Ergebenheitstelegramme werden höflich beantwortet.

Wie die aus Rußland nach Spanien flüchtenden Juden unbehelligt ihren Weg über Deutschland nehmen können.

Während Bismarck hier eher eine zynische Taktik verfolgt als selbst von Antisemitismus getrieben zu sein, hat der preußische Innenminister Robert Viktor von Puttkamer freie Hand, die Antisemiten zu protegieren (vgl. Freisinnige Zeitung vom 13. Juni 1888). Am 22. Mai 1881 spricht sich Bismarck in einer Sitzung des Preußischen Staatsministeriums gegen die Einwanderung von Juden aus und Puttkamer gegen deren Naturalisierung (Einbürgerung), vgl. Protokolle des Preußischen Staatsministeriums, Band 7, Seite 85.

Und nun kommt König Alfons XII. von Spanien ins Spiel. Im Juni überrascht er alle mit dem Angebot, daß 60.000 Juden aus Rußland nach Spanien kommen dürfen. Damit solle das Unrecht ausgeglichen werden, das den spanischen Juden mit dem Alhambra-Edikt von 1492 angetan worden war, als diese Spanien verlassen mußten. Die meisten Juden in Rußland stammen zwar nicht von den spanischen Juden ab — diese flohen zunächst nach Portugal, von wo sie 1496/1497 dann auch vertrieben und von Sultan Bayezid II. mit den Worten „Wie töricht sind die spanischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen und ihren ärgsten Feinden überlassen.“ in die Türkei eingeladen wurden —, aber das ist auch mehr eine Deklaration gegen das Unrecht der Verfolgung. Kurz darauf kommen auch aus Portugal ähnliche Vorschläge.

Am 29. Juni 1881 bringen die „Berliner Wespen“ die Karikatur „Aus unserem Reisehandbuch. (Für Touren während der Sommerhetze.)“ Die nach Spanien flüchtenden Juden zeigen dem Führer der Antisemiten, Hofprediger Stöcker, die Nase. Den „Berliner Wespen“ geht das Thema nahe: einer der beiden Redakteure, Alexander Moszkowski, stammt selbst aus einer jüdischen Familie, die aus Rußland eingewandert ist.

Ausführlich und erfreut berichtet die Allgemeine Zeitung des Judenthums in ihrer Ausgabe vom 5. Juli 1881:

Die Einwanderung in die Pyrenäische Halbinsel.

Die überraschende und hocherfreuliche Nachricht des Pariser „Temps“, daß die spanische Regierung 60,000 russischen Juden die Niederlassung in Spanien zugestanden habe, findet jetzt ihre Bestätigung in den Correspondenzen anderer öffentlicher Blätter. So bringt die „Voss. Z.“ aus Madrid vom 17. Juni folgenden Bericht. „Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, hat eine Kommission der aus Südrußland vertriebenen Israeliten sich in Konstantinopel an die dortigen Vertreter der fremden Mächte mit der Bitte um Schutz und Ausnahme in deren respektiven Ländern gewandt. Gleichzeitig stellte sich aber auch ein einzelner Agent jener Unglücklichen beim spanischen Gesandten am türkischen Hofe, Grafen Rascon, mit einem ähnlichen Gesuche ein, welches angeblich von 60,000 Juden ausgeht, deren Vorfahren, wie wohl nur mit geringer Berechtigung behauptet wird, seiner Zeit von der spanischen Inquisition vertrieben, nach Rußland geflüchtet seien, gegenwärtig aber an der russisch-türkischen Grenze einen provisorischen Aufenthalt genommen haben. Graf Rascon beeilte sich, eine bezügliche Note an die hiesige Regierung zu richten und fand in Folge dessen vorgestern ein Ministerrath hier statt, in welchem einstimmig die Wiederaufnahme dieser Israeliten beschlossen wurde. Das Telegramm, welches der spanische Ministerpräsident Sagasta gestern an den Grafen Rascon abließ, lautet, wie hiesige Blätter melden: „S. M. dem König von Spanien und Höchstdessen Regierung würde es zu besonderer Genugthuung gereichen, wenn die aus Rußland auswandernden Juden in ihr altes Vaterland zurückkehrten.“ Desgleichen wird versichert, daß König Alfonso im Verlaufe des vorgestrigen Ministerconseils die bezeichnenden Worte habe fallen lassen: »Es ist unsere Pflicht, wenn auch theilweise die Mißgriffe (des aciertos) Unserer Vorfahren wieder gut zu machen: die Vertreibung der Israeliten war eines der größten Versehen, die je in Spanien begangen wurden.“ Es ist in der That ein gar merkwürdiger Zug der Geschichte, der sich in diesen Vorgängen verräth. Die hiesige liberale Presse begrüßt den Beschluß des Ministerraths mit lautem Jubel; nur die conservativen und ultramontanen Blätter hegen Bedenken und Befürchtungen gegen diesen Beweis einer Liberalität, die allerdings für das bevölkerungsarme Spanien unter Umständen von ganz besonderer Wichtigkeit sein kann.“

Merkwürdiger Weise wird aber auch zugleich in Portugal, und zwar von portugiesischer Seite, die Aufnahme von Juden gefordert. Ein Telegramm aus Lissabon meldet, daß das Blatt Commercio „sich der Sache der Juden annimmt und den König und die Minister auffordert, die aus Portugal stammenden Juden, welche jetzt in Deutschland wohnen, zurückzurufen“. Wenn die Bewerbung um das Niederlassungsrecht in Spanien von den dazu bereiten Juden selbst ausging, so müssen diese denn auch schon über die Mittel und Wege sich klar geworden sein, auf welchen die Uebersiedelung von der russisch-türkischen Grenze nach Spanien praktisch ausführbar sei, und es steht uns nicht an, Zweifel darüber zu erheben, sondern die Weiterentwickelung wäre abzuwarten.

Von der theoretischen Seite ist das Ereigniß aber jetzt schon von hohem Interesse. Als wir im Jahre 1856 bei den damaligen Cortes um die Zurücknahme dee Verbannungsdekrets vom 11. März 1492 und die Aufnahme von Juden in Spanien aus dem Grundsatze der Gleichberechtigung petitionirten — die Erfüllung dieses Gesuches wurde durch die bald darauf eingetretene Rückkehr der reaktionären Gewalt verhindert,— sprachen sich viele spanische Publicisten und Schriftsteller dahin aus, daß die Verbannung der Juden nicht bloß ein großes Unrecht, sondern ein folgenreicher politischer Fehler gewesen und daß es Zeit sei, beide wieder gut zu machen. In der obgedachten Bewilligung der spanischen Regierung ist daher eine Verurtheilung des Spaniens des 15. und 16. Jahrhunderts enthalten, aber auch eine Rechtfertigung der Juden und eine Widerlegung jener, jetzt so häufig wieder colportirten Anschuldigung, daß die Juden einem Lande nicht nützlich, sondern schädlich seien. Nach dieser Richtung hin äußerten sich denn auch viele Zeitungen. Die „Wiener Allg. Zeitg.“ sagte:

„Das liberale Vorgehen der spanischen Regierung scheint in Madrid Beifall gefunden zu haben; für gewisse Leute im Centrum des Welttheils, die gern auf deutschem Boden im neunzehnten Jahrhundert spanische Politik aus dem fünfzehnten Jahrhundert wiederholt hätten, liegt in der Haltung der Regierung des Könige Alfonso eine wohlverdiente Demüthigung. Freilich wird sie bei den Gesellen, welche die publizistischen Judenhetzen in Deutschland organisiren, wirkungslos bleiben, der Appell an ihre Scham ist so wirkungslos wie der an ihre Vernunft.“

Die „Voss. Zeitg.“ bemerkte: „In einer Zeit, wo im sogenannten Centrum der Civilisation wieder die spanische Verfolgungssucht vergangener Jahrhunderte erwacht ist und die Fanatiker kirchlicher und nationaler Einheit von Neuem das Banner des Obscurantismus und der Intoleranz entrollt haben, müßte man es mit doppelter Freude begrüßen, wenn die Prinzipien wahrster Humanität in einem Lande zum Ausdruck kämen, dae nach der entgegengesetzten Richtung unendlich viel zu sühnen hat.“

Die Fassung, welche das angeführte portugiesische Blatt seiner Aufforderung an die Regierung giebt, ist wenig praktisch. Nachkommen der portugiesisch-spanischen Juden wohnen in Deutschland nur in Hamburg und Altona, und diese werden sich durch die geforderte „Zurückberufung“ nicht bewogen fühlen, ihr Vaterland zu verlassen. Die [nationalliberale] „Köln. Ztg.“ bemerkt dazu:

,,Soweit ist es doch noch nicht in Deutschland gekommen, daß die Juden ihre Koffer packen, um Zuflucht im Auslande zu suchen; wenn es auch nicht daß Verdienst Herrn Stöckers und seiner Nachbeter ist, daß die Sorgen unnütz sind, die jenes portugiesische Blatt sich macht.“

Dies ist ganz richtig; aber es beweist doch, in welchen schlimmen Ruf Deutschland durch jene ganze Agitation gekommen ist. Uebrigens hat gerade die „Köln. Ztg.“ äußerst wenig dazu gethan, daß „jene Sorgen unnütz sind“.

— Einige Journale, die es mit der Wahrheit nicht sehr genau nehmen, bringen Correspondenzen, welche nur geeignet sind, falsche Vorstellungen zu erregen, und später um so bittere Enttäuschungen. So läßt sich die „Polit. Corr.“ [d. i. die offiziöse „Politische Correspondenz“, redigiert im preußischen Innenministerium] aus Konstantinopel einen Bericht senden, in welchem schon von jüdischen Colonien in Spanien, von Schulen, von Dampferlinien, welche die Flüchtlinge nach Spanien regelmäßig bringen sollen, die Rede ist. Als sicher ist nichts weiter anzunehmen, als daß von jüdischer Seite durch den spanischen: Gesandten in Konstantinopel bei der spanischen Regierung, angefragt worden, ob die Juden in Spanien Ausnahme fänden, und daß dies von der letzteren und dem Könige Alfons bejaht worden ist. Die liberalen Parteien und Blätter in Spanien stimmen aufs Wärmste bei, während die ultramontanen und reaktionären Zeitschriften, welche die spanische Glaubenseinheit unverletzt erhalten wollen, dagegen losstürmen. Daß Letzteres auch in französischen und deutschen Blättern dieses Schlages geschieht, versteht sich von selbst. Nicht unbemerkt wollen wir aber lassen, daß die Augsburger „Allg. Ztg.“ in ihrer Beilage vom 22. Juni einen Artikel enthält „Der Eisodos der Juden in Spanien“ (d. i. Einzug), der Alles an Perfidie übertrifft, was über diesen Gegenstand gesagt werden kann, und bereits den Juden in Spanien Verfolgungen prophezeit, ärger als in Rußland. Der Verf. der jedenfalls ein Gelehrter ist, hat aber nur geringe Kenntniß von der gegenwärtigen Volksstimmung in Spanien, wie dies z. B. Perez Galdós in seinem Werke „Gloria“ zum Ausdruck gebracht hat. Bekanntlich ist die A. A. Z. den Ultraimontanen und Reaktionären gegenüber sehr liberal, aber den Liberalen gegenüber sehr reaktionär, namentlich was die Juden betrifft, obgleich sie sich die Beiträge jüdischer Literaten gern gefallen läßt, wie z. B. die bez. Nummer erweist.

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